Die Scheeßelerin Edda Bobrich zieht es immer wieder zum Pilgern auf den Jakobsweg

„Ich will meine Grenzen austesten“

+
Edda Bobrich zurück im heimischen Garten in Scheeßel.

Scheeßel - Von Ursula Ujen. Sie kommt nicht umhin, es immer wieder zu tun. Pilgern auf dem Jakobsweg ist für Edda Bobrich inzwischen zur echten Passion geworden. Seit sich die 57-jährige Scheeßelerin das erste Mal 2006 ganz allein auf den Weg gemacht hat, zieht es sie immer wieder auf den spanischen „Camino“.

Am kommenden Donnerstag wird Bobrich auf Einladung der Kulturinitiative Scheeßel (Kis) im Nötel-Haus ab 15 Uhr im Rahmen einer Dia-Schau über ihre jüngsten Pilgererlebnisse auf der Via de la Plata berichten. Sie ist die knapp 1000 Kilometer von Sevilla über Mérida, Salamanca, Ourense bis Santiago de Compostela in vier Etappen von jeweils 14 Tagen gelaufen. Unserer Zeitung schildert sie, was das Pilgern für sie persönlich ausmacht.

Frau Bobrich, was war der Auslöser für Ihre erste Pilgerwanderung?

Edda Bobrich: Vor neun Jahren steckte ich in einer persönlichen Krise und musste endlich meinen Kopf frei bekommen. Und das hat auf meinem 500 Kilometer langen Weg von Burgos nach Santiago de Compostela tatsächlich sehr gut funktioniert. Ich bin zunächst allein nach Barcelona geflogen und dann bis Burgos gereist. Dort war ich wegen meiner Sehbehinderung froh, mich einer spontan gebildeten kleinen Gruppe anschließen zu können. Als ich dann feststellte, dass bei jährlich 300000 Pilgern auf der Hauptroute orientierungsmäßig gar nichts schief gehen kann, bin ich irgendwann lieber allein gelaufen und konnte mich so ohne Ablenkung mit meinen Problemen auseinander setzen.

Wie haben Sie Ihre Freundin Uschi Keim dann überzeugt, mit Ihnen zu pilgern?

Bobrich: Wir kennen uns schon seit unserer Ausbildungszeit, und ich war zuversichtlich, dass Uschi mitmacht, zumal sie sehr sportlich ist. Und so war es dann auch. Wir entschieden uns für die Via de la Plata – auch Silberroute genannt –, da es dort mit 14000 Pilgern jährlich wesentlich ruhiger zugeht. Uns war klar, dass diese Strecke oft sehr unwegsam, körperlich äußerst anstrengend und wirklich einsam ist. Für uns beide war es da schon wichtig, dass wir einen verlässlichen Partner an unserer Seite hatten, falls es zu einem Notfall kommen sollte. Angst vor Überfällen oder ähnlichem hatten wir dabei übrigens nie, zumal wir beide als Christinnen immer auf Gott vertraut haben.

Gab es auch Probleme?

Bobrich: Oh ja, bei wirklich jeder Etappe ging es nach ungefähr vier Tagen mit den leidigen Fußproblemen los, aber wir sind trotz großer Schmerzen mit Blasenpflaster und Salben weitergelaufen. Als ich dann noch zweimal umgeknickt bin, musste ich mich schon sehr zusammenreißen. Aber als ich abends endlich das Ziel erreicht hatte, war das ein tolles, beglückendes Gefühl. Am ersten Tag auf der Via de la Plata haben wir nach vorheriger Stadtbesichtigung nach nur sechs Kilometern bei fast 40 Grad im Schatten schlapp gemacht und sind umgekehrt, da wir gemerkt haben, dass wir unser Ziel nie erreichen würden. Am zweiten Tag haben wir bereits zwölf Kilometer geschafft und uns nach und nach bis auf über 30 Kilometer pro Tag gesteigert. Das Gehen war aber auch wirklich nicht einfach, wir mussten uns teilweise über Wiesen mit gefährlich aussehenden Bullen und schwarzen Schweinen sowie durch ausgetrocknete Flussbette mit Geröll durchschlagen.

Wie haben Sie sich ausgeruht?

Bobrich: Belohnt haben wir uns nach den anstrengenden Tagen abends immer mit einem guten warmen Essen in einem Restaurant und dem jeweiligen, direkt vor Ort angebauten roten Hauswein, gemäß dem Pilgerspruch „No vino, no peregrino“ (kein Wein, kein Pilgern, Anm. d. Redaktion). Das typische spanische Frühstück, bestehend aus einer Tasse Kaffee, einem Keks und einer Zigarette, ließen wir dagegen ausfallen und hielten uns lieber an unsere Kraftnahrung mit Studentenfutter, Obst, Käse und Wurst. Es gab aber auch noch ein ganz anderes Problem, denn da war in einer Unterkunft ein Pilger im Nebenraum, der uns mit seinem Schnarchgedröhne so genervt hat, dass ich ihn am liebsten mit meinen Wanderstöcken traktiert hätte. Als ich ihn dann am nächsten Abend wieder im Nebenbett entdeckte, musste ich mich wirklich sehr, sehr beherrschen.

Welche Dinge sind neben einer guten Ausrüstung wichtig?

Bobrich: Bargeld habe ich immer nur für einige Tage dabei gehabt. Mit meiner Bankkarte konnte ich in jedem noch so kleinen Ort Geld abheben. Ein Navi hatte ich zwar nicht, dafür aber zwei gute Reiseführer und mein Handy für die abendliche Meldung nach Hause. Und dann habe ich immer das Erkennungszeichen der Pilger dabei – eine kleine Jakobsmuschel, die ich mir vor meinem ersten Pilgerweg in einem Fischgeschäft in Buchholz besorgt hatte.

Wie war der Kontakt zu den Einheimischen?

Bobrich: Da auf der Via de la Plata nicht viel los ist, waren die Einheimischen immer sehr entspannt und freuten sich über jeden Pilger, der ja letztendlich auch sein Geld da lässt. Da Uschi und ich etwas Spanisch können, lief das alles prima – mit Englisch oder Deutsch kommt man dort nicht weit. Wir haben so auch immer eine Unterkunft gefunden, diese allerdings oft erst über Umwege erreicht, da es kaum Straßenschilder und Dutzende von uns benannten Señora Carmens gab, von denen meistens nur eine Betten vermietete. Aber wenn man von Einheimischen und Pilgern gleich morgens mit „Buon Camino“, also „Guten Weg“ gegrüßt wird, kann das eigentlich immer nur ein guter Tag werden.

Was war für Sie die wichtigste Erfahrung und was haben Sie über sich herausgefunden?

Bobrich: Die Erkenntnis, wie wichtig im Leben die Freundschaft ist. Das wird beim Pilgern sehr deutlich – wenn man aufeinander angewiesen ist, dem Anderen vertrauen und sich helfen lassen muss, Rücksicht nehmen und den Anderen stützen muss. Herausgefunden über mich habe ich, dass ich meine Grenzen austesten will, dass ich zäh bin und auch über mich hinauswachsen kann.

Wann starten Sie zur nächsten Pilgerwanderung?

Bobrich: Für kommendes Jahr plane ich zusammen mit meiner Freundin Uschi die erste siebentägige Etappe auf der Via Regia – und das quer durch Deutschland von Görlitz ganz im Osten über Frankfurt am Main bis Köln. Darauf freue ich mich schon.

Mehr zum Thema:

Grippewelle 2017: Ende zeichnet sich langsam ab

Grippewelle 2017: Ende zeichnet sich langsam ab

"Sewol"-Bergung in Südkorea macht Fortschritte

"Sewol"-Bergung in Südkorea macht Fortschritte

TôsôX vermischt Kampfsport und Aerobic

TôsôX vermischt Kampfsport und Aerobic

Das ist der neue Suzuki Swift

Das ist der neue Suzuki Swift

Meistgelesene Artikel

Schüler erteilen Rassismus einen Platzverweis

Schüler erteilen Rassismus einen Platzverweis

Schüler des Ratsgymnasiums und der BBS beim „Management Information Game“

Schüler des Ratsgymnasiums und der BBS beim „Management Information Game“

Hartmut Leefers: „Das ist ein schwieriger Prozess“

Hartmut Leefers: „Das ist ein schwieriger Prozess“

Kommentare