Stephan Fritsch und Wolfgang Gido im Meyerhof

Kontrast und Annäherung

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Die Künstler Stephan Fritsch (l.) und Wolfgang Gido freuen sich über die Einladung von Birgit Ricke, im Kunstgewerbehaus auf dem Scheeßeler Meyerhof auszustellen.

Scheeßel - Montagnachmittag im Kunstgewerbehaus auf dem Meyerhof: Ein rundes Dutzend Ölgemälde, vorwiegend Portraits, ist gehängt, auf den in der Höhe abgestuften Podesten in der Mitte des Raums sind abstrakte Skulpturen angeordnet.

In der hinteren Ecke des Raums sitzen Stephan Fritsch, Maler, Jahrgang 1984, ehemaliger Meisterschüler der Bremer Hochschule für Künste, dessen damals noch graffitiartigen, expressiven Malereien mit Kohle, Filzstift oder auch Zigarettenstummeln im Vorjahr in der Bremer Weserburg für Gesprächsstoff sorgten, und Wolfgang Gido, rund 30 Jahre reifer, norddeutscher Bildhauer und Autodidakt.

Dass Birgit Ricke die Malereien von Fritsch einmal ins Kunstgewerbehaus holen wollte, war der Leiterin schon vor Jahren klar, als sie einige seiner Werke für die Neustädter Artothek kuratierte. „Als ich überlegte, wer dazu passt, fiel mir sofort Gido ein – seine Skulpturen gehören zu den wenigen, die dagegenhalten können.“

Die Ausstellung, die heute Abend um 18.30 Uhr auf der Meyerhofdiele eröffnet wird, ist geprägt durch Kontraste, aber auch Annäherung. Schon das bildnerische Werk von Gido bewegt sich zwischen den Polen Archaik und Moderne. Intuitiv, spirituell hat der Künstler, aus einer Arbeiterfamilie stammend, nach einem Umzug nach Worpswede in den 1970er-Jahren und dem Eintauchen in die dortige Kunstszene seine Bildsprache entwickelt und verleiht seitdem mit immer neuen Materialien (aktuell sind es Hölzer aus einem Abfallcontainer) seinen Kopfwelten einen dinglichen Ausdruck.

Auch bei Fritsch‘ nur scheinbar glatten, gefälligen Ölgemälden, die in Technik und Bildkomposition an die Werke alter Meister der Renaissance wie Caravaghio oder Velasques anknüpfen, geht es um surreale Kopfwelten, um Anspielungen, Brüche. Der Junge mit dem Spongebob-Mund: Nur scheinbar ein fröhliches Bild. Beim näheren Hinblicken entdeckt der Betrachter die gestreifte Häftlingsuniform. Fritsch wie Gido fordern zu näherem Hingucken, laden ein zur eigenen Interpretation – aufdrängen wollen sie sich jedoch nicht.

Und so stecken die beiden, die sich erst vor einigen Stunden bei der Vorbereitung der Ausstellung „Untitled“ kennengelernt haben, denn auch bald mitten im Diskurs: „Was will Kunst, was soll sie?“ Plakative, vor politischer Aussage strotzende Konzeptkunst sei nicht seins, betont Fritsch. Auch wenn sein viel diskutiertes Werk, ein mit schwarzer Farbe angemaltes Kindergesicht, das im Rahmen der letztjährigen Meisterschülerausstellung in der Weserburg mit seiner Referenz an die Rassendiskussion für Furore sorgte: mitgedacht sei diese Anspielung keineswegs gewesen. Meist kommen seine Bezüge, Ecken, Berührungspunkte, die zum Weiterdenken anregen, subtiler daher: Die Engelsflügel verweisen auf Chagall, das überlebenshohe Bildnis eines kleinen Jungen auf dem Steckenpferd an einen seiner verehrten Meister. 

Kinder finden sich viele unter den Bildern dieser Ausstellung, und das nicht von ungefähr: „Sie verleihen noch einmal eine besondere Aussage, weil sie beim Betrachter Urgefühle wie Beschützerinstinkt wecken.“ Und auch hier ergeben sich Berührungspunkte zum Werk von Gido, spricht auch er doch universelle Emotionen an: „Das Betrachten von Kunst muss etwas bewegen, sonst würde Kunst nur zur Dekoration verkommen.“ Ricke hat mit der Ausstellung dieser beiden Künstler ein sehr gutes Händchen bewiesen, der gerade der Kontext des Meyerhofs gut zu Gesicht steht: „Die Referenzen an alte Meister und das traditionelle Handwerk und die Weiterführung in die Moderne – das passt wirklich gut hierher“, findet sie.

hey

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