Von Stemmen nach Scheeßel

Trömen-Haus an der Zevener Straße hat zahlreiche Veränderungen erlebt

Zwei, die sich gut verstehen: Miaoling He, Wirtin des „Königsgartens“, und Cord Gerken. Ihm und seinem Vater gehört das altehrwürdige Fachwerkhaus im Herzen von Scheeßel. Foto: Warnecke

Scheeßel – Jeder in Scheeßel kennt den „Königsgarten“, das China-Restaurant an der Zevener Straße, direkt neben dem Meyerhof. Kaum einer weiß aber um die Geschichte dieses markanten Fachwerkbaus, der insgeheim den Namen Trömen-Haus trägt und in seiner 156-jährigen Geschichte sicher jede Menge zu erzählen hätte – könnten die Mauern und Balken denn sprechen. Apropos: Der Türbalken über der Grootdöör, der großen Tür im vorderen Giebel niedersächsischer Bauernhäuser, ist für Heimatforscher generell ja eine feine Sache. Meistens verrät er die halbe Hof- und Familiengeschichte, zumindest ihre Anfänge. Bei dem Haus in Scheeßels Ortsmitte wird man aber nicht so recht klug aus der Inschrift. Sie lautet: „So oft Du eingehst durch die Tür, o Mensch bedenke für und für, daß unser Heiland Jesus Christ, die rechte Tür zum Himmel ist. Amen. Bete und arbeite.“ Ob Johann Gottlieb Meyer (1836 bis 1912), der Bauherr, der seinen Namen und den seiner Gattin Minna auf dem hölzernen Torbogen verewigen ließ, zu Lebzeiten wohl ein gottesfürchtiger Mann gewesen war?

Wie auch immer. Die Zeiten, in denen das Trömen-Haus bäuerlichen Zwecken gedient hat, sind längst vorbei. 1863 ließ es Meyer, jüngerer Sohn des Meyerhof-Eigentümers Dietrich-Joachim, erbauen – nicht aber in Scheeßel. Er musste eine andere Hofstelle finden, da er in der Erbfolge nicht das Anwesen übernehmen konnte. Daher heiratete er in Stemmen ein. Dort war Hinrich Wahlers, der eigentliche Hoferbe, nach England ausgewandert, um dem preußischen Militärdienst zu entgehen. Somit konnte er mit Engel Wahlers, seiner Angetrauten und der Schwester des „Flüchtigen“, den Stemmer Hof bewirtschaften. Mit seinem Erbteil aus Scheeßel baute das Paar in Stemmen das Trömen-Haus. Als Wahlers doch aus dem Vereinigten Königreich zurückkehrte, mussten Meyer und seine Frau weichen – allerdings nicht ohne ihr Haus. Es wurde in Stemmen abgebaut und 1873 in Scheeßel, neben dem elterlichen Meyerhof, wieder errichtet.

„Seitdem hat das Gebäude, welches bis 1956 als Bauernhof genutzt wurde, und danach, nach einem entsprechenden Umbau, viele Jahre als Wohnhaus diente, nie wieder eine Reise antreten müssen“, beteuert Cord Gerken (51). Ihm und seinem Vater Hans-Dieter gehört die altehrwürdige Immobilie, die sich von ihrer Bauweise her erstaunlich harmonisch in die benachbarte Museumsanlage mit ihrem Fachwerk-Ensemble einfügt. Neun Jahre ist es her, dass das Sotheler Vater-Sohn-Gespann das Haus gekauft hat. Damals wie heute ist es das gepachtete Domizil von Miaoling He (51) und ihrer Familie, die hier, an der Zevener Straße 11, seit 1998 ein China-Restaurant betreiben. Den Grundstock dafür sollten wiederum Ilse und Klaus Lüdemann legen: Erst ein Jahr zuvor hatte das im Baugeschäft tätige Ehepaar aus Jeersdorf das Trömen-Haus erworben, um es zu einem Gastronomiebetrieb auszubauen. „Über einen gemeinsamen Bekannten haben wir dann zueinander gefunden“, erinnert sich He, die mit ihrem Mann bis dato in Braunschweig lebte. Ihr Gatte ist es auch, der bis heute als Koch in der Küche steht, während der Sohn, 22 Jahre alt und inzwischen Sportmanangementstudent, hin und wieder seiner Mutter im Service aushilft.

Damals war das Dach noch mit Reet gedeckt: Das Trömen-Haus, festgehalten auf einer historischen Aufnahme um das Jahr 1956 herum.

Warum Cord Gerken und sein Vater das Haus damals, 2011, mitsamt dem Restaurantbetrieb übernahmen? „Es stand zum Verkauf“, lautet die simple Antwort des 51-Jährigen, der als Lehrer am Zevener St.-Viti-Gymnasium arbeitet. So habe der Vater schon früh davon geträumt, die Immobilie irgendwann einmal zu übernehmen. „Seine Idee und die meiner inzwischen verstorbenen Mutter war es damals, lange, bevor es das Lokal in seiner jetzigen Form gab, hier ein Café aufzumachen.“ Auch wenn sich dieser Traum an sich zerschlagen habe – ein Stück weit habe man ihn sich mit der Möglichkeit, das Haus, das beiden so sehr am Herzen lag, betreuen zu können, doch erfüllen können. „Und wer weiß“, wirft Gerken ein: „Vielleicht kommt das mit dem Cafébetrieb doch noch in Gang, wenn die Touristenzahlen auf dem Meyerhof durch die Neuausrichtung des Museums in den nächsten Jahren zunehmen sollte.“

Bei aller guter Nachbarschaft, die man mit dem Heimatverein als Betreiber der Anlage pflegen würde – die Überlegung, man könne das Trömen-Haus in irgendeiner Form für die Museumsbesucher als Info-Point mitnutzen, habe sich seinen Worten nach doch recht schnell wieder in Luft aufgelöst. „Ja, es gab solche Gespräche, aber solange Familie He das Lokal betreibt, stand und steht eine Nutzung anderer Art überhaupt nicht zur Debatte“, betont der Sotheler.

Arbeit an der frischen Luft: Hans-Dieter Gerken beim Austausch des Fundamentbalkens, bei dem auch seine Maurerqualitäten zum Einsatz kommen.

Und Miaoling He? Am Freitag, sagt die Wirtin, wolle auch sie ihren Betrieb nach der Corona-Pause, in der es immerhin einen Außer-Haus-Verkauf gegeben habe, wieder für Publikum öffnen – mit sämtlichen Auflagen, die es zum Gesundheitsschutz einzuhalten gelte. Ein Großteil ihrer Klientel seien Stammgäste, die ersten hätten schon reserviert. „Wir wollten erstmal gucken, wie das in der Gastronomie überhaupt anläuft, man hat ja schon ein bisschen ein mulmiges Gefühl“, begründet die 51-Jährige die Entscheidung, ihr Lokal erst zwei Wochen nach den Lockerungen zu eröffnen. Ein Fall wie in Leer, wo nach einem Restaurantbesuch zahlreiche Menschen positiv auf das Coronavirus getestet worden waren, wolle sie nicht riskieren. Dafür seien viele der 14 Tische im Innenbereich – als eine von mehreren Maßnahmen – auch schon entfernt worden. „Gut ist, dass wir hier einen großen Außenbereich haben, wo man auf der Terrasse, wenn das Wetter mitspielt, doch am sichersten essen kann“, meint Cord Gerken.

Bis im Scheeßeler „Königsgarten“, dem Restaurant mit seiner von vielen Veränderungen geprägten Vorgeschichte, wieder asiatische Tellergerichte serviert werden, sollen auch die Renovierungsarbeiten, die man während der Pause vorgenommen habe, abgeschlossen sein. Worauf Gerken besonders stolz ist: Ein hölzerner Fundamentbalken, dem schon kräftig die Feuchtigkeit zugesetzt hatte, sei in Eigenregie, mit Hilfe des Vaters, einem ehemaligen Maurer, durch einen neuen ersetzt worden. Wobei: „neu“, sagt er, sei das Element, ein Überbleibsel vom ebenfalls in Fachwerkbauweise errichteten Garbers Hoff in Bothel, dem Geburtshaus seiner Mutter, nicht. So konnte die historische Bausubstanz erhalten werden. „Den Austausch hatten wir schon seit Längerem vor, nur war der während des Betriebs nicht möglich.“

Corona, man mag es kaum glauben, kann man durchaus also auch etwas Gutes abgewinnen.

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