Terry Rileys „In C“

Scheeßeler Eichenschüler spielen in der Elbphilharmonie

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Volle Konzentration bei den Musikern, als Dirigent Duncan Ward (r.) ein Crescendo einfordert. Mittendrin: Heidrun Meyer (l., mit rotem Schal) und Laura Heuer (Mitte, hinter Pult).

Scheeßel/Hamburg - Vor sechs Stunden sind sie aus Scheeßel gen Hansestadt aufgebrochen, nun sitzen die knapp zwei Dutzend Eichenschüler nach etlichen Sicherheits-Checks nach Instrumentengruppen aufgeteilt verstreut inmitten des Meers an Musikern in der Hamburger Elbphilharmonie. Punkt 18 Uhr betritt Dirigent und Charismatiker Duncan Ward den großen Saal der neuen Konzerthalle, um mit mehr als 400 Musikern von zehn Jahren bis ins Seniorenalter das Wagnis „Maximal – Minimal“ einzugehen.

Auf dem Programm im Rahmen des dreitätigen Festivals zum Thema steht Terry Rileys „In C“, das als erstes Stück des Genres Minimal-Music gilt. Eine Stunde lang werden die Musiker an der Oboe, Posaune, Geige, mit Stimmbändern und eine erstaunlich große Fraktion junger Akkordeonspieler, aber auch Djembespieler in farbigen Gewändern, das Experiment des gemeinsamen Musizierens ohne „festen Fahrplan“ wagen. Wann jeder die vorgegebenen Tonfolgen spielt und wie oft, ist nur vage vorgegeben. Lediglich der Pianist Alex hat die unehrenhafte Aufgabe, eine Stunde lang den Ton C in präzisen Viertelnoten in den zentral platzierten Flügel zu hämmern.

„Eigentlich ist es ein demokratisches Stück“, erklärt Musiklehrer Martin Crome, der die älteren Schüler bereits im Unterricht an die Minimalmusik herangeführt hat, „jeder spielt die vorgegebenen Tonfolgen so oft er will“. Allein: bei der Anzahl der Teilnehmer, die nicht mal alle auf der Bühne der „Elphi“ Platz finden, sondern wie die Flötisten, Saxofonisten oder der Chor im Parkett und auf den Rängen platziert sind, geht es nicht ohne konkrete Vorgaben. Das ist auch Raphael Rabong aufgefallen. „Das hatte ich mir anders vorgestellt“, gibt der 16-jährige E-Gitarrist nach den Proben an der Eichenschule zu.

Elphi anders vorgestellt 

Marie Fedorenko, ebenfalls 18, und heute am Keyboard statt am Klavier, hatte sich dagegen das neue Wahrzeichen der Hansestadt anders vorgestellt, „irgendwie wirkt die ,Elphi‘ in echt kleiner.“ Groß dagegen ist das Sounderlebnis, das vom Hamburger Publikum geradezu frenetisch gefeiert wird: Das zunächst scheinbar zögerliche Einsetzen einzelner Instrumente oder -gruppen, ein gebrochener Akkord hier, einzelne Töne dort, bis sich schon bald ein Klangteppich ergibt, aus dem einzelne Stimmen hervorbrechen. Dirigent Duncan Ward lauscht der spontan entstehenden Musik, richtig oder falsch gibt es nicht. Laura Heuer und Franziska Meyer sitzen als Cellisten ganz nah am „Meister“ auf der Bühne, nur eine Reihe oder 1,40 Meter entfernt vom sympathischen Briten, der oft nur steht und horcht, den Klang laufen lässt, mal dezent den Takt vorgibt, wenn dieser sich in der Kakophonie von Instrumenten und Clustern zu verschieben droht.

Das Zusammenspiel nimmt sich aus wie ein Urwald aus Instrumenten und wirkt mal meditativ, mal aufregend. Und es klappt immer besser: Allmählich schälen sich Einzelstimmen hervor, Echos, die Musiker reagieren sofort auf subtile Ansagen zur Dynamik. Während an den Akkordeons schon die ersten Gähner auszumachen sind und unter den Fagotten noch eifrig der Takt gezählt wird, während unter den Klarinetten volle Konzentration herrscht, agieren Laura und Franziska wie Profis: Pokerface, präzise Einsätze, zwischendurch den Kollegen lauschen. Beim Crescendo, inzwischen sind gut 40 Minuten vergangen, grinst Heuer einer Kollegin hinter sich zu, während Lehrer und „Sticks ‘n‘Drums“-Leiter Martin Crome rund 15 Meter entfernt voller Enthusiasmus seine Cluster ins Saxophon bläst.

Neue Fans 

Nach exakt einer Stunde und einem furiosen Finale: Glückselige Gesichter und tobender Beifall von den mehr als 1000 Zuschauern. Ob die „Minimal-Music“ neue Fans gewonnen hat? „Auf jeden Fall sind wir Fans der ,Elphi‘“, meint Jay Rieckenbrock, an diesem Tag an der Cajon zu hören, diplomatisch. „Es macht wohl mehr Spaß, das selbst zu spielen als zuzuhören“, so die einhellige Meinung. Und das Projekt, auf den Punkt gebracht? Marie Fedorenko: „Viel, gigantisch – einfach groß!“ - hey

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