Helvesieker Tagespflege eröffnet Notbetreuung

Ein Stück Normalität

Nicht alles ist wie immer. Für die Mitarbeiter der Tagespflege gilt Maskenpflicht.

Helvesiek – Kaffeetrinken, Basteln und etwas Rechnen oder Singen – für die fünf älteren Damen, die in der Diele des urigen Helscher Fachwerkhauses bei einem Stück Kuchen in großem Abstand voneinander an dem großen Tisch mit einer Flasche Desinfektionsgel in der Mitte sitzen, ist dies ein Stück Normalität – wenn auch nur ein kleines. Denn die Helvesieker Tagespflege „Bokels Hus“, in der seit 2016 insgesamt 30 Gäste an einem oder mehreren Wochentagen betreut werden, hat seit sechs Wochen zum ersten Mal wieder geöffnet.

Am 17. März sei es gewesen, wie sich Leiterin Doris Schütze erinnert, „gerade hatte ich gesagt, hier leben wir Alltag in diesen schwierigen Zeiten, da kam der Anruf vom Landkreis, dass wir ab morgen schließen müssen.“ Schwere Zeiten für die vorwiegend weiblichen Gäste aus Lauenbrück, Scheeßel, Helvesiek oder Rotenburg. Egal, ob sie allein wohnen, in einer seniorengerechten Anlage, auf dem Hof des Sohnes oder bei einer Enkelin: Für sie alle ist der Aufenthalt in der Tagespflege neben Unterhaltung, Bewegung und Ankurbeln der grauen Zellen ein Mittel gegen Vereinsamung und soziale Isolation. Viele der Gäste haben dort Freundschaften geschlossen. Bei den Gästen und Pflegerinnen finden sie Ansprache – etwas, das in den vergangenen Wochen fehlte.

Rosi El-Famla war eine der ersten, die nachfragte, ab wann eine Notbetreuung für ihre Mutter möglich wäre. Fast zwei Monate lang nahm die Mitarbeiterin der Rotenburger Werke unbezahlten Urlaub, betreute neben den Kindern auch die Mutter rund um die Uhr in deren Wohnung. Als sie heute zum Abholen kommt, lassen die Lachfalten um die Augen hinter der Maske ein zufriedenes Lächeln erahnen: „Zum ersten Mal wieder Arbeiten nach sieben Wochen ohne – das fühlt sich fast an wie nach der Fastenzeit“, sagt die zweifache Mutter strahlend. Auch Elke von Fintel ist heilfroh und ziemlich erleichtert. „Die Wiedereröffnung ist ein Segen“, meint die Landwirtin, deren Schwiegermutter das Angebot der Tagespflege in Anspruch nimmt. Zusammen mit ihrem Mann kümmert sie sich um den Hof und mehr als 100 Rinder. Der polnische Angestellte, der nicht einreisen darf, fehlt – eine kräftezehrende Doppelbelastung, unter der alle zu leiden hätten: Da wird man auch mal ungerecht. So viel Kontakt und Ansprache wie hier, das können wir selbst im Alltag nicht leisten!“

Es blieben nicht die einzigen Hilferufe, von Angehörigen wie auch von den Gästen selbst, zu denen die Mitarbeiterinnen der Tagespflege in den vergangenen Wochen regelmäßig telefonisch Kontakt gepflegt haben. „Wir haben so viele Nachfragen bekommen, dass wir den Landkreis schon früh gebeten haben, die Auflagen für eine Notbetreuung zu prüfen“, erzählt Schütze.

Als eine der ersten durfte das „Bokels Hus“ die Türen öffnen – allerdings nur bei nachgewiesener Notlage, also „in kritischen Infrastrukturen tätige Betreuungspersonen oder in besonderen Härtefällen laut ärztlichem Attest. „Der Landkreis hat mit allen Betroffenen einzeln gesprochen und jeden Fall genau geprüft“, so Schütze. Keine einfache Aufgabe für die Einrichtung, aus den vielen Berechtigten die fünf auszuwählen, die seit Montag drei Tage pro Woche im Rahmen der Notbetreuung dort sein dürfen.

Und auch die Hygienevorschriften vor Ort galt es erst mal räumlich umzusetzen. Die Einhaltung des Mindestabstands von 1,50 Metern bei Tisch war kein Problem, ebenso wenig wie das Temperaturmessen bei der Ankunft und verstärktes Desinfizieren der Hände und sämtlicher Oberflächen. Das Ausrichten der großen Ohrensessel, in denen sich die Gäste zwischen Aktivitäten wie Basteln, gemeinsamem Singen, Gehtraining oder Hockergymnastik ausruhen, schon eher. Viele der sonst regelmäßigen Aktivitäten fallen nun weg: Die Einbindung der Gäste beim Vorbereiten des Mittagessens verbietet sich aus Hygiene-Erwägungen, Externe wie Manni Küppers, der einmal pro Monat mit den Senioren singt, dürfen nicht mehr kommen, ebenso wenig die Friseurin, Fußpflegerin oder die Anleiterin des Sitztanzes. Und auch die zahlreichen gemeinsamen Ausflüge, ob zum Wochenmarkt oder Gartencenter, Picknick an der Aller oder Heidegarten, müssen nun wegfallen, Spaziergänge erfolgen nur noch auf dem Gelände.

Trotz des Fehlens einiger vertrauter Gesichter, dem eingeschränkten Programm und den veränderten Tagesstrukturen freuen sich die Gäste, wieder hier zu sein: „Man war ganz schön auf sich gestellt, und es fehlte die Beschäftigung“, meint eine. Eine andere genießt „die familiäre Atmosphäre, hier sind alle so nett!“ Anzumerken sei einigen die letzte Zeit jedoch schon, wie Schütze festgestellt hat. Beweglichkeit, Gehirnzellen – „viele sind nicht so aktiv wie sonst“. Sie und ihre Mitarbeiterinnen haben sich Gedanken gemacht, wie der Neustart wohl funktioniert: „Erkennen die Gäste uns hinter den Masken, klappt es mit der Kommunikation, wenn die sichtbare Mimik wegfällt, halten sie die Sicherheitsvorschriften ein?“ Die liegen auf Zetteln mit Piktogrammen aus. „Auch auf Plattdeutsch. Das prägt sich vielen besser ein.“

Die Sorgen erwiesen sich als unbegründet. Auch wenn keiner der Gäste freiwillig zur Maske greift, machen doch alle willig mit, als das richtige Anlegen gemeinsam geübt wird. Maskenpflicht besteht indes nur für die Mitarbeiter. Die kommen nicht nur wegen der farbigen Stoffmasken ins Schwitzen: „Die Betreuung unter erhöhten Auflagen und mit weniger Personal ist anstrengend“, weiß Christine Pietrzik. Trotzdem prüfe man, ob – ähnlich wie in den Schulen – nicht an den restlichen Tagen eine andere Gruppe von Gästen aufgenommen werden könne – der Bedarf sei groß. Was sich alle wünschen: Einfach nur Normalität.  hey

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