„Vlogs sind Ventil“

„Röpers Hof“: Emotionales Video – Landwirt und Youtuber beendet Milchwirtschaft

Sven Trochelmann aus Wohlsdorf hat sich mit seinen Videos online einen Namen gemacht. Nun stellt er seinen Betrieb um und verkauft seine Kühe. Die Milchwirtschaft rechne sich nicht für ihn, erklärt er im Interview.

  • Sven Trochelmann aus Wohlsdorf vom „Röpers Hof“ ist Landwirt und Youtuber.
  • Im jüngsten Vlog erklärt er, warum er nun die Milchwirtschaft aufgeben will.
  • Im Interview erzählt Trochelmann mehr über „Röpers Hof“ und was dahintersteckt.

Seine Videos werden 90 000 Mal und mehr angeklickt, auf seine Entscheidung im jüngsten Video-Tagebucheintrag (Vlog), die Milchviehhaltung aufzugeben, folgte eine Welle der Solidarisierung, aber auch Kritik. Im Interview erzählt der Wohlsdorfer Sven Trochelmann vom „Röpers Hof“, was dahintersteckt.

Herr Trochelmann, in Ihrem Youtube-Video von Ende September haben Sie verkündet, alle Ihre 45 Milchkühe – die letzten Melkenden im Ort –, zu verkaufen und die Milchviehwirtschaft an den Nagel zu hängen. Was war da los?
Das war keine Bauchentscheidung, wie von einigen vermutet, sondern eine lang überlegte wirtschaftliche Entscheidung. Den Vertrag mit der Molkerei haben wir bereits im Dezember gekündigt. Es war schon länger klar gewesen, dass sich grundlegend etwas ändern musste – selbst mit Direktvermarktung und der Weiterverarbeitung zu Eis und Joghurt haben wir in der Landwirtschaft bestenfalls, aber nicht immer eine schwarze Null geschrieben. Vorher hatten wir viele Varianten durchgerechnet – diese war die allerletzte.
Wie hätten die Alternativen aussehen können?
Wir hatten überlegt, den Betrieb auf Bio umzustellen. Bei der Milch hätten wir die Kriterien sofort erfüllt; allerdings hätten wir, verkürzt gesagt, den gesamten Betrieb umstellen müssen. Beim Kartoffelanbau halte ich dies fachlich für falsch – dort wird Kupfer gegen Krautfäule aufgebracht. Ein Schwermetall, das nicht abbaubar ist: Das kann nicht gut sein. Ein verantwortlicher Umgang mit Fungiziden, also abbaubaren Pflanzenschutzmitteln, ist für mich der richtige Weg. Dazu kommt, dass wir die Umstellungszeit von drei Jahren wirtschaftlich nicht überlebt hätten. Eine weitere Alternative wäre Abstocken gewesen, aber selbst zehn Kühe wären noch zu viel gewesen. Die Milchtankstelle stagniert seit 2016 bei 30 bis 40 Litern pro Tag – positiv gesehen eine Nullnummer. Unser Bedarf für Joghurt und Eis ist saisonal; außerdem brauchen wir alle zehn Tage 200 Liter, dazwischen nichts – diese Mengen sind nicht abfangbar.
Heißt das, dass es in Zukunft kein „Röpers Hof“-Eis mehr gibt?
Doch, Eis und Joghurt kommen wieder, aber eben nicht mit eigener Milch. Wir werden in Zukunft von Betrieben beliefert, die unseren Milchstandard haben, also möglichst wenig Antibiotika, Weidehaltung, egal, ob da konventionell oder Bio drauf steht. In dieser Hinsicht bin ich leidenschaftslos.
Mit seinem Youtube-Video unter dem Titel „Kapitulation?“ sorgt der Wohlsdorfer Landwirt Sven Trochelmann ordentlich für Wirbel. Darin verkündet er unter anderem, seine gesamten Milchkühe zu verkaufen.
Die Direktvermarktung unter dem Label „Röpers Hof“ im Hofladen startete ja mit der Prämisse, vorwiegend eigene Produkte weiter zu verarbeiten und im Hofladen anzubieten – ist das mit Milch anderer Herkunft noch ehrlich oder ein Stück weit Etikettenschwindel?
Das Eis machen wir weiter selber, auch unsere Marmeladen, Kuchen, Torten, Apfelmus, etc. Es war ja nie so, dass wir nur eigene Produkte angeboten haben – für Milch und Kartoffeln kommt keiner extra. Es ging schon immer darum, hochwertige Lebensmittel anzubieten – nicht nur von uns, sondern auch von Anderen in der Region. Im Gegenteil: Die Bratwurst und Hochzeitssuppe – viele wollen die Fleischprodukte von Bernd Miesner haben; wenn auf Grillfleisch unser Logo ist, weil die Würzmischung von uns stammt, fragen sie extra nach, ob das auch von Bernd ist. Für Etikettenschwindel besteht also kein Anlass.
Das Video fiel ja sehr emotional aus – war das dem Abschied von den Kühen geschuldet oder auch dem Abschied von einem wirtschaftlichen Modell der Diversifizierung, das seit Generationen in der Familie gelebt wurde?
Zuerst einmal: Man mag darüber schmunzeln, aber wir mochten unsere Kühe. Wenn man an 365 Tagen im Jahr jeden Tag drei Stunden im Stall ist, hat man zu den Tieren eine Bindung, vielleicht nicht wie beim Hund, aber so ähnlich. Das Vieh, das sind keine Maschinen – das werden wohl alle Milchviehhalter so unterschreiben, egal, wie groß der Hof ist. Das haben auch viele Rückmeldungen von Landwirten gezeigt, die ich per E-Mail erhalten habe, denen es ähnlich ergangen ist. Zum Lebensentwurf: es bleibt die Feststellung, das funktioniert so nicht, die Einheiten sind einfach zu klein. Milchviehwirtschaft lohnt sich nur mit deutlich größeren Einheiten. Immer größer – diesen Weg wollten wir aber nicht gehen.
Wie wird Ihr Weg in Zukunft konkret aussehen?
Wir wollen in der Diversifikation diversifizieren. Das hört sich erstmal bescheuert an. (lacht) Gemeint ist, dass wir seitlich wachsen. Unser Hauptaugenmerk liegt auf der Kartoffel, landwirtschaftlich und auch in der Direktvermarktung. Da wollen wir uns an neue Produkte herantasten, vielleicht Pommes oder Wedges. Und wir wollen unseren Online-Shop ausbauen. Der Hofladen hat uns geholfen. Der Onlineshop entsteht neu, der alte Shop lief nur im Kleinen nebenbei. Und auch im Hofcafé soll es weitergehen; die geöffneten Abende werden gut angenommen und es gibt immer mehr Familien, die hier einige Stunden verbringen oder sogar fragen, ob sie hier mit dem Wohnmobil eine Nacht stehen können.
Welche Voraussetzungen müssten gegeben sein, damit sich eine Landwirtschaft, wie Sie sie idealerweise betreiben würden, wieder lohnt? Hätten Sie Forderungen an die Politik, an die Konsumenten?
Zunächst müsste einmal klargestellt werden, was die Politik und die Gesellschaft denn überhaupt möchten, denn kleine Familienbetriebe sind es offensichtlich nicht. Landwirtschaft ist naturgebunden, wir können nicht von heute auf morgen alles umkrempeln und wir brauchen zwingend Planungssicherheit! Dringend erforderlich ist eine Gleichbehandlung unserer Erzeugnisse, mit denen, die importiert werden. Und das auf allen Ebenen: Arbeitsschutz, Mindestlohn, Qualität, Nachhaltigkeit, Lebensmittelsicherheit. Das Resultat wären weniger Importe und mehr regionale Wertschöpfung. Die Politik hat ihren Fokus aber auf den Export von Industriegütern wie Autos und Waffen. Volkswirtschaftlich scheint dies und der damit einhergehende Import von Lebensmitteln deutlich wichtiger zu sein. Dann sollten die Entscheider aber auch die Eier in der Hose haben, dies den Landwirtsfamilien und dem Volk zu sagen, und nicht mit immer mehr fachlich sinnlosen Auflagen und Gesetzen verdeckt darauf hinarbeiten.

Zur Person

Die Wohlsdorfer Landwirtsfamilie Ina und Sven Trochelmann startete 2016 mit ihrem Hofladen „Röpers Hof“ mit der Direktvermarktung ihrer Produkte. 2020 kam das Röpers Café hinzu, das nach nur zwei Wochenenden Betrieb pandemiebedingt eine halbjährige Zwangspause einlegen musste. Der Youtuber und Musikfan ist Vater von vier Kindern und Mitorganisator diverser Bluesfestivals im heimatlichen Wohlsdorf. Die Kanäle des 43-Jährigen in den Sozialen Medien haben hohe fünfstellige Abonnentenzahlen, auf eines seiner Videos meldete sich unlängst Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner zu Wort.

Die Emotionalität, mit der Sie Ihre Entscheidung der Internet-Community mitgeteilt haben, hat Ihnen aber auch die Kritik eingebracht, Sie wollten Mitleid erwecken…
Den Schuh ziehe ich mir nicht an. Deshalb habe ich auch bewusst darauf verzichtet, den Abtransport der Kühe zu filmen. Das war ein sehr privater Moment – es wäre einfach nicht passend gewesen. Für den NDR war eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema mit diesen fehlenden Bildern übrigens gestorben.
Sie sind in den Medien wie Youtube und Instagram sehr präsent, stellen zwei Mal pro Woche ein Video online – warum? Hobby, Sendungsbewusstsein, Selbstdarstellung?
Also introvertiert bin ich nicht, ich habe als Musiker ja auch gern auf der Bühne gestanden. Das gehört zu mir. Ich habe einfach Bock drauf, auch, weil man später gucken kann: Was war heute vor zwei Jahren? Mein Antrieb ist Neugier. Und die Vlogs sind ein Ventil, ich nehme ja kein Blatt vor den Mund.
Wenn Sie eine Stunde auf dem Trecker sitzen, sehen sich das 80 000 Menschen an, sie haben 34 000 Abonnenten – wie erklären Sie sich das?
Das sind sicherlich unterschiedliche Zielgruppen. Andere Landwirte, die gucken wollen: Wie ist es woanders? Die schreiben mir per E-Mail, oft sind bewegende Geschichten dabei. Ein großer Teil sind sicherlich Leute, die sonst keine Berührung mit der Landwirtschaft haben, darunter Gamer, die Landwirtschafssimulatoren spielen und mal gucken wollen wie´s in echt aussieht, aber auch viele Verbraucher, die sich informieren wollen. Laut Statistik sind die meisten Viewer zwischen 18 und 36.
Drehen Sie Ihre Videos mit dieser Zielgruppe im Hinterkopf?
Nein, ich mache, worauf ich Bock habe. Alles andere wäre unglaubwürdig. Die Anzahl der Clicks ist mir nicht so wichtig, das macht nicht reich. Das würde man eher mit Produktplatzierungen, aber das ist nicht mein Ding. Wenn überhaupt, würde ich nur meine eigenen Produkte platzieren (lacht). Anfragen gibt es ohne Ende, in der Regel China-Ramsch, aber auch mal für Handywerbung oder neulich eine Bank. Die wollten, dass ich ihre Handy-App bewerbe.
Pro Woche zwei Videos, Abonnenten, die das erwarten – kann das nicht auch Stress sein?
Klar, weil man die Videos ja machen muss, wenn man eigentlich keine Zeit hat. Und nach der Arbeit abends um 9 Uhr noch zwei Stunden schneiden – manchmal würde ich dann auch lieber auf dem Sofa chillen. Aber den Druck mache ich mir ja selber, das ist halt Hobby. Was manchmal nervt, ist die Zeit, die dabei drauf geht.

Rubriklistenbild: © Heyne

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