Auf der Suche nach einer Galionsfigur

Manfred Küppers vor der Ehrenwand im Scheeßeler Schießstand. - Foto: Röhrs

Scheeßel/Lauenbrück - Von Matthias Röhrs. Ratlose Gesichter in Scheeßel, Lauenbrück, Bartelsdorf, Abbendorf und Hetzwege. Wie in jedem Jahr haben die Schützenvereine in diesen Orten jetzt ihre traditionellen Schützenfeste gefeiert, allerdings keinen neuen König gefunden. Ein Novum für viele, das sich nicht so einfach erklären lässt. Von einer Überraschung spricht aber keiner.

Manfred Küppers ist dennoch enttäuscht. In Lederjacke sitzt er im Schießstand des Scheeßeler Schützenvereins, dem er vorsteht. Im Hintergrund die Wand, an der die Könige und Königinnen der Clubgeschichte verewigt sind. Jeder mit eigener Holztafel und Jahreszahl. Küppers selbst ist dort auch zu sehen. „2005 war das.“ Doch das Schild für dieses Jahr ist leer. Warum? „Das ist eine gute Frage“, sagt er.

Ein Schützenfest ohne Schützenkönig, in der 103-jährigen Geschichte des Vereins gab es das noch nie. Früher war das Amt noch mit viel Prestige verbunden, und ist es nach Küppers Meinung immer noch. „Der König ist unsere Galionsfigur“, sagt er. Er repräsentiere den Verein bei Ausmärschen und allen anderen Festen, die mit den Scheeßeler Schützen zusammenhängen. Doch schon in den vergangenen Jahren sei es schwieriger gewesen, einen König zu finden. Küppers hat damit gerechnet, dass irgendwann keiner mehr will. „Man muss Lust dazu haben“, und erst recht dürfe man niemanden drängen. Viele seien auch schon mal König gewesen – teilweise mehrfach. „Irgendwann macht das keinen Spaß mehr.“

Im Verein zerbricht man sich nun den Kopf, was sich ändern muss, um das Amt wieder attraktiver zu machen. Küppers ist überzeugt, dass weiterhin viele Schützen eigentlich gerne einmal König wären. Gründe dagegen gibt es aber halt auch, Geld zum Beispiel: 500 Euro, die der König und sein Vize jeweils an den Verein zahlen, um den jährlichen Königsabend mitzufinanzieren, dazu gibt es eine Reihe von Anlässen, wo erwartet wird, dass der König einen ausgibt, und schließlich das Herrichten des Hofes für das Abholen beim nächsten Schützenfest durch die Vereinsmitglieder. Zweimal machen sie das an einem Festwochenende, und immer muss der König sie bewirten – mit kleinem Festzelt und Blaskapelle. Alles Tradition. Vergleichsweise vielen – insgesamt 13 – Anlässen gilt es als Scheeßeler Regent insgesamt über das Jahr hinweg beizuwohnen. Bei Ausmärschen wie nach Sothel oder zum Kreisschützenfest legen die mitkommenden Kameraden aber auch mal um, relativiert Küppers. Dennoch: Etwa 2 000 Euro koste es, ein Jahr König in Scheeßel zu sein, rechnet er nach. Viel Geld, auch wenn es eine Art Versicherung gibt, in dem viele – wie auch in anderen Vereinen – Mitglieder einzahlen, um den Betreffenden finanziell etwas unter die Arme zu greifen.

„Niemand will König zweiter Klasse sein“

Es ist vielleicht auch einfach die Zeit, der an dem Ansehen eines Schützenkönigs nagt. „Wir haben jetzt 2016 und nicht mehr 1987“, sagt Küppers. Das Interesse lasse nach. Das hat auch sein Amtskollege Dirk Abeling festgestellt, der den Schützenverein Abbendorf-Hetzwege führt. „Das hat sich abgezeichnet“, sein Kommentar zum Ausbleiben eines neuen Königs in diesem Jahr. „Der Titel ist einfach nicht mehr so trendig wie früher.“

Ein Teufelskreis, denn als einen Hauptgrund macht Abeling den fehlenden sportlichen Wettbewerb aus. „Niemand möchte König zweiter Klasse sein, der alleine oder nur mit wenigen Konkurrenten antritt.“ Wenn sich erst drei oder vier Schützen für das Königsschießen anmelden würden, glaubt er, würden weitere Folgen. Eine kritische Masse müsse erreicht werden. Obwohl er keine Schätzung abgeben möchte, wie sehr die Regentschaft in seinem Verein in die Brieftasche geht, hält auch er Geld für einen wesentlichen Faktor in dieser Frage. Gerade junge Leute – vielleicht mit zwei Kindern und Neubau – könnten sich das Amt nicht so einfach leisten.

Inge Blümke, Vorsitzende in Lauenbrück, führt den mangelnden Nachwuchs als einen der Gründe an. Gerade ihr Schützenverein habe damit zu kämpfen. „Mitglieder unter 50 Jahre fehlen uns“, sagt sie und steht damit nicht alleine da. Auch Küppers wünscht sich mehr Kameraden zwischen 25 und 40 Jahren. Blümke ist enttäuscht, dass in diesem Jahr keiner König werden wollte – auch für sie und ihrem Verein eine ganz neue Situation. „Es ist beschämend“, so die Schützin, ist aber zumindest beruhigt, dass ihr mit 50 Mitgliedern eher kleiner Verein nicht alleine mit diesem Problem dasteht. Dennoch: Mit etwa 1 500 Euro Kosten müsste ihrer Schätzung nach auch in Lauenbrück die neuen Könige rechnen.

Dass es am Amt selbst liegt, glaubt indes keiner. In den Vereinen überlegen Vorstände und Mitglieder nun, wie man genau mit der Situation umgehen will. Wie in Bartelsdorf, wo Vorsitzender Ulrich Hollmann mit einer Umfrage der Sache auf den Zahn fühlen will. „Die Zeiten ändern sich, wir müssen uns mitändern“, sagt er. Beunruhigt sind er und seine drei Amtskollegen jedoch nicht. „Man muss das nicht so verbissen sehen“, sagt Küppers in Scheeßel. Und Hollmann sieht das Positive daran, dass Bräuche wie das Abholen nun entfallen: „So haben wir mehr Zeit zum Feiern und zum Schießen.“ Dennoch, auf einen König will keiner im kommenden Jahr ein zweites Mal verzichten. Es ist schließlich alles Tradition.

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