Und trotzdem voller Zuversicht

Wie der fast blinde Scheßeler Artur Lilgert sein Schicksal meistert

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Die Technik macht es möglich: Artur Lilgert, der ein Sehvermögen von nur drei Prozent hat, kann Zeitung lesen. 

Scheeßel - Von Wieland Bonath. Vor zwölf Jahren die große Zäsur des Schicksals in Artur Lilgerts Leben: Der damals 47-Jährige, der mit seiner Frau Helga noch in Jeersdorf wohnte, wurde in einer Bremer Klinik wegen zu hohen Augendrucks operiert. Seitdem ist der Facharbeiter auf dem rechten Auge völlig blind, das Sehvermögen links beträgt drei Prozent. 

„Sie müssen sich das so vorstellen: Man versucht, durch Milchglas zu schauen und erkennt nur Umrisse“, sagt Lilgert. Seine Frau Helga erzählt: „Von heute auf morgen hat sich für uns fast alles verändert.“ Ihr Mann sei weitgehend auf Hilfe von anderen Menschen angewiesen. Tägliche Unterstützung, von der sie einen wesentlichen Teil trage. Und irgendwann wartet die völlige Erblindung.

Das Schicksal hatte für Lilgert noch weitere böse Überraschungen parat: zwei Herzinfarkte und ein leichter Schlaganfall. Wir sitzen mit dem Ehepaar Lilgert in seiner Wohnung in der Scheeßeler Mühlenstraße zusammen. Barrierefrei, deshalb mussten die beiden vor zwei Jahren von Jeersdorf hierher ziehen. Und dann noch familiäre Gründe: Die beiden Söhne und ihre Familien mit den vier Enkeln wohnen ebenfalls in der Beeke-Gemeinde und kümmern sich um die Eltern, besonders um den schwerbehinderten Vater.

Der Tagesablauf von Artur Lilgert: Um 6.30 Uhr stehen er und seine Frau auf, Frühstück, dann ins Wohnzimmer, auf dem Sofa Platz nehmen, Fernsehen einschalten. Den Ton kann Artur Lilgert hören, das Bild aber nicht sehen, besonders schlimm für den begeisterten HSV-Fan. Die Tageszeitung als Lektüre. Lilgert kann sich über das Neueste in der Welt und im lokalen Bereich problemlos informieren. Mit einem in Israel entwickelten mobilen Lesegerät. Überhaupt: Sehbehinderten und Blinden steht ein Arsenal an technischen Hilfsmitteln zur Verfügung, um die unzähligen Hürden und Hindernisse des Tages meistern zu können. Angefangen von unterschiedlichen Blindenlangstöcken mit kleinen Bällen an der Spitze, um sich im Haus und auf den Gehwegen orientieren zu können. Modernste Technik für viele Lebensbereiche von Blinden und Sehbehinderten ist oft sehr teuer, wird in der Regel jedoch von den Krankenkassen oder den Sozialämtern getragen. Helga Lilgert: „Wir müssen die AOK loben. Die Krankenkasse hat uns unterstützt und auch das Taxi bezahlt, als mein Mann zur Behandlung in die Kliniken nach Münster, Hamburg, Bremen und Köln musste.“

Artur Lilgert, der inzwischen mit seinem Spezialtelefon mit seinem Sohn gesprochen hat, freut sich: „Ich habe eben erfahren, dass heute Nachmittag wieder unser siebenjähriger Enkel kommt und mir Gesellschaft leistet.“ Wenn seine 57-jährige Frau halbtags in die Scheeßeler Grundschule als Reinigungskraft geht, um die Erwerbsunfähigkeitsrente ihres Mannes zu ergänzen, wenn die Ehepartnerin nicht im Hause ist, kann es für Behinderte sehr einsam werden. „Deshalb“, so Helga Lilgert, „ist es für uns besonders wichtig, dass wir noch möglichst zusammen sein können.“

Ein Teil der Freunde und der Bekannten, bedauert Artur Lilgert, habe sich inzwischen zurückgezogen: „Schade, wir glauben aber, dass sie aus Mitleid Schwierigkeiten haben, mit seiner Behinderung umzugehen.“ Dieser Termin blieb jedoch erhalten: Einmal in der Woche kommen die Kegelbrüder, um mit dem 58-Jährigen zum Jeersdorfer Hof zu fahren.

Wenn Lilgert, den Blindenlangstock in der Hand und seine Frau am Arm, auf dem Gehweg der Mühlenstraße in den Ort geht, dann treffen sie immer wieder Menschen, die sich unterschiedlich verhalten. Von natürlicher und freundlicher Hilfsbereitschaft über Gleichgültigkeit bis hin zu ablehnendem Desinteresse. Es gibt Mitbürger, die Lilgert über die Straße helfen, wenn die Ampelanlage nicht für Blinde und Sehbehinderte eingerichtet ist, die ihm im Supermarkt beim Einkaufen Hilfe anbieten. Und es gibt andere, die wegschauen oder schnell die Straßenseite wechseln.

Zusätzliche gesundheitliche Probleme haben es notwendig gemacht, dass der 58-Jährige darauf angewiesen ist, dass ihn seine Frau grundsätzlich bei Spaziergängen aus dem Haus begleitet. Artur Lilgert: „Diejenigen, die allein leben, trauen sich häufig nicht aus dem Haus.Sie verstecken sich vor ihrer Umwelt.“

Artur Lilgert hat am Timmendorfer Strand und in Hamburg an Blindenschulungen teilgenommen und aus den jeweils 14 Tagen wichtige Tipps für das tägliche Leben zu Hause mitgenommen. Bis zum März dieses Jahres war er Mitglied des Kreisbehindertenbeirats, musste dieses Amt jedoch aus gesundheitlichen Gründen abgeben. Genauso wie den Vorsitz der Sehbehindertengruppe Rotenburg. Eine Gemeinschaft von zehn bis zwölf Blinden und Sehbehinderten, die sich regelmäßig im Cafesito in Rotenburg am Pferdemarkt trifft und Gedanken sowie Vorschläge austauscht. Die Gruppe wird inzwischen von der Rotenburgerin Hildegard Müller geleitet. Sie lobt die Bemühungen der Stadt, Blinden und Sehbehinderten durch eine Reihe von technischen Einrichtungen im Straßenverkehr mehr Unterstützung zu gewähren. Sie bedauert jedoch, dass an Wochenenden die Ampelanlagen in der Kreisstadt ausgeschaltet werden.

Zurück zu Artur Lilgert: Er hat seine spätere Frau Helga, mit der er inzwischen 36 Jahre verheiratet ist, bei einem DRK-Ortsvereins-Lehrgang als 15-Jähriger kennengelernt. Sie, die damals 14 Jahre jung war: „Wir sind viele Jahre glücklich zusammen, unser ganzer Stolz sind unsere Enkel. Gewiss, die letzten zwölf Jahre hatten wir beide es nicht immer leicht, aber gemeinsam haben wir es bisher geschafft.“

Und sein größter Wunsch? „Ich möchte wieder einmal Auto fahren und sehen können, wie die Sonne aufgeht“, sagt der Scheeßeler.

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