„Schluss mit dem Theater“

Volkmar und Susanne Bendukat verabschieden sich von Schultheaterbühne

Auf den Bühnen ihrer Schulen zuhause gewesen sind Susanne und Volkmar Bendukat. Sie eher mit Musicals, er mit Theater. Nun geht das Lehrer-Ehepaar in den Ruhestand.
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Auf den Bühnen ihrer Schulen zuhause gewesen sind Susanne und Volkmar Bendukat. Sie eher mit Musicals, er mit Theater. Nun geht das Lehrer-Ehepaar in den Ruhestand.

Scheeßel – „Schluss mit dem Theater“ – dieser Satz gefällt Volkmar Bendukat. „Plakativ, metaphorisch, auf den Punkt“, so die präzise Analyse des Deutschlehrers. Seine Frau Susanne tut sich damit schwer. „Aber mit unserer Theatergruppe Kathariss geht es nach Corona doch weiter“, moniert die Grundschullehrerin. Damit sind wichtige Pole des Ehepaars umrissen.

Er, der Eichenschullehrer, der neben der Freude am Fach „Darstellendes Spiel“ vor allem Spaß am intellektuellen Diskurs beim Analysieren und Interpretieren in seinen Deutsch-Leistungskursen hat. Sie, die Pragmatikerin, eine, die im Musical Akteure, Chor und Livemusik gleichzeitig dirigiert und trotzdem stets gelassen bleibt. Die Schnittmenge: Die Leidenschaft fürs Schultheater, das beide – er in der Eichenschule, sie an der Grundschule Scheeßel – rund drei Jahrzehnte lang maßgeblich geprägt haben. Zum Ende des Halbjahres werden beide pensioniert.

Eltern schwärmen von Aufführungen wie „Toms Traum“ oder „Das Experiment“, kaum ein Niedersächsisches Schultheatertreffen, der Ritterschlag in der Branche, bei dem der Name Bendukat nicht unter den Gewinnern zu finden ist. Fünfmal er, sechsmal sie, zweimal zusammen. „Einmal waren wir sogar zu dritt vertreten“, schmunzelt die kleine drahtige Frau. Das war 2010, als auch der Abiturjahrgang der Tochter der Bendukats mit dem „Sommernachtstraum“ ausgezeichnet wurde.

Ein Rückblick: „Jule“, wie sie von Freunden genannt wird, war im Staatsdienst in einer Zwergenschule bei Lüchow. Gatte Volkmar hatte sich bei fast allen niedersächsischen freien Schulen beworben. Ende der 80er-Jahre, in Zeiten der sogenannten Lehrerschwemme, war für die staatlichen Schulen ein Einstellungsstopp verhängt worden. Schulleiter Karsten Müller-Scheeßel stellte den ehemaligen Erzieher zunächst für die Hausaufgabenbetreuung im Internat an. Sein „Trostpflaster“: einige Stunden an der Schule, Leistungskurs und Klassenlehrer. Letzteres „bis heute 32 Jahre ohne Pause“, meint der 62-Jährige nicht ohne Stolz. Schon bald weiß man sein Engagement, seinen Willen zum Gestalten zu schätzen. Schon nach drei Jahren ist er Oberstudienrat und Unterstufenkoordinator. Da ist die Familie mit den beiden Töchtern die Pendelei längst leid. Doch einer Versetzung der Musiklehrerin mochte der Schulrat angesichts des Mangelfachs nicht zustimmen, „es sei denn, Sie würden nochmal schwanger!“ Gesagt, getan, und die nun fünfköpfige Familie ist in Scheeßel wiedervereint. Die Geburt der jüngsten der drei Töchter ist also dem Beekeort zuzuschreiben, irgendwie.

„So ganz ohne“ sei der Umzug aus Schnega nicht gewesen, erinnert sich die Wahl-Lauenbrückerin: „Als ich das erste Mal mit den Kindern hier ausstieg, flogen gerade Tiefflieger vorbei – ich dachte: ‚Hier will ich nicht leben.‘“ Ähnlich turbulent der Arbeitsalltag: Von der einzügigen Dorfschule an die größte Grundschule Niedersachsens, „damals noch vier-, später siebenzügig, zeitweilig sogar mit aufgestellten Containern – das war schon eine Umstellung.“ Doch auch Susanne Bendukat setzt schnell ihre Duftmarke, im Chor, bei den Theater- und vor allem Musicalaufführungen. Die Schulleitung weiß das zu schätzen, und räumt ihr Gestaltungsmöglichkeiten ein. Schon bald wird aus dem Materiallager der heutige Musikraum. Die Bühne wird aufgepeppt, und Bendukat gehört zu den wenigen, die sich die Farbe ihres Klassenraums aussuchen dürfen. 900 Meter weiter gestaltet auch ihr Mann Schule – inhaltlich, wie etwa bei der Hausaufgabenhilfe nicht nur für Internatsschüler (die Grundüberlegungen führen zum heutigen Ganztagsangebot), der Einführung des Wahlpflichtbereichs oder des Propädeutikums für Fünftklässler, um Schüler mit ihren unterschiedlichen Voraussetzungen abzuholen. Aber auch räumlich: Im Zuge des „Projekt 2000“ zur Umgestaltung des Pausenhofs hackt er mit Neuntklässlern mit der Spitzhacke ein Loch in den Lehrerparkplatz, um einen Baum zu pflanzen – nicht die einzige Provokation. Die Schulleitung habe seine unkonventionellen Wege, um Wichtiges durchzusetzen, jedoch zu schätzen gewusst: „Karsten Müller-Scheeßel war tolerant, er merkte, dass die Schule dadurch gewann.“

Weniger Verständnis bringt der Vorstand auf, als Oberstufenschüler das „Glashaus“ besetzen, um einen besseren Pausenraum zu erstreiten. Ihm wird vorgeworfen, der Anstifter gewesen zu sein – mangels Beweisen lässt der Vorstand den Plan einer Entlassung fallen. Heute dazu befragt, schweigt er, um nach einer gefühlten Ewigkeit zu grinsen und freimütig zu bekennen: „Ja, ich war’s!“ In seiner Rolle als stellvertretender Schulleiter seit 2006 fühlt der ehemalige Marathonläufer sich wohl: „Trotz des Postens hatte ich genügend Zeit, mich zu entfalten – so etwas gab es wohl nur hier!“

Die Arbeit der Bendukats wird hüben wie drüben wertgeschätzt – eine Woche für die jährliche gemeinsame Theaterfreizeit mit Kursen und AGs beider Schulen werden trotz Unterrichtsausfall von den Schulleitungen genehmigt: „Das sind prägende Erlebnisse für die Schüler“, ist Susanne Bendukat überzeugt, „an eine Mathearbeit erinnert man sich später nicht mehr, an seine Rolle im Musical ein Leben lang.“ Für sie ist der schönste Moment, wenn sie bei der Probenarbeit aus schüchternen Schülern selbstbewusste Akteure macht, die sich zu präsentieren wissen. Diese Kompetenz prägt auch das Ehepaar selbst. Nicht nur in der Theatergruppe „Kathariss“ mit Kollegen, sondern auch bei drei großen, mehrtägigen Veranstaltungen in den 90ern, als die beiden ein Zirkuszelt chartern.

Wie sich Schule in drei Jahrzehnten, abgesehen vom Baulichen, verändert hat? Die oft geäußerte Kritik dümmerer, weniger engagierter oder unpolitischerer Schüler treten beide energisch entgegen. „Vielleicht können sich einige nicht mehr so gut konzentrieren“, meint Susanne Bendukat, „in den Klassen herrscht etwas mehr Unruhe“. Vielmehr seien es die Eltern, die sich nicht mehr wie früher engagieren, „aber viele Eltern arbeiten ja auch beide.“ Das ist auch im eigenen Umfeld so. Hauptgrund für die vorzeitige Pensionierung ist für die Großeltern, die eigenen Kinder in Berlin besser unterstützen und sich mehr um die vier Enkel kümmern zu können. Volkmar Bendukat führt das gestiegene Multimedia-Angebot ins Feld: „Das führt dazu, dass sich die Jugendlichen weniger im schulischen Umfeld als eher privat in diesem Bereich engagieren.“ Auch das durchaus große Engagement der jungen Kollegen spiele sich oft im Bereich der sozialen Medien ab – „das ist überhaupt nicht mein Ding“. Insofern sei der Zeitpunkt für einen neuen Lebensabschnitt äußerst günstig. Angst, in ein Loch zu fallen, haben beide nicht: Sie wird weiter in der Rotenburger Kantorei singen, sobald das wieder möglich ist, er will sich verstärkt seinem Roman mit autobiografischen Zügen widmen.

Der letzte große Auftritt wird beiden coronabedingt verwehrt bleiben. Susanne Bendukats schon getippte Abschiedsrede bleibt wohl in der Schublade. Ihr Mann kann noch auf eine Verabschiedung nach den Abiprüfungen hoffen, wo er als Co-Prüfer fungiert. Was sie besonders bedauert: Das Musical „Der kleine Tag“ kann vorerst nicht aufgeführt werden, die beziehungsreichen Worte „Abschied heißt, was Neues kommt“, sie ertönen nicht, wenn für das Ehepaar Bendukat der letzte Schulvorhang fällt.

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