Interview mit Leiterin Petra Haunhorst

Rückschau auf 50 Jahre Beeke-Kindergarten: „Man muss mit der Zeit gehen“

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Auch nach mehr als 30 Jahren fühlt sie sich im Kreis ihrer Schützlinge pudelwohl: Beeke-Kindergartenleiterin Petra Haunhorst.

Scheeßel - Von Ulla Heyne. 1968 war es, da haben sich am Beekstieg zum ersten Mal die Türen des Scheeßeler Beeke-Kindergartens geöffnet. Ungezählte Kinder haben in den vergangenen 50 Jahren dort zum ersten Mal das Gefühl der großen Gemeinschaft auch außerhalb der Familie erfahren. Ihr Jubiläum feiert die Einrichtung im Kreise der Kinder und ihren Eltern sowie geladenen Gästen aus Rat und Verwaltung sowie ehemaligen Erzieherinnen mit einem fröhlichen Fest – ein Anlass, um mit der langjährigen Leiterin Petra Haunhorst Rückschau zu halten.

Frau Haunhorst, schlecht bezahlte Mitarbeiter, immer höhere Anforderungen – war früher alles besser?

Petra Haunhorst: Früher war vieles anders. Die Frage, ob die Bäume zum Klettern nach DIN genormt sind, hätte es früher kaum gegeben (lacht). Aber: Kinder müssen sich etwas zutrauen, um zu wachsen und ihre Erfahrungen machen zu können, früher wie heute.

Was hat sich in der Zeit, die Sie die Geschicke im Beekstieg begleitet und geleitet haben, außer dem gestiegenen Sicherheitsbedürfnis, verändert?

Haunhorst: Angefangen haben wir mit drei Gruppen, in Doppelbelegung vor- und nachmittags, also 120 Kinder. Seit zehn Jahren gibt es die Ganztagsbetreuung. Die Betreuungszeiten werden immer länger, immer mehr der häuslichen Aufgaben wie Schleife binden und Popo abputzen lernen werden in den Kindergarten verlagert. Auch auf die Gefahr hin, dass ich etwas Böses sage: Die Ansprüche sind gestiegen. Nicht nur an uns und an die Kinder, sondern auch an die Eltern. Die sind oft im Stress, arbeiten viel – da wird viel aus dem heimischen Bereich ausgelagert. Hinzu kommt, dass Autorität heutzutage verpönt ist. Das Kind als gleichwertigen Partner zu sehen, hilft nicht. Diskutieren Sie mal mit einem Vierjährigen, was er anziehen oder essen will.

Also war früher doch alles besser?

Haunhorst: Das kann man so nicht sagen. Die Kinder sind heute mutiger, selbstbewusster. Sie sind ein Spiegel der Gesellschaft: Sie sind weniger obrigkeitsgläubig, aber auch mehr mit sich selbst beschäftigt: Vom „Wir“ zum „Ich“. Hier im Kindergarten lernen sie Demokratie – wir haben hier Kindersprecher. Aber man muss aufpassen, sie nicht zu überfordern. Kinder wollen Regeln, Rituale.

Genau wie das Rollenverständnis unterliegen ja auch die Erziehungsansätze einer ständigen Veränderung?

Haunhorst: Ja, nichts ist so beständig wie der Wandel – auch die pädagogischen Konzepte haben sich verändert. In den 1980ern herrschte noch der „Laissez-faire“-Ansatz, dann kam die Zeit der intensiven Vorschularbeit mit Arbeitsblättern. Die waren später verpönt. Dann wurde das freie Spiel postuliert. Die Pisa-Studie läutete eine erneute Kehrtwende ein.

Und heute? Muss man sich verbiegen, um allen gesellschaftlichen Strömungen gerecht zu werden?

Haunhorst: Man muss immer das Gleichgewicht halten zwischen freiem Spiel und Lernwerkstatt – aus beidem lernen die Kinder. Bei allen Strömungen muss man gucken: Was passt für unsere Kinder, Eltern, Erzieher – und die neuen Ideen mit Leben füllen. Die eingeführten Lernangebote zum Beispiel vermitteln, was früher gefehlt hat: mathematische Bildung, Konzentration. Man muss mit der Zeit gehen.

Wandelt sich in mehr als 30 Jahren nicht auch das Verhältnis zu den Kindern, ist man mit zunehmendem Alter noch so dicht an den Kindern dran?

Haunhorst: Das A und O am Erzieherberuf ist die wirkliche Zuwendung zu den Kindern – sonst könnte man den Job nicht so lange ausüben. Da hilft alles Fachwissen nicht. Aber Sie haben recht: Man wechselt die Perspektive, quasi von der Eltern- zur Großelterngeneration, man wird gelassener. Alter ist eine Einstellungsfrage – innen drin verändert man sich nicht. Und vielleicht hält uns der enge Kontakt zu den Kindern auch jünger.

Wie gehen Sie mit den gestiegenen Anforderungen an den Kindergarten um?

Haunhorst: Da sind wir gut aufgestellt: Die Kommune hier hat früh gemerkt, wohin der Hase läuft – hier wurde schon früh auf Ganztagsbetreuung gesetzt, bei Neuerungen ist sie an vorderster Front und wir werden durch Fortbildungen unterstützt. Das ist auf Bundesland-Ebene leider nicht der Fall. Die Prioritäten liegen hier nicht gerade auf dem Elementarbereich.

Sie spielen auf die Entlohnung an, die ja gerade politisches Thema war?

Haunhorst: Ich mache das nicht primär an der Bezahlung fest, sondern an der Ausbildung von  Erziehern. Wir haben kaum geschultes Fachpersonal. Warum? Die Erzieherausbildung dauert vier Jahre – genauso lang wie ein Bachelor-Studium – und wird nicht vergütet. Das kriegen die Erzieher im Unterschied zu Hochschulabsolventen aber später nicht wieder rein. Und: Vom Bund gibt es viel Geld für Gebäude – aber nicht für das Personal, das darin arbeiten soll. Wir bräuchten mehr Personal, kleinere Gruppenstärken.

Also würden Sie sich eine größere Wertschätzung des Erzieherberufs wünschen, wie das in anderen Ländern der Fall ist?

Haunhorst: Vor allem geht es um bessere Rahmenbedingungen und Unterstützung durch die Politik. Dadurch, dass das Interesse bei Eltern verblasst, sobald die eigenen Kinder dem Kindergartenalter entwachsen sind, haben wir keine große Lobby. Das Geld, das durch die Gebührenfreiheit gespart wird, die ja vor allem den Besserverdienenden zu Gute kommt, hätte man auch in Personalaufstockung investieren können. Eine Wertschätzung der Erzieher durch die Eltern sehe ich schon – wir sind längst von der Kindergartentante zur Bildungseinrichtung aufgestiegen.

Ist das Thema Integration eine weitere Herausforderung für Sie?

Haunhorst: Ich hatte das Glück, mehrere Fortbildungen dazu absolvieren zu dürfen. Und wir haben relativ wenig Fluktuation, sondern Familien, die bleiben und die kleinen Geschwister schicken und in wenigen Jahren gut Deutsch gelernt haben. Dabei ist das Thema nicht neu: Vor 20 Jahren war es eine Welle von Russlanddeutschen, später Kurden. Ich sehe das nicht als Problem – wir können davon auch profitieren, etwa, wenn das fein angezogene kurdische Kind im Morgenkreis erzählt, was das Zuckerfest ist. Es gibt ja auch nicht die eine syrische oder russische Familie – das geht von bis, genau wie bei den Deutschen. Es gilt, herauszufinden, wo jeder steht und wie weit er sich einbringen möchte.

Sind die Neuen Medien im Beeke-Kindergarten ein Thema?

Haunhorst: Dieses Jahr zu Weihnachten haben wir festgestellt, dass viele Kinder ein eigenes Tablet geschenkt bekommen haben. Im Kinderzimmer hat der eigene Fernseher Einzug gehalten. Kinder, die am Smartphone der Mutter Spiele spielen – das alles ist Realität. Die Kinder von den Neuen Medien fernzuhalten, ist nicht die Lösung – es geht um kontrollierte Nutzung. Ich selbst möchte das Smartphone ja auch nicht missen: zum Lesen des Fachartikels, zum Checken der App oder wie das Wetter beim Ausflug wird.

Aber Medienbildung steht im Kindergarten noch nicht auf dem Plan?

Haunhorst: Nein, auf diesen Zug wollen wir gar nicht erst aufspringen. Das wäre – ähnlich wie etwa Englischkurse – nur sinnvoll, wenn das in der Grundschule, mit der wir in enger Absprache stehen, fortgeführt würde. Bei uns im Fokus steht anderes Rüstzeug: Selbstständigkeit, allein zur Schule gehen können. Die Eltern wissen um unsere Einstellung hierzu. Die Anmeldezahlen geben uns recht, dass diese Schwerpunktsetzung auch in ihrem Sinne ist.

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