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Ausstellung in Scheeßel: Suche nach einem Stück Heimat

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Von: Ulla Heyne

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Die Malerin Dietling Horstmann-Köpper und die Kuratorin des Kunstgewerbehauses, Birgit Ricke.
Auf einen Dialog zwischen Malerei und Literatur freuen sich die Malerin Dietling Horstmann-Köpper (v.l.) und die Kuratorin des Kunstgewerbehauses, Birgit Ricke. © Heyne

Scheeßel – Wer dieser Tage einen ersten Blick in die am heutigen Freitag zu eröffnende Ausstellung von Dietling Horstmann-Köpper auf dem Meyerhof erhascht, ist mit großer Wahrscheinlichkeit irritiert: Der Titel „Unvertraute Erinnerungen“ wirft mindestens ebenso viele Fragen auf wie der Untertitel „Malerei und Literatur“ oder die Werke selbst.

Zwei Dutzend Mal großformatig Öl auf Leinwand – doch die Szenen der Nachkriegszeit, die dem Familienalbum entsprungen scheinen, kontrastieren mit den ungewöhnlichen, lebhaften Farben, die den ersten Eindruck eines autobiografischen Narrativs ad absurdum führen. Hier geht nicht um konkrete Porträts, sondern um generalisierte Emotionen, den Puls einer Generation.

Die mutige Farbgebung der Werke von Horstmann-Köpper hat die Kuratorin des Kunsthandwerkerhauses, Birgit Ricke, sofort begeistert, als Elke Twesten, damals noch Landtagsabgeordnete, ihr 2015 den ersten Katalog der Künstlerin aus Schneverdingen vorlegte. Als zwei weitere Heimatverein-Mitglieder vor einiger Zeit ebenfalls nachfragen, wusste sie: Nun ist es höchste Zeit. Ihr Timing sollte sich als perfekt erweisen, hat die umtriebige Schneverdingerin doch gern mehrere Projekte in der Mache, teilweise über Jahre. Eins davon ist die in Scheeßel ausgestellte „Erinnerungsarbeit“ – nicht das erste Projekt, das in Kooperation mit der befreundeten Autorin Tanja Langer entstand.

Die Zusammenarbeit: eine „gegenseitige Befruchtung“. Basieren die präsentierten, seit 2016 entstandenen Werke eben nur zum Teil auf dem eigenen Familienalbum der Nachkriegszeit. Es sind Motive wie das Kleinkind in der Zinkwanne oder des britischen Besatzungsoffiziers im Gespräch mit dem jungen „Frollein“ nach Kriegsende. Sie vermischen sich mit Szenen aus Langers Roman „Meine kleine Großmutter & Mr. Thursday oder die Erfindung der Erinnerung“ – „eine interdisziplinäre Beleuchtung eines Themas, die so viel mehr Perspektiven zulässt“, schwärmt auch Ricke. In diesen Genuss kommt auch das Scheeßeler Publikum bei der Lesung von Langer am 22. April auf dem Meyerhof, einer Mischung aus Werksschau, Künstlergespräch und Autorenlesung – nicht die erste der beiden kreativen Frauen.

Die derzeitige und noch längst nicht abgeschlossene Beschäftigung mit Kindheitserinnerungen ist sicherlich auch der Lebensphase der 74-Jährigen geschuldet. Aber auch der Suche nach einem Stück Heimat, einem Andocken nach der Rückkehr nach vielen Jahren im Ausland.

Die international renommierte Malerin – die sechs gezeigten Skulpturen versteht sie eher als Verlängerung ihres ins Dreidimensionale gerichteten Stils – hat starke Bande nach Italien und Frankreich, wo sie regelmäßig ausstellt, aber auch nach Polen oder Estland. Dort werde ihre Kunst ganz anders wahrgenommen.

Dass ihre Nachkriegsimpressionen angesichts des Kriegs in der Ukraine traurige Aktualität gewonnen haben, hätte sich Horstmann-Köpper, mit Friedensprojekten wie einem Zyklus über jüdische Schriftstellerinnen eine glühende Verfechterin internationaler Verständigung, noch vor Kurzem nicht träumen lassen. Ihr nächster „Ausflug“ in die weite Welt steht übrigens unmittelbar bevor: Nach Beendigung der Ausstellung geht es mit dem Ehemann berufsbedingt nach Botswana.

Länger als bis zum Herbst will sie dort allerdings nicht bleiben – zuhause wartet der Dackel. Und dass Tiere in der Familie immer schon eine große Rolle spielten, davon kann der Besucher sich vom 9. April bis zum 15. Mai im Kunstgewerbehaus selbst überzeugen. Die Vernissage mit einer Werkseinführung durch Marianne Assenheimer und musikalischer Begleitung durch die Scheeßeler Schulmusikanten findet am Freitag, 8. April, um 18.30 Uhr bei freiem Eintritt auf der Meyerhofdiele statt.  

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