Von der Natur zurückeroberte Orte

Scheeßelerin sucht mit der Kamera nach der Schönheit im Hässlichen

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Das Foto der namibianischen Geisterstadt Kolmanskop, das Hobbyfotografin Lena Gehring gerade am PC bearbeitet, soll auf ihrer Website erscheinen.

Scheeßel - Lena Gehring sitzt im heimischen Wohnzimmer am Schreibtisch. Vor ihr das, was bald eine Masterarbeit sein wird. Ihr Blick ist jedoch nicht auf Bücher gerichtet, sondern auf ihren Monitor: Landschaften mit verlassenen Häusern, die im Sand versinken, vom Grün überwucherte Maya-Tempel, ein Flugzeugwrack im Eis, hinter dem die Sonne aufgeht. Mit diesem Bild hat sie 2017 einen Fotowettbewerb gewonnen – nicht zum ersten Mal.

Die Bilder der 30-Jährigen überzeugen – Freunde fordern Vorführungen der Urlaubsbilder ein, auf der Online-Plattform „I shot it“ wurden ihre eingereichten Bilder mehrfach mit dem Qualitätssiegel „Mark of Excellence“ ausgezeichnet. Dabei sieht die Scheeßelerin selbst ihre Bilder eher kritisch, frei nach dem Motto: „Besser geht immer!“ Die Reaktionen ihrer Mitmenschen beweisen allerdings das Gegenteil. 

Das war schon so, als sich die ehemalige Eichenschülerin nach dem Abitur die erste kleine Kompaktkamera zulegte, um vor gut zehn Jahren ein Auslandsjahr in Südafrika zu dokumentieren. Schon damals bescheinigte ihr die Großmutter: „Du hast den gewissen Blick!“ – „Da wusste ich noch nichts von Blenden, Objektiven oder Filtern – das kam alles erst später“, erinnert sich die angehende Präventionsberaterin im Gesundheitsbereich, die ihren Job schon vor dem Master-Abschluss in der Tasche hat.

Im Fokus steht das Erlebnis

Nach den ersten Reisefotos – während der Ausbildung zur Physiotherapeutin nach China zum Cousin, nach Australien und Neuseeland (dann schon mit einer Bridge-Kamera), später für die Nordlichter nach Island oder auch mal mit dem Freund („Der schleppt die Ausrüstung“) spontan per Billigflug nach Irland oder Mexiko – wurde das Hobby zur Leidenschaft. Gleichwohl: Im Fokus der Reisen stehe immer das Erlebnis. „Klar recherchiere ich, was es vor Ort an Motiven gibt – das professionell zu betreiben, würde der Sache aber wohl den Zauber nehmen“, meint Gehring realistisch.

Nichtsdestoweniger nimmt sie für ein gutes Bild einiges in Kauf: Für das preisgekrönte Flugzeugwrack, das sie auf einer fünftägigen Polarlichter-Tour fotografierte, nahmen sie und ihr Freund einen acht Kilometer weiten Fußmarsch durch den nur mit Pfosten markierten, zum Teil kniehohen Schnee zum Sonnenaufgang vor dem Flieger in Kauf. Sie hatte Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, wie so oft: Kurz darauf wurden die Straßen wegen Schneesturms gesperrt.

Per Nebelbombe zu besserem Licht

In Namibia, wo in der Geisterstadt Kolmannskuppe ihre Passion für verlassene Orte gespeist wurde, erlebte sie ein Badefest zweier Elefantenbullen aus nächster Nähe. Erst später erfuhr sie von einem Ranger, wie gefährlich die Situation eigentlich gewesen war, als die beiden Dickhäuter plötzlich auf die Autos zustürmten. 

Ähnliches Glück hatte sie bei einer geführten Fototour durch die Heilstätten Beelitz bei Potsdam, unter „Lost Places“-Anhängern längst kein Geheimtipp mehr: Vor einem Flügel, einem der beliebtesten Motive, zündeten Mitfotografen eine Nebelbombe – die in den Saal einfallenden Lichtstrahlen, die hierdurch besser zur Geltung kommen: „Einfach magisch.“ Ein Riesenstück Putz, das durch die abwechselnd feuchte und kalte Witterung direkt vor ihr zu Boden stürzte, hielten die junge Frau ebenso wenig von der Motivsuche ab wie die empfindlichen Minusgrade in Island oder die Ungewissheit, um ein Uhr nachts noch kein Quartier zu haben, weil der Wasserfall auf dem Weg so reizvoll war.

„Manipulieren würde ich nicht"

Die verlorenen oder verwunschenen Orte sind für sie nur ein Teil der Fotografie in der Natur; „allerdings habe ich irgendwann gemerkt, dass diese Mischung aus Vergangenheit, Verfall und der doch präsenten Geschichte schon immer eine Faszination auf mich ausgeübt hat, wenn auch eher unterbewusst.“ Ihre Bilder vom verlassenen rosa Stuhl in dem Grün abbröckelnden Putz der Heilanstalt oder besagtem Flügel: alles potenzielle Motive für die nächsten Wettbewerbe. 

Gleichwohl ist der Wunsch, die eigenen Werke der Öffentlichkeit zugänglich zu machen (ihre eigene Website lenagehring-fotostreifzug.de soll demnächst ans Netz gehen) gepaart mit Zweifeln: „Was, wenn es den Leuten nicht gefällt?“ Vielleicht sind auch diese hohen Ansprüche an sich selbst ein Grund, die Leidenschaft vorerst nicht zum Beruf zu machen. Und: Gehring hat ihre Prinzipien. „Manipulieren würde ich nicht – ich will den Ist-Zustand dokumentieren.“

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