Filmerkollektiv dreht in Scheeßel

Filmdreh mit Heimvorteil – übers Aufwachsen auf dem Land

Mit Durchblick: Regisseur Dominic Stermann (l.) und Kameramann Henning Wirtz.
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Mit Durchblick: Regisseur Dominic Stermann (l.) und Kameramann Henning Wirtz.

Das Kollektiv „wenndienaturnichwill“ dreht in und um Scheeßel einen Kurzfilm. Mit dem Titel „Rumpimmeln“ setzt der Streifen sich mit dem eigenen Aufwachsen auf dem Land auseinander

Scheeßel – Zwei ehemalige Schulfreunde, inzwischen Anfang 30, sitzen auf einer Bank am Jeersdorfer Waldweg. „Und, spielst du noch?“, fragt der eine. Der andere schüttelt den Kopf. „Schulter“. Schnell kommt man auf die gemeinsame Jugend auf dem Dorf, den „König des 1. Mai“. Aber auch auf die Aussichten: Der eine ist heimgekehrt ins elterliche Reich, ohne Abschluss in der Tasche, der andere, dem Dunstkreis aus Freiwilliger Feuerwehr und Handballverein nie entkommen, träumt vom Bollerwagen mit Nebelmaschine und Druckluftfanfare.

All das könnte Realität sein, wären die beiden auf der „Büffelbank“ nicht Schauspieler aus dem Umfeld des Hamburger Thalia Theaters und von einem elfköpfigen Team aus Kameraleuten, Regisseur, Ton- und Lichttechnikern umringt. Der Kern des Filmerkollektivs „wenndienaturnichwill“ – Kameramann Henning Wirtz, Regisseur Dominic Stermann, Aufnahmeleiter Hein Köhler sowie Autor und Regieassistent Nikos Saul – ist tatsächlich hier aufgewachsen, hat an der Eichenschule erste schauspielerische Gehversuche gemacht. Und sich zu eben der Gruppe Jungfilmer zusammengetan, die anfänglich mit jugendlicher Chuzpe und anarchistischer Kreativität unter anderem beim Bremer Kurzfilmfestival „Klappe“ mehrfach Preise abräumte. „Die haben dort gedacht, dass wir das längst professionell machen“, sagt Stermann; das habe man zum Anlass genommen, dies auch umzusetzen.

Björn Meyer und Jasper Diedrichsen sind „Rumpimmeln“-Hauptdarsteller

Konkret heißt das: Ein größeres Filmteam, lang im Voraus geplante Drehtage mit vorheriger Sichtung der Drehorte, durchgetaktete Drehtage und nicht zuletzt Anträge bei der Niedersächsischen Filmförderung. Damit hat es neben einigen regionalen Sponsoren geklappt: Zum ersten Mal können die Filmschaffenden Aufwandsentschädigungen zahlen – nicht nur sich, sondern eben auch den beiden Hauptdarstellern, die sie über die „Stermann-Connection“ kennen. Björn Meyer und Jasper Diedrichsen sagten sofort zu: „Wir kennen uns schon länger, haben aber noch nie zusammen gedreht“, so Schauspieler und Kabarettist Diedrichsen. Eine Woche Dreh mit Freunden und privater Unterbringung – „das fühlt sich ein bisschen wie so eine Filmkommune an“, lacht er.

Aber auch das Drehbuch von „Rumpimmeln“ – etwas provokanterer Ausdruck als „Chillen“, habe sie überzeugt. Meyer haben es vor allem die Monologe angetan: „Magisch, man riecht die Wendungen keine zehn Meilen gegen den Wind.“ Diedrichsen war von der Magie und Fantasie der Geschichte fasziniert, in der die Flasche Korn den gemeinsame Spaziergang durch die Natur zur Reise zwischen Realität und Fantasie macht – ein liebevoller Blick auf die Jugend auf dem Land mit Trachtengruppe, Bollerwagentouren und Trecker.

Hilfe kommt auch aus der Rotenburger Facebook-Gruppe

Letzteren fährt Marius Hellmann aus Ostervesede. Der angehende Landmaschinen-Mechatroniker hat sich für den Dreh einen Tag frei genommen; später am Abend wird er mit einigen Kumpels von der Landjugend als Statist besagten Bollerwagen kutschieren – nachdem sich Stermann in einschlägigen Internetforen schlau gemacht hatte, fand er einen geeignetes Modell in der Facebook-Gruppe „Du kommst aus Rotenburg/Wümme, wenn“. Das Organisieren von Requisiten und Statisten, die Sichtung geeigneter Drehorte – von besagter „Büffelbank“ bis zum Jugendzimmer des Protagonisten, für das das Kinderzimmer von Autor Nikos Saul für geeignet befunden wurde oder die private Unterbringung des Teams, um das Budget im Zaum zu halten – das alles sei mit „Heimvorteil“ deutlich einfacher, meint Aufnahmeleiter Köhler.

Nur das Wetter, das mit seinem unvermittelten Wechsel zwischen Sonne und Wolken für schwierige Lichtverhältnisse sorgt, schlägt an den ersten Drehtagen Kapriolen. „Wenn die Natur nicht will, eben“, grinst Kameramann und Grimme-Preisträger Wirtz nach wiederholten Blick in den Himmel. Und der Verkehr: Mal knattert ein Moped durchs angrenzende Jeersdorfer Gehölz, mal sind die Kinder vom Beekebad auf der anderen Wümmeseite zu hören. Dann heißt es: Warten, bis Köhler den Startschuss gibt, die Klappe fällt und Stermanns „Und bitte“ ertönt. Zwischendurch wird gewitzelt – die Atmosphäre stimmt.

„Mit einem künstlerischen Kurzfilm lässt sich kein Geld verdienen“

Auch wenn der Film nach dem Schnitt bei einigen norddeutschen Kurzfilmfestivals eingereicht werden soll und man sich über Platzierungen freue, geht es den meisten hier wohl genau um das kreative Schaffen: „Mit einem künstlerischen Kurzfilm lässt sich kein Geld verdienen“, meint Stermann nüchtern, der nach einer Ausbildung als Steinmetz jetzt als freier Regieassistent arbeitet – zuletzt beim Bremer „Tatort“. Nicht nur Drehzeit ist gestiegen, sondern auch die Ansprüche an die eigene Professionalität. Das sei stetiger Prozess gewesen, so Stermann, „Wir haben uns da so rangetastet.“

Sieben Drehtage sind angesetzt, jeder mit mehreren Ortswechseln. Die nächste Szene spielt 500 Meter weiter. Schnell sind Technik und Catering-Zelt sowie die Pavillonartigen „Butterflys“ für gute Lichtverhältnisse umgebaut. Gerade ist der eigens für den Dreh von „Antje“-Präparator angefertigte Wolpertinger ausgerichtet, da kommt eine Armada an Passanten vorbei. Ein Jugendlicher auf dem Fahrrad meint voller Ekel: „Was’n das?“, ein Jäger mit zwei Hunden schmunzelt – genau wie die beiden Tontechniker, als ein tiefergelegter Sportwagen mit der Aufschrift „Fendt“ zum dritten Mal am Set vorbeifährt und die Klischees, mit denen im Film gespielt wird, durch die Realität getoppt werden.

„Rumpimmeln“ ermöglicht „wohlwollenden Blick auf die Region“

Lustig machen wollen sich die Filmschaffenden über ihr Aufwachsen im ländlichen Umfeld jedoch keineswegs, vielmehr geht es um einen „wohlwollenden Blick auf die Region“, erklärt Autor Saul, „und Björn verleiht dem Lebensentwurf des Daheimgebliebenen eine gewisse Würde“. Auch hier reichen einige wenige „Takes“, dann geht es zur Essenspause auf den Campingplatz, bevor an der Wümme weiter gedreht wird. Für einen perfekten Drehtag bräuchte es eigentlich nur noch den blutroten Sonnenuntergang aus dem Skript – doch da will die Natur wieder mal nicht.

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