Mehr Zeit für sich

„Rauchfang“-Betreiber über das Aus ihres Traditionslokals

Axel und Susanne Kaiser vom „Rauchfang“ in Oldenhöfen haben Coronapause zur Neuorientierung genutzt.
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Axel und Susanne Kaiser vom „Rauchfang“ in Oldenhöfen haben Coronapause zur Neuorientierung genutzt.

Der „Rauchfang“ in Oldenhöfen galt lange als eine der besten Gastro-Adressen der Region. Nun ist Schluss, die Betreiber haben sich während des Lockdowns umorientiert.

Oldenhöfen – Im „Rauchfang“ herrscht Aufbruchstimmung. Vor dem Kamin im mehr als 200 Jahre alten Häuslingshaus, einst der begehrteste Platz für den Aperitif, stapeln sich Kartons. Gerade werden noch unbenutzte Seifenspender abgeholt – „alles, was geht, soll noch einem guten Zweck zugeführt werden“, erklärt Axel Kaiser, der dieser Tage ausnahmsweise nicht in der Küche zu finden ist.

Die Bilder an den Wänden sind abgehängt – einige der von Susanne Kaiser selbst gemalten Werke wurden von Gästen im Rahmen der Umtauschaktion „Gutscheine gegen Deko oder Flüssiges“ als Erinnerungsstücke mitgenommen. Es herrscht kein Zweifel: Der „Rauchfang“ ist Geschichte.

Es waren gute Tage, wie Inhaber und Betreiber Axel und Susanne Kaiser konstatieren – genau genommen sogar 28 Jahre. Als dritte Besitzer des 1964 eröffneten Restaurants drückten sie dem urig gelegenen Gourmettempel „in der Pampa“ ihren Stempel auf. Nicht nur in puncto Atmosphäre – unter ihrer Leitung wurde die Terrasse zum sommerlichen Pendant des Kaminzimmers und machte die Adresse ganzjährig attraktiv –, sondern auch im Hinblick auf Qualität und Kundenservice. Zwei Attribute, für die der Rauchfang seit 1999 zwar keinen Stern, aber eine besondere jährliche Erwähnung im Guide Michelin und anderen Gourmetführern erlangte.

Dies alles aufzugeben und das Restaurant, das für das Ehepaar fast drei Jahrzehnte Lebensinhalt war, nach der Pandemie nicht wieder zu öffnen: Kein leichter Schritt für die beiden Winkeldorfer. „Wir haben während der Lockdowns viel Zeit zum Nachdenken gehabt und erst so richtig gemerkt, was uns an Sozialleben all die Jahre entgangen ist“, meint der 59-Jährige, und Ehefrau Susanne fügt hinzu: „Corona hat da quasi nur als Brandbeschleuniger gewirkt.“ Stand sonst stets der Gast im Vordergrund, „haben wir bei der Entscheidung endlich mal nur an uns gedacht“, wie Axel Kaiser konstatiert.

Bereits vor Corona sei es durch die enge Personaldecke und immer striktere Behördenvorschriften immer schwieriger geworden, den Standard zu halten, den die beiden Perfektionisten an sich selbst anlegten. „Lange hätten wir das nicht mehr durchhalten können“, meint der ehemalige Koch eines Münchener Drei-Sterne-Restaurants. In diesem Zusammenhang übt Kaiser auch Kritik an den Behörden: „Wer ehrlich schafft, wird als kleiner oder mittelständischer Gastrobetrieb kaputtgemacht“, so Kaiser. „Wenn das so weitergeht, ist bald Schluss mit der Esskultur, wie wir sie kennen.“

Über die Gerüchte, die in den vergangenen Monaten im Umfeld kursierten, von „die sind pleite“ bis zu „dem ist die Frau weggelaufen“, können die beiden nur schmunzeln. Bewegt haben sie allerdings die E-Mails und Kommentare in den sozialen Medien, die sie nach Veröffentlichung ihres Entschlusses von vielen Stammkunden erhielten, die 80 Prozent der Gäste ausmachten. „Viele haben hier besondere Anlässe wie Konfirmationen, Hochzeiten oder Taufen gefeiert und verbinden mit dem Rauchfang schöne Momente“ – auch für den Koch. „Besonders, wenn man die Gäste kannte und sich zum Schluss noch mit an den Tisch setzen konnte, da sind viele gute soziale Kontakte entstanden“, meint Susanne Kaiser rückblickend.

Für sie war vor allem das A-la-Carte-Geschäft mit immer wieder neuen Gästen und ihren Wünschen spannend: „Eigentlich war jeder Tag ein Highlight.“ Dabei hatte die gelernte Köchin bei der Eröffnung 1993 eigentlich gar nicht den Service übernehmen wollen: „Ich war damals viel zu schüchtern, habe enorm dazu gelernt und meine Berufung gefunden.“ Ob sie in Zukunft weiter in diesem Bereich tätig sein wird oder sich in anderen Gebieten erprobt, steht noch in den Sternen. Für Ehemann Axel steht fest, dass er auch weiter am Herd stehen wird, allerdings in Teilzeit. Denn so schön die während der Pandemie entdeckten Hobbies seien, unter anderem die Erkundung der Umgebung per Pedes, „wir wollen auch in Zukunft das weitergeben, was wir gut können!“

Und das hat der leidenschaftliche Koch bereits mehrfach im Fernsehen bewiesen. Die Dokusoap „Mein Lokal, dein Lokal“ vor zwei Jahren, bei dem fünf Restaurants gegeneinander antreten mussten, das bedeutete für den ehemaligen Lafayette-Koch nicht nur lange Tage, sondern auch einen Höhepunkt seines beruflichen Schaffens und eine wertvolle Erinnerung; „Zu einigen der Teilnehmern haben wir noch Kontakt.“ Überhaupt sei der Kontakt zu Mitstreitern aus der Region enger geworden: „Durch Corona ist der Konkurrenzgedanke in den Hintergrund getreten – man hat sich gegenseitig informiert, die Gastronomen haben sich besser vernetzt.“

Einen der bewegendsten Momente hat das Ehepaar gerade hinter sich: Der Abschied von den alteingesessenen Nachbarn, die vor einigen Tagen Spalier standen – da seien schon ein paar Tränen geflossen, wie auch bei den Zuschriften von Gästen: „Was wir da an Wertschätzung bekommen haben – das hat man vorher im Alltagsbetrieb gar nicht so wahrgenommen!“ , meint Axel Kaiser. Um einen neuen Job bewerben muss er sich übrigens nicht: Ein entsprechendes Angebot liegt schon vor. „Wo das sein wird, wird aber noch nicht verraten.“  

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