Schwarze Magie und gekränkte Familienehre

Familienvater aus Scheeßel wegen Mordes an seiner Frau vor Gericht

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Hinter einem Aktenordner verbirgt der Angeklagte zum Prozessauftakt sein Gesicht.

Verden/Scheessel - Von Wiebke Bruns. Ein 42 Jahre alter Angeklagter aus Scheeßel hat beim Prozessauftakt am Donnerstag am Landgericht Verden gestanden, seine zehn Jahre ältere Frau mit einem Küchenmesser getötet zu haben.

Die Staatsanwaltschaft Verden wirft dem gebürtigen Iraker Mord aus niedrigen Beweggründen vor. „Weil ihr aus seiner Sicht kein Lebensrecht zustand“, heißt es in der Anklageschrift. Doch nach der Darstellung des Angeklagten handelte er im Affekt. Unmittelbar vor der Tat habe seine Frau ihm gestanden, dass sie ihm Dämonen austreiben wolle.

In der Anklageschrift wird das Bild ein Mannes gezeichnet, der patriarchalische Werte hochgehalten habe. Er habe seine Frau als „seinen Besitz“ angesehen und diese wiederholt geschlagen. Es habe ihm nicht gepasst, dass die Mutter seiner sieben Kinder immer häufiger das Haus verlassen und einen Deutschkurs besucht habe. „Der Kontakt und das Anschauen fremder Männer zerstörte die Familienehre.“ Schließlich habe der 42-Jährige geglaubt, dass er nicht Vater der Söhne sei.

Mit dem Messer 17 mal zugestochen

Als am2. März 2017 keines der Kinder zu Hause war, habe er ein Messer mit 19 Zentimeter Klingenlänge ergriffen und 17 mal auf seine am Herd stehende Frau eingestochen. Auf der Flucht vom Tatort soll er laut Anklageschrift seinen Sohn getroffen und zu diesem gesagt haben: „Eine Frau, die ihre Muschi verkauft, kann ich nicht tolerieren, und das werde ich nicht durchlassen. Ich habe sie umgebracht.“ 

Aus dem Haus am Vareler Weg war der Mann zunächst in unbekannter Richtung geflohen. Wenig später ließ er sich in der Nähe der Sparkasse widerstandlos festnehmen. Seitdem saß der 42-Jährige in Untersuchungshaft.

Eine Nachbarin hatte einen der Notrufe nach der Tat abgegeben. „Ich war gerade am Herd, als es draußen fürchterlich schepperte“, berichtete sie nach der Tat. Kurz zuvor habe sie durch das Küchenfenster noch den Vater der Familie aus dem Haus gehen sehen. Einer der Söhne hatte die Scheibe der Eingangstür zertrümmert. Als sie vor Ort helfen wollte, fand sie mit der Untermieterin die tote Frau in der Küche. Die Kinder hatten sie bereits auf ein weißes Tuch gelegt.

Bild eines treusorgenden Familienvaters

In einer von Verteidigerin Sandra Beuke verlesenen Erklärung wird aber das Bild eines treusorgenden Familienvaters gezeichnet. Zwangsverheiratet im Alter von 14 Jahren mit einer Frau, die der „schwarzen Magie“ zugewandt gewesen sei, führten sie in der irakischen Heimat ein scheinbar glückliches Leben. Dann sei der IS in die Stadt eingefallen und habe auch die jesidische Familie bedroht. Muslimische Nachbarn sollen ihnen mit ihrer Fürsprache das Leben gerettet haben. 

Die Familie floh aus dem irakischen Sindschar nach Deutschland und lebte seit Oktober 2016 in Scheeßel. Paul Göttert, Vorsitzender der Scheeßeler Flüchtlingshilfe, sagte nach der Tat: „Bevor die Familie hierher gekommen ist, hat sie lange Zeit unter engen Verhältnissen in einem Lager in Harburg gelebt. Wir vom Verein haben dann dafür gesorgt, dass die Familie in Deutschkurse kommt – mit bescheidenem Erfolg.“

Seine Frau habe schlecht über ihn geredet

Er habe ein Leben in Frieden führen wollen, doch seine Frau habe vor den Kindern schlecht über ihn geredet, hieß es in der schriftlichen Erklärung. „Sie hat mich als niederträchtig und als Versager beschimpft.“ Und schließlich habe sich sein Verdacht bestätigt, dass seine Frau ihm etwas ins Wasser mischt. „Damit ich ruhig bleibe und gehorsam wie ein Esel.“ Unmittelbar vor der Tat habe seine Frau ihm gesagt, dass sie dies tue, weil er von zwei Dämonen besessen sei. 

Frau in Scheeßel getötet: Ermittlungen laufen 

„Dann bin ich ausgeflippt.“ Wie ferngesteuert habe er auf seine Frau eingestochen. Der Angeklagte bestreitet, dass der Besuch eine Deutschkurses oder Eifersucht zur Tat geführt hat. Es sei „ein Moment der Unbeherrschtheit“ gewesen.

Elf Verhandlungstage bis zum 26. Oktober hat die Schwurgerichtskammer für den Prozess eingeplant.

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