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Schicht in der Umkleide: Einsatz als Ehrenamtliche im Bürgertestzentrum Jeersdorf

Peggy Urban (r.) und Ehemann Michael führen Manuela Behrens in die letzten Feinheiten der speziellen Testzentrum-Software ein.
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Peggy Urban (r.) und Ehemann Michael führen Manuela Behrens in die letzten Feinheiten der speziellen Testzentrum-Software ein.

Jeersdorf – Dienstag, es ist viertel vor vier nachmittags, meine dritte Schicht als Testerin im Bürgertestzentrum Jeersdorf. Bevor das Sporthaus in 15 Minuten offiziell öffnet, müssen sich alle ehrenamtlich Tätigen selbst testen. Ich werde von Michael und Peggy Urban empfangen, die als gute Seelen die vergangenen Wochen gefühlt mehr Zeit hier als Zuhause oder im Geschäft verbracht haben.

„Hast dir eine ruhige Schicht ausgesucht, die letzten Tage war hier ordentlich was los“, meint der Scheeßeler, der seit Oktober hier als Flag-Football-Trainer aktiv ist. Seine Frau Peggy mutmaßt, warum: „Klar, wer braucht heute schon einen Test? Die Verwandtenbesuche sind gelaufen, vorzeigen muss man ihn kaum mehr irgendwo – bleiben nur die Besucher von Senioren und die Verantwortungsbewussten, die das freiwillig machen!“

Meine Mitstreiterin Manuela Behrens hat schon die obligatorische Montur angelegt: Plastik-Kittel, Handschuhe, FFP2-Maske. Ich suche noch meine Tüte mit meinen Sachen: Gehörte sie bei meiner ersten Schicht vor einer Woche zu den ersten vier Beuteln, sind jetzt fast drei Mal so viele Haken in der Umkleide alias dem Testraum belegt. „Willst du testen oder erfassen?“, will sie wissen. Wie die meisten der mehr als 30 geschulten Mitglieder des Sportvereins, von denen die Hälfte regelmäßig im Einsatz ist, kann sie beides.

Berührungsängste, den Kunden nahezukommen („Ein Stück weit dringt man ja schon in die Privatsphäre ein“, findet Peggy Urban), hat Behrens als Frisörin nicht. Und auch nicht vor dem PC, den sie als „Erfasserin“ nach einigen Proberunden heute erstmals „im Normalbetrieb“ bedient. Schwierig sei das nicht, „aber man muss an so viel denken“. Gerade deshalb hat sie sich für heute in der Chat-Gruppe der Vereins-App freiwillig gemeldet, „nicht, dass ich das alles wieder vergesse“. Den beiden anderen eingeplanten Mitstreitern im vierköpfigen Team hat Urban wegen der überschaubaren Anmeldungen „frei gegeben“. „Es können aber noch mehr Tests werden“, warnt er. „Vielleicht bucht die Beeke-Apotheke uns noch welche rein.“ Terminanfragen, die in der kooperierenden Apotheke, die auch die Software stellt, telefonisch auflaufen und nicht erfüllt werden können, werden hierher vermittelt.

Neben dem transparenten Schild fürs Gesicht gehört auch ein Kittel zur Ausrüstung – die der Ehrenamtlichen warten in Plastikbeuteln auf ihren nächsten Einsatz.

So soll es später auch kommen: Ein Pärchen im Seniorenalter, das sich am nächsten Tag mit dem Wohnwagen auf den Weg nach Dänemark machen will, hat von der gerade wieder eingeführten Testpflicht bei der Einreise erfahren. Der Sohn hat sich um den Termin gekümmert; ausnahmsweise druckt die Erfasserin die Einwilligungsbögen aus. „Die meisten Kunden sind aber sehr diszipliniert und haben alles dabei“, hat Urban festgestellt.

Nun zeigt sich, dass der Job am PC deutlich der stressigere ist: Muss ich auf dem Tisch meiner zum Testraum umfunktionierten Umkleide lediglich das Wattestäbchen, die Testkassette und die Flüssigkeit bereitstellen, bevor ich den zu Testenden den Abstrich abnehme („So sanft wie möglich, aber so tief wie nötig“), muss meine Mitstreiterin am PC deutlich mehr bedenken: Hat der Proband alle Unterschriften geleistet? Wird das Testergebnis digital oder als Ausdruck gewünscht? Stimmen die Angaben mit dem Personalausweis überein und kann derjenige im Fall eines positiven Ergebnisses per Handy informiert werden?

In den vergangenen Tagen seien auch viele neue Gesichter dabei gewesen, berichtet Michael Urban. „Wahrscheinlich Verwandte auf Weihnachtsbesuch.“ Nachdem er erklärt hat, was bei einer Stornierung zu tun ist (was heute zum ersten Mal seit Start des Testbetriebs passiert) und sich vergewissert hat, dass alles läuft, verabschieden er und seine Frau sich. Noch bis zum 31. Dezember wollen sie täglich hier sein, „dann muss sich das allmählich eingespielt haben“ – mit den Schulferien endet die Weihnachtspause des gemeinsamen Geschäfts. „Und dann ist da ja noch der Wahlkampf für den Landtag“, ergänzt Urban.

Wer dann noch den falschen Drucker auswählt, versäumt, die digitale Eieruhr für abgenommene Tests zu starten, einen nicht Angemeldeten dazwischen schiebt oder viele Testergebnisse gleichzeitig auf die Reise schicken muss, kann schon mal ins Rotieren kommen. Dazwischen heißt es: Temperatur messen, Fragen beantworten und ein paar Takte klönen. Viele hier kennen sich, da gehört die Frage nach dem Verlauf des Weihnachtsfests dazu.

Für Behrens und mich geht die Schicht noch zwei Stunden weiter. Das transparente Visier bleibt vor dem Gesicht, die Sterilium-Wolke dringt durch die Maske. Denn bevor der nächste Testwillige von der Empfangsumkleide geschickt wird, die mit Tischen und zwei kompletten Arbeitsplätzen mit Monitoren, Druckern, Büromaterial und laminierten Merkblättern recht professionell ausgestattet ist, wird immer wieder desinfiziert.

Wattestäbchen, Testflüssigkeit und -kassette auf dem frisch desinfizierten Tisch: Der nächste Kunde kann kommen.

Obgleich die Wege gut beschildert sind, zögert so mancher beim Gang durch den Duschraum, der die beiden Umkleiden verbindet. Einige bleiben nach dem Testen und dem fast unvermeidlichen Tränchen im Auge noch einen Moment zum Schnacken sitzen; nicht immer bleibt so viel Zeit für einen Plausch. Schon am nächsten Tag, das verheißen die einsehbaren Buchungen, geht es hier mindestens doppelt so turbulent zu – von Silvester ganz zu schweigen. Ich selbst werde wohl erst wieder im neuen Jahr zu Wattestäbchen oder Computer-Maus greifen, stehen doch viele freiwillige Tester in den Startlöchern – oder, wie Peggy Urban es vorhin fast ein wenig staunend formulierte: „So viele Leute, die sich hier einbringen – das Gemeinschaftsgefüge im Verein ist beeindruckend!“

Inzwischen leuchten die Kontrollkästchen hinter den Namen des älteren Ehepaars grün: Ihre Wartezeit ist um. Testergebnis ablesen, eingeben, ausdrucken (ein Smartphone haben sie nicht) und im Warteraum aushändigen: Für die beiden Rentner heißt es „Gute Fahrt!“

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