Scheeßeler Landwirt übt Kritik

Regelungen zur Ferkelerzeugung: Die Verlässlichkeit fehlt

Für Sebastian Bassen ist dieses sieben Tage alte Ferkel noch zu jung, um sich eine normale Box mit der Sau zu teilen.
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Für Sebastian Bassen ist dieses sieben Tage alte Ferkel noch zu jung, um sich eine normale Box mit der Sau zu teilen.

Scheeßel – Schweinemäster stehen derzeit unter Druck, gleich von mehreren Seiten dominieren komplexe Probleme die Branche. Die Afrikanische Schweinepest (ASP) sorgt für Exportverbote in wichtige Abnahmemärkte wie China. Die Folge ist ein beispielloser Preisverfall und die stete Gefahr des ASP-Ausbruchs in der Region. Die Zwangsschließungen der Schlachthöfe als Coronahotspot sorgten für einen Schweinerückstau in den Ställen, weil nicht so viele zum Schlachthof abgeholt wurden, wie von den Mästern geplant.

Auch Junglandwirt Sebastian Bassen aus Scheeßel hat dadurch Auswirkungen gespürt. Doch nicht nur das, ein weiteres Damoklesschwert schwebt mit der neuen Verordnung in der Sauenhaltung über den Ferkelerzeugern. Bassen stellte sich nun die Frage, ob und wie er bis zur Rente weitermachen soll mit der Schweinemast.

Die ASP bereite dem landwirtlichen Betrieb in Scheeßel noch am wenigsten Sorgen. Denn die Bassens haben ihren Hof sowieso mit einer Umzäunung versehen und kommen so der geforderten ASP-Prophylaxe nach. Vom Schweinestau ist der Betrieb als Mäster aber schon betroffen gewesen. Im geschlossenen System gebe es tageweise mehr Spielraum, was das Umstallen der Ferkel betrifft. Allerdings hat der Junglandwirt einen großen betriebswirtschaftlichen Nachteil gegenüber anderen Mästern. „Was die Kollegen jetzt für die Ferkel bezahlen, dafür kann ich keine eigenen Ferkel produzieren“, so Bassen. Jede Woche würden statt der 110 Schweine nur noch 70 für den Schlachthof abgeholt. „Das ist ein großes Problem. Kurzfristig müssen wir dann Schweine auf Stroh in der Halle ausstallen“, beschreibt er die Platzprobleme.

Bezüglich der Sauenhaltung stehe er vor der großen Frage, ob er den elterlichen Betrieb so übernehmen solle und dann einer tief greifenden Umstrukturierung unterziehen will. „Ich bleibe auf jeden Fall Landwirt und werde keinen neuen Beruf erlernen“, stellt Bassen klar. Im Notfall müsse im Osten Europas ein Abenteuer gesucht werden, „wo die Politik nicht alle paar Jahre neue Regelungen schafft“, kritisiert Bassen.

Familie Bassen selber habe 1988 mit der Ferkelerzeugung begonnen „Damals sind wir wegen der fehlenden Milchquote in die Ferkelproduktion und mit Mastschweinen eingestiegen“, erinnert sich sein Vater Wolfgang Bassen. Allerdings werden auf dem Hof in Scheeßel die Ferkel in einem geschlossenen System nur für die eigene Mast produziert. So steht der Hofnachfolger vor der Frage, ob er die Maßnahmen zum Kastenstand baulich planen soll oder die Ferkel extern bezieht und nur noch auf die Mast setzt. Als Direktvermarkter sei der Betrieb aber sehr beliebt bei der Kundschaft. „Unsere Ferkel haben einen Transport von 200 Metern hinter sich, wenn sie zur Mast kommen. Das wissen und schätzen die Kunden“, sagte der Junglandwirt. „Wegen der Landwirtschaftspolitik wurde schon einmal alles vor zehn Jahren umgebaut und ich weiß nicht, welche Sau in acht Jahren durchs Dorf getrieben wird“, wird er deutlich.

Problem ist nämlich, dass er den neuen Regelungen zufolge ein Konzept mit größeren Kastenständen umsetzen muss. Diese Größe ist allerdings nach Fehlern im Beschluss des Bundesrates noch gar nicht abschließend fixiert. Konkreter sind die Neuerungen für das neu einzurichtende Deckzentrum, das in acht Jahren nach der Übergangsfrist fertig sein muss.

Für Bassen schwebe immer die Befürchtung mit, dass kurz dem Umbau wieder Änderungen kommen und eine sechsstellige Summe in den Sand gesetzt würde. Hier fordert der 23-Jährige klare Verlässlichkeit von der Politik, die Entscheidung zum Umbau sollte schließlich sein Berufsleben lang reichen. Er kalkuliere auch mit einer erheblichen Reduzierung der Sauenanzahl, weil ein kompletter Stallneubau viel zu aufwendig sei. Die konkreten Maße der neuen Buchten, insbesondere der Abferkelbuchten, sollten daher verlässlich sein. „Der Abferkelstall ist erst zwölf Jahre alt, und schon muss ich wieder umplanen beziehungsweise investieren“, so Bassen.

Fachlich hat Bassen Einwände gegen die kurze Zeitspanne für die Fixierung bei der Besamung der Sauen. „Fünfzehn Minuten sind einfach viel zu kurz und auch gefährlich für uns, weil die Sauen in der Rausche ordentlich austeilen können“, kommt Bassen auf den Arbeitsschutz zu sprechen. Was heute in einer Woche im Deckzentrum erreicht werde, sei ohne zusätzliche Mitarbeiter in nur 15 Minuten kaum zu realisieren. „Wieder Mehrkosten, und zwar dauerhaft“, sagte Bassen. Er habe kein Verständnis dafür, dass in der Diskussion viel zu wenig darauf hingewiesen werde, dass die Sauen mit ungefähr 115 Tagen den Großteil der Zeit im Wartestall verbringen, bei ihm mit 16 Tieren in der großen Doppelbox. Medial werde eher der Eindruck vermittelt, dass die Sauen die ganze Zeit nur im Kastenstand verbringen würden.

Die Änderung der Abferkelbucht sei auf ein verlässliches Maß sogar akzeptabel, aber die Dauer von nur noch fünf Tagen sieht Bassen problematisch. Die Ferkel seien nach nur fünf Tagen noch zu wenig entwickelt und nicht agil genug, um sich vor der Sau rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, wenn sie sich hinlegt. „Ich will nicht jeden Morgen in den Stall gehen und zig plattgemachte Ferkel entsorgen. Dazu liegen mir unsere Tiere zu sehr am Herzen“, machte er klar.

Als Direktvermarkter habe er ein natürliches Interesse für mehr Tierwohl und setze das mit seinem geschlossenen System auch schon länger um, auch die Kunden verlangten das.

Seine Befürchtung ist, dass durch immer neue Regelungen letztlich keine Ferkel mehr in Deutschland das Licht der Welt erblicken, sondern alle Tiere aus Ländern kommen, wo ganz andere Tierwohlstandards gelten. „Das stört den Verbraucher dann komischerweise nicht mehr, weil die Tiere im Ausland gehalten werden“, meint Bassen.

Diese Ferkel sind sieben Tage alt und wirken winzig im Vergleich zur Sau.

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