Meilenstein in Scheeßel weist auf Bau der heutigen B 75 hin

Ein stummer Zeitzeuge

Karsten Müller-Scheeßel weiß jede Menge über die Geschichte, die hinter dem Stein steckt. Fotos: Bonath

Scheeßel - Von Wieland Bonath. Ein grauer Spätherbstvormittag am Wochenbeginn mitten in Scheeßel: Lastzüge, Autos, Zweiräder und ein älterer Mann mit einem Rollstuhl sind auf der Bundesstraße 75 und dem seitlichen Bürgersteig unterwegs. Sie sind auf dem Weg zu Geschäftspartnern, fahren zu ihrem Arbeitsplatz, kommen von einem Einkauf oder wollen beim Spaziergang ein wenig frische Luft „tanken”. Für den alten Meilenstein – wuchtig, etwa 75 Zentimeter hoch und seit Jahren vor dem Holzzaun der evangelischen Kirchengemeinde – auch an diesem Vormittag dieselbe Beobachtung: Niemand registriert ihn. Ein stummer Zeuge der Vergangenheit, der viel erzählen könnte. Eine kleine, von der Gemeinde aufgestellte Infotafel, gibt knappe Hinweise: „Meilenstein an der von Napoleon ab 1811 gebauten Chaussee (heute B 75) – (1 Meile ca. 7,5 km)”.

Dr. Karsten Müller-Scheeßel, pensionierter Direktor der Scheeßeler Eichenschule und im Ruhestand unter anderem als Gemeindearchivar tätig, kennt wesentliche Teile aus der 208-jährigen Geschichte der B 75, die der französische Kaiser einst hat anlegen lassen als Vorbereitung für den Russlandfeldzug der „Grande Armée” und die den Südteil des Landkreises Rotenburg durchquert, den Wümme-Kreis bei Ottersberg erreicht und kurz hinter Stemmerfeld in den Landkreis Harburg mündet. Da, wo heute PS-starke Fahrzeuge oft dicht gedrängt über den Asphalt surren, klapperten vor 200 Jahren noch Pferdehufeneisen auf Pflastersteinen. Postkutschen, Ackerwagen und Kanonen rollten auf Speichenrädern und in kleiner Zahl bedächtig, immer wieder von Radbruch aufgehalten, durch den Landkreis.

Ganz langsam, aber unaufhaltsam nahm die Verkehrsdichte zu. Wegegelderheber Krämer und Gastwirt Otto Eggers, vor dessen Haus Nummer 29 an der Großen Straße der Scheeßeler Meilenstein damals gestanden habe, habe 1820, so Dr. Müller-Scheeßel, in einem Schreiben von „einer deutlichen Zunahme des Verkehrs als Folge des Baus der Chaussee” berichtet. Auch ein Beispiel, dass vieles relativ ist.

Müller-Scheeßel, der in Greifswald geboren wurde, 1945 mit seinen Eltern in den Kreis Rotenburg geflüchtet ist, das Ratsgymnasium in Rotenburg besuchte und in Göttingen sowie in Freiburg im Breisgau Geschichte, Geografie, Politik und Sport studierte und inzwischen seit 52 Jahren in Scheeßel lebt, holt ein wenig aus und gibt Informationen zu der alten Trasse der heutigen B 75. Ein historischer Verkehrsweg, weitgehend schnurgerade durch das Land gezogen und meist auf der Trasse der Napoleon-chaussee verlaufend.

In einer Info der Gemeinde Scheeßel heißt es unter anderem: „Von 1803 bis 1810 war unsere Region fast durchgehend von französischen Truppen besetzt. Zur besseren Kontrolle der norddeutschen Küstenländer, die für die Einhaltung der Kontinentalsperre gegen Frankreichs Hauptfeind Großbritannien eine besondere Rolle spielten, wurde unsere Region 1810 in das Königreich Westphalen und 1811 in das französische Reich einverleibt.”

Die jetzige B 75, die innerhalb des Wümme-Kreises über Stuckenborstel, Sottrum, Rotenburg, Veersebrück, Scheeßel, Lauenbrück bis Stemmerfeld führt, wurde ab 1811 von Napoleon als Heerstraße für den Russlandfeldzug gebaut.

„Beim Bau eingesetzt wurden”, so Dr. Müller-Scheeßel, „die hiesigen Bauern und ihre Knechte, die das wahrscheinlich gern gemacht haben, weil sie relativ gut bezahlt wurden. Wenn man so will, war das eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Wir wissen, dass die Arbeiten in unserer Gegend im Wesentlichen in den Jahren 1811 und 1812 durchgeführt wurden.”

Und weiter: „Wir wissen das deshalb so genau, weil der Scheeßeler Pastor Johann Heinrich Ungewitter sich in einem Brief in Stade beschwert, weil ihm durch den Bau der Chaussee ein besonders fruchtbares Stück Land, nämlich das Speckfeld, zerschnitten worden sei, und er dafür Ersatzleistung forderte.”

Fazit: Die französischen Besatzer waren offensichtlich korrekt und zahlten für harte Arbeit gut, missachteten jedoch das Baurecht und schrieben den Eigentümern vor, wo es langzugehen hatte.

Karsten Müller-Scheeßel zu einer geologischen Tücke auf dem Weg in Richtung Landkreis Harburg: „Das besondere Problem für den Bau der Chaussee bestand nordöstlich in Richtung Tostedt darin, dass die Trasse durch sehr feuchtes Gelände führte, und für die Trasse ein Damm gebaut werden musste. Noch heute kann man an der Strecke deutlich sehen, dass die B 75 höher liegt als die umliegenden Wiesen und Wälder.” In diesem Bereich steht übrigens ein gleicher Meilenstein wie der in Scheeßel. Es handelt sich angeblich um die einzigen Meilensteine dieser Art in Niedersachsen. Meilensteine gibt es seit der Antike, in fast allen Ländern und in den unterschiedlichsten Formen, von halben Kunstwerken bis zu nüchternen Tafeln der Neuzeit. Sie dienten dazu, für die Benutzung einer Chaussee Wegegeld nehmen zu können. Damit die Reisenden die Höhe des Wegegeldes überprüfen konnten, wurden zur Bestimmung der Streckenlänge, die man auf der Chaussee zurückgelegt hatte, Meilensteine aufgestellt.

Der Scheeßeler Meilenstein wechselte in der Beeke-Gemeinde mehrfach seinen Standort, war, bevor er an seinen jetzigen Platz kam, eine Zeit lang in dem 2,5 Kilometer entfernten Veersebrück aufgestellt. Ein Meilenstein, der offenbar gern reist.

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