Der südafrikanische Pilger Edzard Meyberg macht Station an der Beeke / Reise von München über Berlin nach Osnabrück

1400 Kilometer Sinnsuche

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Edzard Meyberg ist auf dem Weg nach Osnabrück.

Scheeßel - Von Ulla Heyne. Der deutschstämmige Südafrikaner Edzard Meyberg, Sohn eines deutschen Missionars, wandert seit Ende März durch die Bundesrepublik – vom Münchener Hofbräuhaus über das Brandenburger Tor und die Reeperbahn bis zur Lutherkirche in Osnabrück. Vor einigen Tagen machte er mit seinem Bollerwagen in Scheeßel Station. Wir sprachen mit ihm über die Hintergründe und seine Erlebnisse.

Herr Meyberg, eine Wanderung quer durch Deutschland - wie kam es dazu?

Edzard Meyberg: Die Idee hab ich schon seit gut fünf Jahren. Zuerst hatte ich überlegt, den Jakobsweg zu wandern, doch zu Spanien habe ich jedoch keinen Bezug. Also beschloss ich, meine eigene Strecke zu machen. Deutschland kannte ich von den Besuchen in meiner Kindheit – allerdings hauptsächlich vom Sofa von Verwandten aus, vor mir ein Stück Torte. Es war nett mit der Familie, aber man erlebt eben nicht das Land.

Was ist der Sinn der Reise: Das Wandern oder das Land kennen zu lernen?

Meyberg: Nach zwei Jahren als Masseur in Wellness-Spa in Pretoria, wo ich nicht sehr glücklich war, dachte ich: Jetzt ist es soweit. Gespart hatte ich schon seit Jahren. So wurde die Schnapsidee zum konkreten Plan. Dann habe ich angefangen, den genauen Weg zwischen München und Berlin zu planen. Die 600 Kilometer schienen mir aber zu kurz. So habe ich gedacht: Wenn ich es von München nach Berlin schaffe, dann möchte ich weiterlaufen nach Hamburg und Osnabrück. Dort kommt mein Vater her. Vom Hofbräuhaus als Startpunkt zum Brandenburger Tor in Berlin; in Hamburg war für mich ein markanter Punkt die Reeperbahn und jetzt zur Lutherkirche – für mich das Symbol für Osnabrück. Dort war mein Großvater im Kirchenvorstand, mein Onkel war da Küster.

Was hat Sie nach Scheeßel geführt?

Meyberg: Pastor Burfeind war ein Studienkollege meines Vaters. Seine Frau kommt auch aus Südafrika. Wir kennen uns auch schon lange und haben uns immer mal wieder gegenseitig besucht. Und Scheeßel liegt praktisch auf der Strecke.

Und dann sind Sie ins Trachtenfest geraten – hat das nach Ihrer Reise durchs heutige Deutschland nicht rückwärts gewandt gewirkt?

Meyberg: Wenn man das vor der Haustür hat, sieht man das vielleicht so. Das geht uns mit unseren Zulu-Tänzen genauso. Aber wenn die nach Europa kommen, sind alle verrückt danach, weil es eben exotisch ist. Die deutschen Trachten sind vielleicht nicht exotisch genug, um aus deutscher Perspektive interessant zu sein. Ich finde es schön, dass alte Kultur noch gelebt wird. Als jemand mit Deutschen Wurzeln bemühe ich mich auch darum, die Sprache hochzuhalten und nicht einfach aufzugeben. Es ist gut, sein Vermächtnis zu ehren. Was ich in Deutschland schade finde, ist, dass man dann gleich in die Nazi-Ecke gerückt wird.

Geht es bei ihrer Route da auch um bestimmte Landschaften oder Punkte?

Meyberg: Das Sightseeing ist mir nicht so wichtig. Ich bin auch keine großen Umwege gelaufen, um irgendetwas Bestimmtes zu sehen. Wenn ein Museum auf dem Weg lag, habe ich es mir gern angeguckt; einen Tag dafür unterbrochen hätte ich meine Wanderung aber nicht. Es ging mir mehr darum, zu gehen und bei mir zu sein.

Sie sagten eben, Sie wollten sich beweisen, dass Sie es schaffen. Haben Sie sich deshalb auch selbst auferlegt, niemals zu schummeln und jeden Meter der Strecke selbst zu gehen?

Meyberg: Zum Teil habe ich sogar auf der Landkarte geguckt, ob ich nicht einen Umweg gehen kann, um keine Fähre nehmen zu müssen. Über die Elbe musste ich aber dann doch eine nehmen – schon wegen des Bollerwagens.

Wie kam es zu dem?

Meyberg: Ich hatte in Südafrika trainiert und ab Oktober langsam aufgebaut. Zuerst drei Kilometer, dann fünf. Mit Rucksack habe ich schnell gemerkt, dass ich Probleme bekomme. Das war ein Punkt wo ich dachte: Muss ich jetzt ganze Reise absagen? Dann kam mir die Idee: „Gepäck muss ja nicht getragen werden!“ So habe ich den Bollerwagen im Internet gefunden. Der ist auch zusammenklappbar und kann in der Bahn transportiert und getragen werden. Als ich ankam, hatte ich 22 Kilo, inzwischen sind es durch Souvenirs wohl so 30 bis 40.

Wo haben Sie übernachtet ?

Meyberg: In den Großstädten hatte ich Stützpunkte. In München und Berlin habe ich Bekannte, wo ich wohnen konnte. In Hamburg leben Verwandte.

Und dazwischen?

Meyberg: Ich wusste vorher: Jede Nacht in Pensionen zu schlafen, würde viel zu teuer. Und es hätte wieder den Zwang bedeutet, einen bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit zu erreichen und eine Unterkunft zu suchen. Ein Zelt war mir zu viel Gewicht, dazu der Auf- und Abbau. Für die Hängematte brauchst du nur ein Seil und zwei Bäume. Und wenn du 30 Kilometer gelaufen und todmüde bist, schläfst du in zwei, drei Minuten ein. Die Hängematte war ideal, wenn auch nicht ganz ohne Tücken. Das Schlafen war nicht wirklich gemütlich. In der ersten Nacht im April war es so kalt, dass ich von meinem eigenen Zähneklappern wach geworden bin. Da hatte ich den Trick noch nicht so raus, was ich anziehen muss und dass man sich nicht zudecken, sondern unterdecken muss – die Kälte kommt von unten. Und bewegen darf man sich auch nicht viel. Und man kann nicht einfach so aufstehen, sondern muss sich erst wie eine Made aus den einzelnen Schichten winden.

In Ihrem Blog schrieben Sie, dass Sie spontan zum Übernachten eingeladen wurden?

Meyberg: Ja, ein Mal. Ich habe aber auch nicht so den Kontakt gesucht. Ich mag keine Menschen anquatschen. Wo ich mich überwunden habe, war, wenn ich Leute im Garten gesehen habe. Dann habe ich sie angesprochen, ob ich meine Wasserflasche füllen kann. In einem Lokal lief abends Bayern gegen Dortmund. Ich saß abseits und habe Tagebuch geschrieben. Die Gruppe Fußballfans, die auf einer Leinwand das Spiel verfolgt haben, dachten wohl, dass ist einer von Sky, der sich wegen irgendeiner Lizenz Notizen macht. Nach langem misstrauischem Beäugen hat mich irgendwann einer gefragt, ob ich von Sky wäre. Als das geklärt war, wurde ich an ihren Tisch eingeladen und später – ich hatte mir schon eine Brücke ausgesucht, aber es war recht kalt und sah nach Regen aus – hat einer seinen Kumpel mit einer Pension angerufen und Bett organisiert. Die ganze Gruppe ist mit dorthin gefahren und da haben wir dann noch Bier getrunken. Auf einem Marktplatz in Landau bei der Bundesgartenschau kam ich ins Gespräch mit einer Frau. Als sie ein Foto mit mir wollte, war ich auf einmal Mittelpunkt des Interesses ihrer gesamten Reisegruppe – die Blumen waren für den Moment vergessen (lacht). Mein Hut mit den Ansteckern und der Bollerwagen machen es einfacher, ins Gespräch zu kommen.

Hat sich Ihr Bild von Deutschland verändert?

Meyberg: Von vorigen Reisen hatte ich immer das Gefühl, dass die Deutschen sehr arrogant sind. Ich war mir aber auch bewusst, dass das vor allem Kontakte waren mit Busfahren, mit Kontrolleuren in der Bahn – also Leute, die tendenziell eher gestresst sind. Mit „Alltagsmenschen“ hatte ich weniger zu tun gehabt. Das hat sich alles relativiert. Ich kann die Momente, an denen ich nicht freundlich behandelt wurde, an einer Hand abzählen. Ich habe so viele tolle Leute kennen gelernt. Wenn es einmal weniger schön oder komisch war, dann immer in einer Situation, wo eine Dienstleistungsbeziehung bestand. Da hab ich gedacht: Leute, wie geht ihr mit euren Kunden um?

Neben der Service-Wüste beschreiben Sie in Ihrem Blog auch die Landflucht.

Meyberg: Ja, das wusste ich im Prinzip schon. Aber so extrem hatte ich es doch nicht erwartet. Und was mir aufgefallen ist, dass in bestimmten Städten die alten Häuser einfach so gelassen werden. Dass die nicht merken, was das mit dem Stadtbild tut, an dem Empfinden, dort zu sein. Man braucht doch einfach nur einen Pott Farbe zu nehmen. Muss das denn wirklich noch so aussehen wie nach dem Krieg? In Leipzig ist mir das zum Beispiel aufgefallen: Ein toll renoviertes Hochhaus, während die andere Hälfte total verfallen war. Und dann komme ich nach Estland; ein furchtbar armes Land, das so lange unter dem Kommunismus gelitten hat – ähnlich alte Häuser, aber ein ganz anderes Straßenbild. Die haben was draus gemacht. Deutschland hat so viel Kultur – aber euer Stadtbild – dass ihr das nicht seht!

Wie steht es mit den Menschen – die Deutschen haben im Ausland ja den Ruf, pünktlich, zuverlässig, fleißig und langweilig zu sein. Hat sich das Klischee bewahrheitet?

Meyberg: Auf jeden Fall bestätigt hat sich das Klischee vom meckernden Deutschen. Egal ob es regnet oder sonnig ist – gemeckert wird bei jedem Wetter. Da dachte ich manchmal: „Seid doch einfach mal ein bisschen gelassener.“

Gab‘s besondere Momente?

Meyberg: Viele. Die Reise an sich. Von der Strecke her der Moment, als ich in Köstein den höchsten Punkt der Tour erreicht hatte. Das letzte Stück war so steil, dass ich den Bollerwagen gar nicht richtig hinter mir herziehen konnte. Ich habe meinen Rucksack dann getragen. Da bin ich zehn Schritte gelaufen und habe dann eine Pause gemacht. Auf den letzten 50 Metern reißt mir mein Seil und der Bollerwagen schießt wieder den Weg herunter ins Gebüsch. Also alles nochmal von vorn. Im Wirtshaus oben, eigentlich mit Übernachtung, gab´s zumindest noch ein kaltes Bier und eine frische Knödelsuppe. Für die Nacht habe ich dann meine Hängematte zwischen zwei Pfeiler des Aussichtsturms gehängt. Das war zwar kalt, weil es windig war, aber herrlich. Ein weiteres emotionales Highlight war der Moment, als ich durchs Brandenburger Tor ging. Die letzten zwei Tage hatte ich mich verschätzt. 15 Kilometer war ich nur mit drei Reifen gelaufen. Die Strecke nach Potsdam zog sich ewig hin, 42 Kilometer an einem Tag. Die Straße des 17. Juni nahm kein Ende. Und dann nach den letzten 15 Kilometern geradeaus das Brandenburger Tor: Das war unglaublich. Und dann saß ich da am Tor und merkte: Ich muss ja noch vier Kilometer zur Wohnung meiner Bekannten laufen. Nach 88 Kilometern in zwei Tagen war ich völlig platt, aber der Moment war so schön.

Wenn Sie wieder nach Hause kommen, sind Sie dann ein anderer Mensch?

Meyberg: Ja. Ohne psychologisch werden zu wollen: Ein bisschen habe ich die Energie ausgelebt, die andere in ihrer rebellischen Jugend ausgelebt haben. Insofern empfinde ich die Reise auch als nachgeholte Jugend, als Ausbruch aus Konventionen, aber auch als Erwachsenwerden – das Ausbrechen aus Strukturen. Ich habe auf allen Ebenen so viel erlebt, auch innere seelische Stärkung, dass ich auf jeden Fall sage: Ich bin ein anderer Mensch.

Was macht das Pilgern mit einem, jenseits der Blasen?

Meyberg: Pilgern gibt dir den inneren Raum, dich selber zu entwickeln. Weil man auf sich allein gestellt ist, braucht man keine Rücksicht zu nehmen und hat Freiraum, man selbst zu sein. Man läuft und macht sich Sachen klar. Gar nicht unbedingt, dass man irgendwelche Antworten finden muss. Und es relativiert alles, was danach kommt. Wenn es Probleme oder Krisen gibt, kann ich mir bewusst sein: Ich bin 1400 Kilometer zu Fuß gelaufen – was willst du kleines Problem von mir? Das gibt einem eine innere Stärke.

Zur Person: Edzard Meyberg wurde 1968 als Sohn eines deutschen Missionars in Südafrika geboren und wuchs im Westlichen Transvaal auf. Nach dem Abschluss der Schule studierte er Fotografie und erhielt eine Anstellung am Staatstheater in der Hauptstadt Pretoria. Ab 2000 arbeitete er als selbständiger Fotograf, Designer und Webmaster, ab 2007 leitete er ein Gemeindebüro in Pretoria und ließ sich als Masseur in einem Wellness-Zentrum ausbilden, das er bis zu seiner Auszeit leitete.

edzardpilgert.wordpress.com

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