Erstes verpartnertes Schwulenpaar im Landkreis im Interview

Ehe für alle - „Sind rechtlich und gesellschaftlich gleichgestellt“

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Arthur Lempert (r.) und sein Mann Klaus mit ihrer Lebenspartnerschaftsurkunde. Jetzt möchte das Paar heiraten.

Sothel - Von Lars Warnecke. Nach Jahrzehnten des Aktivismus und jahrelang blockierter Gesetzesvorhaben ging es nun ganz schnell: Deutschland erlaubt die gleichgeschlechtliche Ehe – als eines der letzten Länder in Westeuropa.

„Das wurde auch Zeit“, sagt Arthur Lempert aus Sothel. Der 53-jährige nennt die Liebe seines Lebens schon lange „meinen Mann“. Mit Klaus lebt er seit 2001 in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft. Warum jetzt erst die Ehe für alle? Warum so schnell? Und wie geht es persönlich für das Paar nun weiter? Wir haben Arthur Lempert ein paar Fragen dazu gestellt.

Hätten Sie gedacht, dass Sie mal würden heiraten werden können?

Arthur Lempert: Nein, dass wir es noch in der Wahlperiode beziehungsweise vor 2023 schaffen, daran habe ich wirklich nicht geglaubt. Nach all den Jahrzehnten ist das jetzt ein echter Riesenschritt nach vorne. Es bleibt zu hoffen, dass Merkel, Kauder und Co. erkennen, dass sie den Schritt vor das Bundesverfassungsgericht nicht gehen sollten. Die jetzt folgenden CSD-Veranstaltungen werden klar und deutlich zeigen, wie glücklich und zufrieden die Betroffenen sind und wie groß die Zustimmung auch in der Bevölkerung ist.

Es gab mehrere Urteile zugunsten gleichgeschlechtlicher Paare, und es gibt seit 2001 die Möglichkeit der eingetragenen Lebenspartnerschaft. Das alles hat eine weitgehende Gleichstellung im Unterhalts-, Erb- und Steuerrecht gebracht. Warum hat das offenbar nicht ausgereicht?

Lempert: Weitgehend ist eben nicht gleich. Außerdem ist das doch eine Mogelpackung gewesen. In allen Bereichen gab es keine hundertprozentige Gleichstellung – weder im Steuerrecht, im Erbrecht noch in sonstigen Bereichen. Einhundert Prozent gab es nur dort, wo der Staat von uns Geld einziehen konnte.

Warum hat Deutschland so lange gebraucht? Was haben die vielen anderen Länder um Deutschland herum in dieser Beziehung anders gemacht?

Lempert: Weil in Deutschland noch immer Erzkonservative alles blockieren. Schauen Sie sich doch einmal die CDU/CSU an und lauschen Sie deren Kommentaren. Da graust es einem doch, wie die zum Teil über Familie und Tradition schwafeln. Und dann jetzt noch die AFD, die Homosexualität wieder unter Strafe stellen möchte. Frei nach dem Motto: Homos in den Knast und Frauen an den Herd. Da sind viele europäische Nachbarn in der Mehrheit offener, liberaler und die Politiker sehr viel toleranter gegenüber Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgendern.

Wessen Verdienst ist die Ehe für alle Ihrer Meinung nach letztendlich?

Lempert: In erster Linie natürlich den vielen Betroffenen, die seit Jahrzehnten für ihre Rechte und Gleichstellung kämpfen. Politisch waren es die Grünen, und hier besonders Volker Beck, die seit ihrer Gründung die Forderungen offen unterstützt haben. Die SPD hat dieses Thema zum Wahlkampf heraus geholt, um dann nach der Wahl nicht für die Gleichstellung zu kämpfen. Der jetzige Kandidat der SPD hat es klug verstanden, jetzt sofort die Gelegenheit zu ergreifen und gemeinsam mit den Grünen und den Linken, zeitnah das politische Fenster, das sich auftat, zu nutzen.

Sie haben als erstes schwules Paar im Landkreis bereits vor 16 Jahren eine Lebenspartnerschaft eintragen lassen, tragen einen silbernen Ring am Finger und haben den Nachnamen ihres Partners angenommen. Ändert sich ihr Leben mit dem neuen Gesetz überhaupt?

Lempert: Ja, wir sind jetzt rechtlich gleichgestellt und auch gesellschaftlich. Klaus und ich sind leider zu alt, um ein Kind zu adoptieren. Aber es geht ja um viel mehr. Das beginnt schon damit, wenn gefragt wird, ob man nun ledig oder verheiratet sei. Wir mussten dann sagen: eingetragene Partnerschaft, was gleichbedeutend mit „nicht relevant“ war. Steuerrechtlich gab es keine Gleichstellung, und das war in vielen anderen Bereichen auch so. Auch in der Gesellschaft waren wir mit dieser Lösung für viele nicht auf der gleichen Stufe. Das wird sich jetzt im Laufe der nächsten Jahre deutlich ändern. Aber sicher erst sehr langsam.

Werden Sie denn nun heiraten?

Lempert: Na klar, das werden wir. Wofür habe ich denn sonst gekämpft und über die Jahrzehnte so viel einstecken müssen?

Für viele ist die Ehe offenbar heute noch eine wichtige Sache. Man könnte sie ja auch als ziemlich spießig ablehnen ...

Lempert: Ist sie ja auch, aber ohne sie gibt es keine rechtliche Gleichstellung und Sicherheit.

Denken Sie, dass die derzeit noch herrschende latente Homophobie ein Ende finden wird, nun, da es ein Gesetz gibt, das die gleichgeschlechtliche Ehe legitimiert?

Lempert: Nein. Rassismus und Ausgrenzung lassen sich damit nicht ändern. Aber die Polizei muss endlich eingreifen und tätig werden – gegenüber Angriffen und Ausgrenzung. Der Rechtsstaat kann uns nicht mehr übergehen. Das ist der wichtigste Schritt für uns.

Könnte es in – sagen wir – 20 Jahren mehr Menschen geben, die sich zu ihrer Bi- oder Homosexualität offen bekennen, aufgrund gesetzlicher Legitimation beziehungsweise gesellschaftlicher Akzeptanz?

Lempert: Solange Politiker in Berlin und in den Landtagen immer wieder latent oder direkt ihre kleingeistige, ausgrenzende Homophobie äußern – nein. Aber unsere Gesellschaft ist schon viel weiter als die meisten Politiker oder Kirchenfürsten.

Nehmen Sie es Frau Merkel eigentlich übel, dass sie in der Abstimmung im Bundestag mit Nein gestimmt hat?

Lempert: Was gibt es denn da zu überlegen? Na klar! Damit hat sie doch deutlich gezeigt, wie intolerant und rückwärtsgewandt sie wirklich ist. Wir sehen aber lieber auf das Positive: Sehr viele haben endlich einmal den Mut gehabt, ihr Gewissen entscheiden zu lassen. Das ist entscheidend.

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