Corona höchstens als Beschleuniger: Scheeßeler Fotostudio nach 15 Jahren zu

Sascha Bett gibt Fotostudio „Bildwerk“ auf

Sascha Bett gibt sein Scheeßeler
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Sascha Bett gibt sein Scheeßeler

Scheeßel – Wie viele Spaziergänger sind nicht schon am Wochenende oder abends vor dem beleuchteten Schaufenster im Kernort stehen geblieben und haben die Auslagen des kleinen Eckladens betrachtet: Schwangere mit Babybäuchen, die im Luftsprung festgehaltene Braut, Schwarzweiß-Aufnahmen vom Elbstrand, den Torjubel im St.-Pauli-Stadion oder den schief gestellten Turm der benachbarten St.-Lucas-Kirche. Wie viele Scheeßeler haben sich hier die Klinke in die Hand gegeben, um mal eben Passfotos machen zu lassen? Ab dem 1. März wird auch dies der Vergangenheit angehören: Das Fotostudio „Bildwerk“ schließt für immer.

Passfotos machen lassen war schon im vergangenen Jahr durch die Pandemie nur eingeschränkt möglich. Aktuell zückt Sascha Bett nur zwei Mal die Woche nach telefonischer Anmeldung die Kamera. Als der Fotograf vor einigen Tagen per Facebook mit dem ihm eigenen Humor verkündete: „Ich mache auf… merksam (…). Das Fotostudio macht zu“, ging ein Aufschrei durch das soziale Medium. Die allgemeine Bestürzung ist groß. Einige erinnern sich gern an gemeinsame Familien-Shootings oder die Begleitung ihres „schönsten Tags im Leben“, die der Wahl-Harsefelder fotografisch festgehalten hat, andere an die Ausstellung der Flüchtlingshilfe oder die Hochzeitsfotos des von der Rotenburger Obdachlosenhilfe „Straßenfeger“ betreuten Pärchens, die pro bono entstanden sind.

Das Bildwerk – das erste gewerbliche Corona-Opfer im Ort? Mitnichten. Die Pandemie habe wohl nur dazu beigetragen, die Aufrechterhaltung des Geschäfts noch einmal aktuell zu überdenken, „den lange gewachsenen Entschluss aber höchstens beschleunigt.“ Neu ist der Gedanke, den Ladenbetrieb aufzugeben, beileibe nicht. „Das Konzept Fotostudio hat sich einfach überlebt“, konstatiert Bett pragmatisch, sein „Bildwerk“ war eines der letzten im Landkreis.

Dabei gehe es gar nicht um Scheeßel als konkreten Standort, „auch wenn in Scheeßel der Einzelhandel sicherlich durch Corona noch weiter geschwächt wird und der ein oder andere das Handtuch werfen muss“, befürchtet Bett. Vielmehr handele es sich um einen allgemeinen Trend: „Seit dem Einzug der Digitalfotografie machen viel mehr Leute viel mehr Bilder, und nur wenige Betrachter hinterfragen, wie sich manche mithilfe gezielter Fakes in den Sozialen Medien in Szene setzen.“

Viel wichtiger sei aber der Trend, dass Fotos nicht mehr im Studio entstehen, sondern draußen – eine Entwicklung, die ihm entgegen kommt: „Ein Shooting in der Vareler Heide oder am Bullensee, das ist mir auch viel lieber“, so der Naturliebhaber, der auch schon Fotowanderungen veranstaltet hat.

Wenn in naher Zukunft die Passbilder direkt in den Behörden ausgefertigt werden, lohne die Fortführung eines Geschäfts mit Präsenz noch weniger. Schon in den Wochen mit viel Leerlauf, die es zwischendurch immer mal wieder gegeben habe, „habe ich mich gefragt, ob ich für drei bis vier Passbilder pro Tag Fotograf geworden bin“. Der Fotograf hat rechtzeitig die Weichen gestellt und Ende November die Räumlichkeiten gekündigt.

Komisch sei dieser Gedanke zunächst schon gewesen, „aber als ich die Kündigungspapiere eingeworfen habe, hat sich das richtig angefühlt“. Auch der Gedanke, an der „Schallschwelle“ 50 noch einmal etwas Neues aufzubauen, gibt ihm Auftrieb. Denn Bett macht weiter, 30 Kilometer entfernt im heimischen Hollenbeck, einem 700-Seelen-Ort, wo er seit zehn Jahren mit Frau und Kindern lebt.

„Dort haben wir viel Platz“, der Bau eines Holzhauses mit 35 Quadratmetern für das neue Studio ist in vollem Gange. „Sicherlich muss ich mich dort noch etablieren“, meint der Geschäftsmann, Kontakte seien durch die Vernetzung der Kinder und der Ehefrau, die dort als Polizistin tätig ist, jedoch schon vorhanden. Und auch auf viele der bisherigen Kunden aus dem Umfeld des Beekeortes kann er hoffen: „Viele Kunden haben schon signalisiert, dass sie weiter zusammenarbeiten wollen.“

Fehlen werden ihm vor allem die vielen persönlichen Kontakte und Begegnungen, die in den 15 Jahren seines Wirkens entstanden sind. Geschäftsbeziehungen, die er nicht missen möchte und auch gar nicht muss: „Ich bin zwar nicht mehr hier, aber ich bin ja nicht aus der Welt“, erklärt der 49-Jährige.

Zu seinen schönsten Erinnerungen gehören Familien, die er „beim Wachsen“ ablichten durfte, „einige habe ich vom Babybauch- über das Familien- bis zum Kindershooting fotografisch begleitet“. Unvergessen bleibt auch das Brautpaarshooting, das der Festivalfan und das gleichgesinnte Pärchen kurzerhand aufs Hurricane verlegten – die Ergebnisse schafften es sogar ins Fernsehen zu Jauchs „Wer wird Millionär?“.

Eine Umstellung wird Betts berufliche Veränderung auf jeden Fall: „Ich werde verstärkt auch Hausmann und Lehrer“, schmunzelt er. Schon jetzt passt er seine halben Scheeßel-Tage Dienst- und Stundenplänen von Frau und Kindern an. Wenn sich in den kommenden Wochen beim Abverkauf der Studiobilder noch der ein oder andere Kunde zum Verabschieden ein Stelldichein gibt, wird es kein Abschied für immer sein, verspricht Bett: „Man sieht sich spätestens auf dem nächsten Hurricane – wenn es das dann noch gibt.“

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