60 MINUTEN Mit dem Büffelverein auf Öko-Exkursion über die Nasswiesen

Stampede an der Wümme

Ob Heuschrecke, Grashüpfer oder Dungfliege: Die Teilnehmer staunten über die Artenvielfalt nicht nur von Flora, sondern auch Fauna. Fotos: Heyne

Jeersdorf – Sonntagmorgen, zur besten Kirchzeit. Bei der Weide gegenüber des Jeersdorfer Gehölzes stehen eine gute Handvoll Autos und drei Fahrräder. Rund 20 Menschen haben sich eingefunden, einige in Outdoorkleidung – beige Wanderhosen, Regenjacken mit dem Fuchs, ein Anorak im Camouflage-Look, hoch geschnürte Wanderstiefel. Die Interessierten, die sich gleich eine gute Stunde lang über Büffel an der Wümme informieren lassen, sind naturnah. Drei Nachzügler kommen mit zwei Hunden zu Fuß anspaziert. Erwartet werden sie von Landwirt Jürgen Wahlers und dem Diplom-Biologen Hans-Georg Wagner. Die beiden geben an diesem Morgen Einblicke in die Bewirtschaftung der Wümme-Niederung durch ihre Karpathen-Büffel aus Thüringen. „Klingt doch werbewirksam, macht aber auch Sinn“, meint Wahlers, der mit seiner Limousin-Rinderzucht in diesem Jahr 30. Geburtstag feiert. Die stehen eine Weide weiter und äußern später laut ihren Unmut, als die „Kollegen“ eine Extraration Kraftfutter bekommen.

Doch zunächst geht es, wie Wagner ausführt, um den „schulischen Part“. Denn auch das ist, neben der Fleischproduktion, ein Anliegen der beiden: „Wir wollen Aufklärungsarbeit leisten und zeigen, wie man biologisch korrektes Verhalten auch vermarkten kann“, so Wahlers. Je nach Anzahl der Kennarten gebe es Zuschüsse vom Bund in Höhe von 240 bis 300 Euro pro Hektar. Die theoretische Grundlage für die Aufwertung der Weideflächen durch die Vierbeiner nimmt sich aus wie eine Biologiestunde in der Oberstufe: Von CO2 ist die Rede, Humusspeichern, sandigen Substraten und Aha-Horizonten. Die Zuhörer nicken wissend. Eine Studienrätin macht mit dem i-Pad Fotos, als der Naturwissenschaftler mit dem Spaten in den Boden sticht, für den Erdkundeunterricht. Eine andere Besucherin richtet ihr Handy auf die Büffel in der Ferne. Dann geht es im Entenmarsch durch die noch feuchte Wiese hinein ins Europäische Schutzgebiet, vorbei am jüngst errichteten Storchennest, an Wassergreißkraut („extrem selten“) und Goldrute. Der zweite Spatenstich legt nicht wie eben nur Sand offen. Begeistert deutet der Biologe auf die feinen Strukturen unter der Grasnarbe.

Nun, nach gut 20 Minuten, ruft er: „Genug mit Klimaschutz, jetzt geht es um Naturschutz!“ Wer das bisher für das Gleiche gehalten hatte, lässt es sich nicht anmerken. Die Gruppe versetzt sich mit dem Naturwissenschaftler in die Lage einer Heuschrecke, erfährt von Strukturmosaiken, die sich nach drei Jahren Beweidung bilden, staunt über seltene Käfer auf einem frischen Dunghaufen. Die beiden Hunde an der Leine schauen unbeeindruckt in die Landschaft.

Endlich nähert sich die Gesellschaft den Büffeln. Ein Tier löst sich aus der Gruppe und stürmt auf Wahlers zu. „Das ist Mutti, die braucht Streicheleinheiten“, meint der Landwirt. Bekommt sie auch. Als später – der Jeersdorfer hat sich entfernt, um mit dem Auto den schwarzen Eimer mit Kraftfutter zu holen – eine ältere Dame auf Tuchfühlung gehen will, macht Mutti unvermittelt einen panischen Bocksprung. Das Erschrecken ist ganz beiderseits.

Inzwischen erzählt Georg vom Büffelrundbrief, den die meisten bereits erhalten. Rohrweihe, Ringelnattern, Neuntöter: „Dass es das alles hier gibt, wisst ihr ja schon.“ An die große Glocke hänge man das aber nicht. Als er vom Springfrosch aus einer Population in der Nähe von Harburg erzählt, der hier kürzlich nachgewiesen wurde, schwingt ein wenig Stolz mit. „Ist der grün?“, will jemand wissen. „Nee, braun.“ Auch andere naturkundlich Bewanderte fragen gezielt nach: „Ist das hier Sumpfschachtelhalm?“ Aus Richtung Westerholz nähert sich eine dunkle Regenfront. Als Wahlers mit dem schwarzen Eimer die Weide betritt, verfallen die Rinder in eine Stampede. Schon bald drehen sich die Gespräche einiger Besucher um Stierkampf. Auf die Frage, wann denn geschlachtet werde, erklärt Georg: „Frühestens nach zwei Jahren“. Ein Besucher nickt beipflichtend: „Einmal Geburtstag wollen sie schon haben.“ Es folgen Zubereitungstipps für das fettarme, eiweißreiche Büffelfleisch. „Wie viel Milch geben die?“, will ein Mann im knallroten „Free-Tibet“-T-Shirt wissen. „Acht bis zehn Liter, das ist nicht so einfach“, erzählt Wahlers, „genauso wie Blutproben: Da denkst du, die reißen dir den Stall ab!“ Bei der Erwähnung der Winterweide mit 1,45 Meter hohem Wolfszaun entspinnt sich eine Diskussion um Isegrim. Bekannte Argumente werden ausgetauscht. „Wenn ein Wolfsriss passiert, dann ist es so“, meint Wahlers pragmatisch, „Marderhunde, Waschbären und Nutrias machen viel größere Probleme!“

Die Lehrerin hat sich inzwischen an die Büffelherde herangepirscht, um weitere Fotos zu schießen. Eine andere Dame zeigt ihr eigene Handyaufnahmen: „Ich gehe hier öfter spazieren“, erzählt sie über deren Entstehung. Vorbei an langblättrigem Eimerkraut, schmalblättrigem Wollgras, diversen Seggenarten, Fadenbinsen und Fieberklee geht es zurück zur Straße. Dort wartet ein Tisch mit belegten Brötchen. Beim geselligen Ausklang kreisen Mitgliedsanträge für den vor zwei Jahren gegründeten „Verein zur Förderung naturschutzgerecht bewirtschafteten Grünlandes in der Wümmeniederung sowie anderen Flussauen Nordwestdeutschlands“. Die meisten winken ab: Sie sind schon Mitglieder des Büffelvereins. Zwei Neue werden heute zu den rund 60 dazukommen.

Hinter dem Rücken der ins Gespräch Vertieften vollführen die vier Büffelkälber, die hier vor einigen Wochen geboren wurden und sich die gesamte letzte Stunde hinter ihre Mütter gedrückt haben, Bocksprünge. Aber das sieht kaum einer mehr.  hey

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