Scheeßel am Ende des Zweiten Weltkriegs / Historiker Karsten Müller-Scheeßel blickt 70 Jahre zurück

Wohlsdorfer ahnten Schlimmes

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20. April 1945: Gegen 12 Uhr ziehen die englischen Truppen aus Richtung Westervesede kommend in Scheeßel ein.

Scheeßel - Von Karsten Müller-Scheeßel. In diesen Tagen jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 70. Mal. Der Scheeßeler Gemeindearchivar Karsten Müller-Scheeßel erinnert in unserer Zeitung an das Aus der Nazi-Schreckensherrschaft in der Region. Im zweiten Teil berichtet er über das Kriegsende in Scheeßel und Wohlsdorf.

An „Führers Geburtstag“, dem 56. Geburtstag Adolf Hitlers am 20. April 1945, wurde Scheeßel von britischen Truppen besetzt, am Tag danach das benachbarte Wohlsdorf. Ich kenne keinen Augenzeugenbericht, in denen dieser besondere Feiertag der Nazi-Diktatur erwähnt wird. Für die Menschen ging es allein darum, in den letzten Tagen dieses fürchterlichen Krieges nicht noch das Leben zu verlieren. Wie unterschiedlich das Ende des Krieges sein und von welchen Zufälligkeiten es abhängig sein konnte, lässt sich am Beispiel Scheeßels und Wohlsdorfs darstellen.

Die Bewohner Scheeßels zogen dabei das glücklichere Los. In Haß’s Park, dem heutigen Amtsvogteipark, war ein Hauptlazarett, in der heutigen Grundschule, im Scheeßeler Hof und auf dem Saal von Gastwirt Behrens (Ecke Große Straße/Bahnhofstraße) waren Hilfslazarette eingerichtet worden. Das dürfte der Grund sadfür gewesen sein, in Scheeßel keine deutschen Truppen mehr zu stationieren. Die britische Panzer-Garde-Division, die nach der Einnahme von Visselhövede und Neuenkirchen über Hemslingen bis zum Abend des 19. April bis Deepen vorgerückt war, war darüber informiert. Auch sie war darauf bedacht, unnötige Verluste zu vermeiden. So informierte man von Deepen aus Scheeßels Bürgermeister Wilhelm Schröder und schlug ihm vor, den britischen Panzern auf dem Fahrrad und mit weißer Fahne in Richtung Westervesede entgegenzukommen. Schröder willigte in das Angebot ein, nahm den Oberstabsarzt des Lazaretts mit und sorgte so mit weißer Fahne auf dem ersten Panzer sitzend dafür, dass Scheeßel am 20. April kampflos eingenommen werden konnte.

Welches Leid mussten dagegen die Bewohner des kleinen Wohlsdorf ertragen? Seit einigen Tagen hatten sich dort deutsche Truppen einquartiert, die den britischen Vorstoß auf Rotenburg und den Rotenburg vorgelagerten Fliegerhorst (heute Lent-Kaserne) aufhalten sollten. Im Bereich zwischen der Flur „Hohen Ackern“ und den Straßen Kleiner und Großer Hoorn hatte eine schwere Flak-Batterie mit sechs 10,5 zentimeter-, drei zwei Zentimeter-Flak-Geschützen und mehreren Vierling-MGs Stellung bezogen. Die . Bürgermeister Friedrich Bünning versuchte zusammen mit Bauernführer Johann Heitmann vergeblich, den deutschen Kommandanten zu bewegen, Wohlsdorf kampflos aufzugeben. „Ich gehe meinen Befehlen nach“, lautete seine lapidare Antwort.

Gegen 18.30 Uhr am 20. April rückte die britische Panzerspitze, die durch die Sprengung der Veersebrücke in Veersebrück nur kurz aufgehalten werden konnte, von Scheeßel her auf Wohlsdorf vor. Heftiges Artilleriefeuer unterstützte den Angriff, gegen den sich die deutsche Flak anfangs noch zur Wehr setzte. Eine ältere Flüchtlingsfrau kam zu Tode, die ersten Häuser, Scheunen und Ställe gingen in Flammen auf. Während der Nacht griffen deutsche Werfer-Batterien aus dem Ahlsdorfer Holz in die Kämpfe ein und fachten Brände weiter an. Bürgermeister Bünning: „In den Vormittagsstunden des 21. April erlebten wir dann die Hölle eines Panzer- und Artillerie-Angriffs...Überall berstende Dächer, brennende Häuser und Ställe. Das Vieh brüllte in den brennenden Ställen und keiner durfte sich aus den Kellern und Unterständen herauswagen. Gerken Vater musste bei dem Versuch, das Vieh aus dem brennenden Stall herauszulassen, sein Leben lassen. Einer der schweren Panzer fuhr etwa 6 Meter an unserem Unterstand (in der Erde, Vf.) vorbei…MG-Salven zischten an unserem Unterstand-Eingang vorbei. Die Panzer rollten auf breiter Front an..., SS-Einheiten leisteten Widerstand...Ein Panzer fuhr auf eine Mine, und ein hoher (britischer) Offizier kam ums Leben.“

Gegen 14 Uhr waren die Kämpfe um Wohlsdorf zu Ende, und die Bilanz war schrecklich. Zwei Bewohner, fünf deutsche und ein britischer Soldaten hatten ihr Leben verloren. Von insgesamt 40 Häusern waren 14 niedergebrannt. Hinzukamen 23 Viehställe, sechs Scheunen und vier Torfschuppen. Und schließlich Kühe, Schweine, Schafe, Hühner, Gänse und Enten, die qualvoll im flammenden Inferno umkamen. Rotenburg, dessen Einnahme durch die Verteidigung Wohlsdorfs aufgehalten werden sollte, fiel den Engländern einen Tag später in die Hände. Dort wie anderswo mussten Menschen leiden, weil fanatische Offiziere meinten, bis zuletzt unsinnig gewordenen Befehlen folgen zu müssen. Mut, sich gegen solche Befehle zu stellen oder sie in der Unübersichtlichkeit der letzten Kriegstage einfach zu umgehen, hat es leider viel zu selten gegeben.

Quellen: Ulrich Saft, Krieg in der Heimat – Das bittere Ende zwischen Weser und Elbe, 1990 Langenhagen; Schulchronik Scheeßel; Chronik Wohlsdorf, 2002

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