Schwerpunkte im Wandel

Scheeßeler Flüchtlingshilfe zieht Bilanz und wagt einen Ausblick

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Paul Göttert (r.) gab im Namen des Vorstands rund 40 Interessierten einen Überblick über die ehrenamtlichen Aktivitäten der Flüchtlingshilfe.

Scheeßel - Fahrdienst für Kindergartenkinder, Begleitung Schwangerer zum Arzt, Suche nach Wohnraum oder Gestaltungstherapie für traumatisierte Jugendliche, aber auch ein Taschengeld bei Abschiebung oder ein Zuschuss für die Rechtsberatung: Es sind viele Bereiche, in denen die Flüchtlingshilfe Scheeßel jenseits ihrer „Aushängeschilder“ Café Refugium, Möbellager und Fahrradwerkstatt hinter den Kulissen und ohne großes Aufheben aktiv ist.

Das wurde jetzt bei der Jahreshauptversammlung im Harmshaus deutlich. Der Bericht von Paul Göttert hob vor allem eines hervor: Die Schwerpunkte der Flüchtlingsarbeit wandeln sich mit den Bedürfnissen der Betreuten: „Das Möbellager hat Überkapazitäten, die wir abbauen wollen“, so der Vorstandsvorsitzende. Einen ähnlichen Rückgang berichtete Thomas Buttkus, der die Fahrradwerkstatt mitbetreut. In diesen beiden Bereichen sind Workshops geplant, um Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, wenn es ums „Schrauben“ geht.

Auch in puncto Wohnraum verzeichnen die rund 30 aktiven Ehrenamtler Veränderungen: „In einigen der großen Wohnungen lebt nur noch eine Person – andere entziehen sich der Registrierung oder Abschiebung durch Abtauchen“, wusste die Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde Anja Schürmann zu berichten. In kleineren Wohneinheiten käme es durch Familienzusammenführungen zu engen Verhältnissen. Der Statuswechsel vieler Flüchtlinge infolge der Anerkennung führe zu komplizierten Mietverhältnissen. Auch hier plant der Verein Gespräche mit der Gemeinde, um eine mögliche Umverteilung anzuschieben.

Familienzusammenführungen verkomplizieren Mietverhältnisse

Ebenso diffizil gestalten sich mitunter die Anhörungen im Anerkennungsverfahren: „Das ,Bamf‘ hat viele Leute eingestellt, die nicht alle so qualifiziert wie es wünschenswert wäre“, so Göttert. Durch gezielte Information, aber auch Begleitung, könne man verhindern, dass es zu unnötigen Ablehnungen käme.

Verändert haben sich auch die Kerntätigkeiten des rund 70 Mitglieder zählenden Vereins: Deutschkurse werden inzwischen vom Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft (BNW) und der VHS gegeben. „Nur die Frauen mit Kindern und Schwangere fallen durchs Raster“, so Göttert. Für sie wurden von den Ehrenamtlern Kurse eingerichtet.

Wichtig sei vor allem die Betreuung derjenigen, die in Zukunft eine Ausbildung machen: „Viele brauchen Unterstützung, weil sie mit den Fachbegriffen schlicht überfordert sind!“ Weiter wünschte sich Göttert, gerade angesichts des Rückgangs der Zahl der aktiven Unterstützer, Familienpaten und Begleiter beispielsweise zum Mütter-Kind-Café Simbav: „Viele brauchen eine gewisse Starthilfe, bevor sie regelmäßig allein dort hingehen.“

Verein setzt sich weiterhin für Vollzeit-Sozialarbeiterstelle ein

Und er machte deutlich: „Nicht allen Aktivitäten ist Erfolg beschieden.“ So seien ein Nähkurs oder ein Theaterprojekt ins Leere gelaufen. Gleichwohl hat der rührige Verein zahlreiche Eisen im Feuer: Geplant ist eine Ausstellung zweier Künstler im Rathaus, eines Forums für das Jobcenter als Mieter und potenziellen Vermietern, die Vermittlung interkultureller Weiterbildungsangebote für Pädagogen und Erzieher, ein Frauencafé oder das Sommerfest am 12. August im Jeersdorfer Heicks Park.

Im für Paul Göttert wohl wichtigsten Punkt ist man nach wie vor in Verhandlungen: Die Schaffung einer Vollzeit-Sozialarbeiterstelle zur Betreuung der dezentral untergebrachten Zuzügler. Immerhin: Der Landkreis würde die Hälfte der Kosten übernehmen – bleibt also noch, die Gemeinde Scheeßel zu überzeugen. „Wir müssen uns mehr in der Politik einbringen und unsere Basisarbeit vermitteln“, konstatierte Göttert selbstkritisch, Flüchtlinge werden hier nur noch marginal als Thema wahrgenommen und administrativ abgearbeitet.“

hey

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