Nach gekippter Preisbindung

Scheeßeler Apotheker geht in die Offensive

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Nicht nur in der Meyerhof-Apotheke versucht man durch gute Qualität und guten Service die Kunden davon zu überzeugen, dass der Versandhandel nicht der richtige Weg ist.

Scheeßel - Ein kleiner Zettel von großer Bedeutung. Darauf ist in großen Lettern zu lesen: „Gesundheitssystem in Gefahr.“ Nicht nur die rote Alarmleuchte auf dem Flyer macht neugierig, um was es eigentlich geht.

Auch die daneben liegende Liste der bereits gesammelten Unterschriften auf dem Handverkaufstisch der Scheeßeler Meyerhof-Apotheke wirft Fragen auf: Wovon genau ist die Apotheke bedroht? Die Automatiktüren am Meyerhof öffnen und schließen sich fast im Minutentakt. Arzneimittel wandern über den Verkaufstisch. Rezepturen und Beratung gehören hier wie in anderen Apotheken auch zum alltäglichen Geschäft. 

Doch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes könnte das alles ändern. „Die Sicherheit steht auf dem Spiel“, sagt Dierk Westphal, Leiter der Apotheke in Scheeßel. Denn im Oktober vergangenen Jahres entschied der Europäische Gerichtshof, dass sich ausländische Versandapotheken nicht an die Preisbindung in Deutschland halten müssen. „Das bedeutet, dass ausländische Versender vom deutschen Verkaufspreis abweichen dürfen, sie dürfen teurer oder günstiger anbieten“, erklärt Magdalene Linz, Präsidentin der Apothekerkammer Niedersachsen.

Anlass für das Verfahren war ein Streit zwischen der Selbsthilfeorganisation „Deutsche Parkinson Vereinigung“ (DPV) und der Wettbewerbszentrale. Erstere wollte ihren Mitgliedern Boni auf rezeptpflichtige Arznei gewähren, die aus einer niederländischen Versandapotheke stammten. Dagegen klagte die Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs.

Öffentlicher Auftrag der Apotheken in Gefahr

Pharmazeut Westphal sieht darin eine Verletzung der Schutzmaßnahmen für seine Kunden: „Wir haben einen öffentlichen Auftrag, nämlich die Bevölkerung sicher mit Arzneimitteln zu versorgen“, betont er. Verschreibungspflichtige Arzneimittel müssten seinen Worten nach in bestimmter Weise behandelt werden. „Wir sehen die Gefahr, dass das dann nicht mehr passiert. Die Kontrolle ist durch den ausländischen Versand nicht mehr gegeben.“

Doch geht es nicht mehr nur um die Kontrolle der Medikamentenart und ihrer Menge, vielmehr befürchtet die Apothekenkammer, dass gerade die Apotheken auf dem Lande dem möglichen Preiskampf nicht mehr standhalten könnten. Dabei orientiere sich das Gesundheitssystem, anders als in anderen Ländern, am Wohl des Patienten. Es sei auf Leistung, Qualität und Sicherheit ausgerichtet, nicht auf Gewinne – so ist es auch auf dem alarmierenden Flugblatt zu lesen.

Preiskampf für örtliche Apotheken nicht zu leisten

„Die Apotheken erfüllen ihren gesetzlichen Auftrag, indem sie rund um die Uhr, auch nachts und an Feiertagen, die Bevölkerung mit Fertig- und Rezepturarzneimitteln versorgen“, so Magdalene Linz. „Sie haben nicht die wirtschaftlichen Möglichkeiten, einem Preiskampf standzuhalten. Schließen diese Apotheken, wird eines Tages kein Apotheker mehr direkt am Ort sein.“

In der Meyerhof-Apotheke liegt ein Notdienstplan aus. Für das gesamte Jahr sind darauf die einzelnen Apotheken vermerkt, die am jeweiligen Tag den Bereitschaftsdienst ausüben. Dierk Westphal stimmt der Besorgnis der Apothekerkammer zu: „Kostenintensive Dinge, die wir leisten müssen, braucht der Versandhändler nicht zu machen, dementsprechend kann er die Arznei günstiger anbieten. Dagegen würden wir wirtschaftlich gesehen nicht ankommen.“

Apothekerkammer fordert Verbot

Laut der niedersächsischen Apothekerkammer helfe nur ein Verbot gegen den Versand rezeptpflichtiger Arzneimittel. Das gebe es bereits in 21 europäischen Ländern. Die Unterschriftenaktion in der Meyerhof-Apotheke, die in den Monaten Januar und Februar gestartet wurde, konnte bis dato immerhin mehr als 200 Unterschriften einbringen. Der nächste Schritt wäre eine Petition gegen das EuGH-Urteil.

Bis es so weit ist, können die Apotheken in Scheeßel nur hoffen, dass die rezeptpflichtigen Arzneimitteln weiterhin über ihren Handverkaufstisch an den Kunden wandern – und nicht im Paket vom Postboten geliefert werden.

Von Cathleen Jürges

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