Anwohner sind enttäuscht

„Wurden nicht involviert“: Bau einer Siloplatte in Westerholz erhitzt die Gemüter

Sind enttäuscht, nicht in die Planungen mit einbezogen worden zu sein: die Anwohner Klaus Bohling (v.l.), Horst Marschall und Wilhelm Bellmann.
+
Sind enttäuscht, nicht in die Planungen mit einbezogen worden zu sein: die Anwohner Klaus Bohling (v.l.), Horst Marschall und Wilhelm Bellmann.

Westerholz – Das hat sich Horst Marschall in seinem verdienten Ruhestand so nicht mehr vorgestellt. Seit 30 Jahren lebt der gebürtige Hamburger in der Gemeinde Scheeßel. Ein ruhiges Plätzchen auf dem Lande sollte es sein. „Denn Krach hatte ich in meiner früheren Heimat schon mehr als genug“, berichtet der 80-Jährige, der damals direkt an einer Verbindungsstraße zwischen Innenstadt und Flughafen gewohnt hat.

Fündig nach einem neuen Domizil wurde er in Westerholz, an der Straße Auf den Eichhöfen, in Sichtweite zum Bullerberg. Weit und breit nur Felder und Wiesen, kein Lärm – herrlich! Nun soll es nach der Genehmigung durch den Landkreis mit der Ruhe vorbei sein – für Horst Marschall wie auch seine Nachbarn. Warum? Anwohner Klaus Bohling klärt auf: „Hier, in unmittelbarer Nähe zu unseren Wohnhäusern, soll eine Siloplatte genehmigt werden.“ Vorhabenträger sei ein Westerholzer Landwirt.

Die vorbereitete Fläche, Anfang Juni sei laut Bohling mit der Baumaßnahme begonnen worden, lässt erahnen: Harmonisch wird sich das Betonungetüm ganz sicher nicht in das Landschaftsbild einfügen. „Um genau zu sein, sind es 180 Meter in der Länge und 15 Meter in der Breite“, beschreibt der Vater von zwei erwachsenen Söhnen die Dimension. Ausmaße, wie sie beinahe schon einer Autobahn gleichkämen, merkt Marschall an. Was beiden wirklich sauer aufstößt: Sämtliche betroffene Haushalte, zwölf an der Zahl, seien in das raumbedeutsame Projekt weder involviert noch darüber informiert worden. „Dabei geht es gar nicht darum, dass wir uns über irgendwelche Genehmigungen beschweren wollen – irgendwo muss es ja auch Flächen für das Einlagern von Silage geben“, betont Klaus Bohling. Nein, Knackpunkt sei vielmehr, dass weder der Landkreis noch die Gemeinde zu den „Eichhöfenern“ jemals während der Bauleitplanung das Gespräch gesucht hätten. „Es fand schlichtweg keine Ansprache statt“, bedauert er.

Bis zum heutigen Tag, nachdem die Bagger ihr erstes Werk schon verrichtet haben, sei für ihn und seine Mitstreiter völlig unverständlich, warum eine Siloplatte unmittelbar zu einem reinen Wohngebiet gebaut werden könne – trotz Bemühungen der Straßenbewohner, von der einen oder der anderen Verwaltungsstelle eine für sie zufriedenstellende Auskunft zu bekommen. „Es besteht in unserem Fall ja auch ein hoher Schutzanspruch beim Thema Schall“, verweist Bohling auf die bundesweit geltende TA Lärm, die technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm. Und Krach mache im Gegensatz zu Geruch ab einem gewissen Maße eben krank, „da beim ständigen An-und Abfahren der Silage unvermeidlich erheblicher Lärm verursacht wird“.

Neben der Baustelle weist ein Schild auf das Vorhaben hin.

Rund ein Dutzend Telefongespräche will Bohling in den vergangenen Wochen geführt haben, um Klarheit zu bekommen. „Beim Landkreis wurde ich zur Gemeinde Scheeßel verwiesen, da man dort gar nicht zuständig sei, wie ich irgendwann mal erfahren habe.“ Also habe er im Rathaus angerufen. „Dort hieß es wiederum, man kümmere sich um die Sache und melde sich mit einer Antwort bei mir zurück – am Ende hat die Verwaltung über unseren Ortsbürgermeister ausrichten lassen, mit der Verfahrensweise sei soweit alles in Ordnung.“

Warum die Anrainer in Westerholz vor vollendete Tatsachen gestellt worden sind, wo bei anderen Bauprojekten, beispielsweise zuletzt in Abbendorf oder beim Neubaugebiet auf dem Sportplatz in Westerholz, doch auch die Bürger mit ins Boot genommen worden sind? Dazu äußert Scheeßels Bürgermeisterin Käthe Dittmer-Scheele (CDU) auf Nachfrage, dass das Gesetz eine Beteiligung Dritter gar nicht vorsehe. „Für den Bau der Siloplatte wurde ein Bauantrag gestellt. Baugenehmigungsbehörde ist der Landkreis“, erläutert sie. Die Gemeinde habe zu dem Antrag gegenüber dem Landkreis Stellung genommen. „Wir haben auf die umliegende Bebauung und die einzuhaltenden Immissionswerte hingewiesen. Der Landkreis beurteilt rechtlich und entscheidet über den Antrag.“ Die Genehmigung sei schließlich erteilt worden.

Für Klaus Bohling, dessen Recherchen zu der Thematik bereits einen ganzen Aktenordner füllen, ergibt sich im Zusammenhang mit dem Standort trotzdem noch eine weitere grundsätzliche Frage – und zwar die, wie die versiegelte, leicht abfallende Fläche sich künftig mit Starkregenfällen, wie sie seiner Einschätzung nach in Zukunft wohl immer häufiger vorkommen würden, vertragen solle. „Da könnten innerhalb kürzester Zeit 270 Kubikmeter zusätzlich runterkommen – für solche Mengen ist unser ganzes Abwassersystem aber gar nicht ausgelegt“, sagt er.

Auch darauf geht die Bürgermeisterin ein: „Der Landkreis hat in der Baugenehmigung alle notwendigen Vorgaben für eine sichere Entwässerung der Siloplatte gemacht – diese sind vom Bauherren umzusetzen.“ Und Marschall? Der Senior muss regelrecht um Fassung ringen. „Es gab bis zu unseren Grundstücksgrenzen immer nur Ackerland – und plötzlich sollen wir dieses Ding vor unserer Nase haben.“ Nein, dafür sei er vor 30 Jahren nicht nach Westerholz gezogen. „Da hätte ich auch in Hamburg bleiben können.“

Zwischenzeitlich haben die betroffenen Bewohner über eine Fachanwältin Rechtsmittel einlegen lassen, um den gesamten Genehmigungsprozess überprüfen zu lassen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

waipu.tv feiert Geburtstag: Sichern Sie sich jetzt das Sonderangebot mit Netflix inklusive!

waipu.tv feiert Geburtstag: Sichern Sie sich jetzt das Sonderangebot mit Netflix inklusive!

E.ON-Wallbox effektiv kostenlos: staatliche Förderung nutzen und Ökotarif abschließen

E.ON-Wallbox effektiv kostenlos: staatliche Förderung nutzen und Ökotarif abschließen

Meistgelesene Artikel

Pläne für Visselhöveder „Altensiedlung“

Pläne für Visselhöveder „Altensiedlung“

Pläne für Visselhöveder „Altensiedlung“
Warnstufe 1 für den Landkreis Rotenburg ausgerufen

Warnstufe 1 für den Landkreis Rotenburg ausgerufen

Warnstufe 1 für den Landkreis Rotenburg ausgerufen

Nach den Ferien: Schule und Hort nachmittags gut gefüllt

Nach den Ferien: Schule und Hort nachmittags gut gefüllt
Rotenburgs scheidender Bürgermeister Weber will ein Ratsmandat

Rotenburgs scheidender Bürgermeister Weber will ein Ratsmandat

Rotenburgs scheidender Bürgermeister Weber will ein Ratsmandat

Kommentare