Ehepaar für vorbildliches Engagement in der Nachwuchsförderung ausgezeichnet

Herausforderung Integration

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Ihnen allen liegt das Wohl benachteiligter Jugendlicher am Herzen: Arbeitsagentur-Vertreter Kay Rieke (l.), Gerhard Strübel (2.v.l.) und Susanne Serbest (r.) gratulieren Heide Holst und Torsten Meyer zu ihrem Engagement. 

Scheeßel - Als sich am Mittwoch allerlei „Offizielle“ im Autohaus Holst trafen, war der, um den es ging, gerade in der Berufsschule. Die Integration von Bilal Hesso, einem 21-jährigen Syrer, in den Ausbildungsmarkt ist für Dagmar Kay Rieke vom Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit, Pressesprecherin Susanne Serbest und Gerhard Strübel, Bereichsleiter der Agentur für Arbeit Stade, ein guter Grund, das Traditionshaus mit einem Ausbildungszertifikat für besonderes Engagement in der Nachwuchsförderung zu ehren.

Das Ehepaar Heide Holst und Torsten Meyer hatte dem Flüchtling, der mit seiner Familie 2015 nach Deutschland gekommen war und seitdem in puncto Sprache, Ehrgeiz und Eingliederung quasi eine Bilderbuchkarriere hingelegt hatte, nach einem Praktikum eine Ausbildung zum Kraftfahrzeug-Mechatroniker ermöglicht. „Eine Herausforderung“, weiß Geschäftsinhaberin Heide Holst – aber eine, die sich für den Traditionsbetrieb lohnt, auch wenn die Ausbildung jedes Azubis laut einer Berechnung des Landesinnungsverbands 50 000 Euro kostet.

Mehr als 200 Lehrlinge hat der Traditionsbetrieb seit seiner Eröffnung 1963 ausgebildet, darunter alle drei Jahre einen, „der auf den ersten Blick durchs Raster fällt“. Der Ausbildungsvertrag mit Bilal Hesso sei allerdings erst nach Rücksprache mit den Mitarbeitern erfolgt: Sie müssten schließlich die Mehrarbeit durch Einarbeitung leisten. Testballon für die Haltung der Belegschaft sei 2015 eine Spendenaktion für die Flüchtlingshilfe gewesen. Vereinzelte Vorbehalte wurden in persönlichen Gesprächen ausgeräumt, „Das war durchaus mühsam“, gibt die Firmenchefin zu.

Und sie macht auch keinen Hehl aus möglichen Problemen administrativer, aber auch kultureller Art, auf die sie sich bei Fortbildungen und Vorträgen vorbereitet hat. So fand der junge Syrer in der Chefin nicht nur stets ein offenes Ohr für Probleme, beispielsweise bei Behördengängen, sondern auch praktische Hilfe: Holst organisierte einen kurdischen Kfz-Mechaniker aus Tostedt, der Nachhilfe bezüglich Fachvokabular geben sollte. Der Tostedter war von Pragmatismus und Altruismus der Geschäftsinhaberin so angetan, dass er sich gleich selbst bewarb – eine ideale Hilfe für den Auszubildenden Bilal, der inzwischen sein zweites Lehrjahr abschließt.

So viel Umsicht und Engagement ringt auch der Agentur für Arbeit in Stade Respekt ab: Sie zeichnete das Autohaus Holst als einen von sechs Betrieben und dem einzigen im Landkreis für sein Engagement aus. Bereits seit sechs Jahren werden so die Bemühungen von Unternehmen honoriert, die Jugendlichen eine Chance geben, die „auf den ersten Blick durchs Raster fallen“, so Serbest. Bereits zum zweiten Mal liegt der Fokus auf der Integration von jungen Menschen mit Migrationshintergrund. Sie werden – wie Bilal – auch durch flankierende Maßnahmen begleitet wie umfassende Nachhilfe in Sprache und Fachvokabular sowie die Bereitstellung eines Coaches, der die kulturellen Unterschiede überbrücken hilft.

Dabei ist die Integration von Jugendlichen für das Ehepaar Meyer/Holst keineswegs Neuland – bereits in der Vergangenheit nahmen sie sich bewusst immer auch derer an, die nicht auf den ersten Blick optimale Bewerber abgeben. Dabei gehen sie auch heute eher ungewöhnliche Wege, vom Gespräch mit den Eltern bis zum „Klartext“-Gespräch mit Betroffenen. Auch im aktuellen Fall sei nicht immer alles glatt gelaufen: „Manchmal muss man schon deutlich machen, wie es hier so läuft“, so die resolute Scheeßelerin pragmatisch.

Dabei wollen Heide Holst und ihr Gatte auch Vorbild für andere Unternehmer sein: Anfragen von anderen Betrieben beantworten sie gern. Beim jüngsten Mittelstandsforum, das in Kooperation mit der Sparkasse jährlich abgehalten wird, luden sie die Referentin Dunja Sabra als Integrationsexpertin ein. „Kopftuch für viele erst mal befremdlich“, so Holst, „die meisten haben aber was mitgenommen.“

Die ausgezeichneten Betriebe haben es nicht immer leicht, weiß Pressereferentin Susanne Serbest: „Nicht nur die Mitarbeiter wollen überzeugt und mitgenommen werden, sondern auch die Kunden.“ In einem Bäckereibetrieb in Tostedt hätten Kunden sich wiederholt negativ zur Beschäftigung von drei Schwarzafrikanern geäußert.“

Solche Anfeindungen duldet Heide Holst nicht. Allerdings gelte dies nicht nur extern, sondern auch intern: Der Diskriminierung ausländischer Mitarbeiter tritt sie genauso vehement entgegen wie Respektlosigkeiten gegenüber von Frauen durch andere kulturelle Werte und Weltbilder. 

hey

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