Peter Enders geht nach 29 Jahren an der Grundschule Scheeßel in Pension

Quotenmann und Welterklärer

Der Fahrradführerschein hat dem „Verkehrsobmann“ Peter Enders viel Überblick, Organisationstalent und eine Engelsgeduld abverlangt.
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Der Fahrradführerschein hat dem „Verkehrsobmann“ Peter Enders viel Überblick, Organisationstalent und eine Engelsgeduld abverlangt.

Scheeßel – Seinen „Ausstieg“ hatte sich Peter Enders eigentlich ziemlich anders vorgestellt: Nach 29 Jahren als „Quotenmann“ an der Grundschule Scheeßel keine große Feier? „Wenn ich gehe, will ich wenigstens umarmt werden!“, meint einer, dessen Unterricht stets durch Nähe zu seinen Schülern geprägt war. Einer, der – ganz gelebte Demokratie im Kleinen – zur Klassensprecherwahl analog zur zeitgleichen Bundestagswahl Parteien gründen ließ, Wahlplakate und Wahlkampfdebatten inklusive. Einer, der bei 20 Grad minus mit seiner Klasse im Rahmen eines Naturschutzprojektes die Veerse renaturierte, samt Erlen-Umpflanzen und Eimerkette mit Kies. Und einer, der zu Anfang der Stunde erst einmal „eine gute Stimmung“ schuf, über das Weltgeschehen redete, den Anstieg der Benzinpreise thematisierte oder den Absturz einer Gondel in den Alpen.

Reine Zeitverschwendung? Mitnichten: „Wenn die Atmosphäre stimmt, wird besser und schneller gelernt, die paar Minuten holt man locker wieder rein.“ Kritik gab es an Enders‘ Lehrstil nie, „höchstens mal Gefrotzel einer Mutter: ,Na, haben Sie wieder die Welt erklärt?‘“ Die meisten Eltern seien froh gewesen, wenn er eine Klasse übernahm. Damals wie heute kommt es vor, wenn er sich als Scheeßeler Lehrer vorstellt, dass gefragt werde, ob er an der Beeke- oder Eichenschule unterrichtet. Ein Mann an der Grundschule sei schließlich selten. Dabei hatte der 64-Jährige eigentlich nie an eine Grundschule gewollt, nicht nur wegen der schlechteren Einstufung, „sondern vielleicht, weil dieses Denkmuster auch bei mir verhaftet war.“ Die Einfachheit die vermittelten fachlichen Inhalte verleite manche Eltern zu der Annahme, das Unterrichten hier sei „wie Kindergeburtstag, nur das ganze Jahr“, bringt er die zuweilen mangelnde Wertschätzung auf den Punkt.

Aus einem Jahr, abgeordnet von der Beekeschule, wurden 29. „Irgendwie hat nie jemand von der Schulbehörde nachgefragt, und inzwischen hatte ich die Arbeit hier zu schätzen gelernt“, so der Vollblut-Pädagoge. Der Weg nach Scheeßel sei holprig gewesen. Nach dem Referendariat an einer Haupt- und Realschule am Steinhuder Meer hatte er erst mal Leerlauf. Zu Zeiten der Lehrerschwemme hält sich die junge Familie – die Frau ist ebenfalls Lehrerin – mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Er fährt für Bofrost, liest Heizungs-Zählerstände ab, gibt Kurse für Jugendliche, die ihren Hauptschulabschluss nachholen.

Die Prämisse: „Wer als erstes einen Job findet, dem folgt die Familie.“ Beide hatten sich nicht nur bundes-, sondern weltweit beworben. „Den Aufgang zu unserer Wohnung haben wir mit Absagen gepflastert – unsere persönliche Klagemauer.“ Eine angenommene Stellung in Ecuador – der Container für die Umzugskisten ist schon bestellt – fällt im letzten Moment ins Wasser; nach der Bundestagswahl fällt das Programm dem Rotstift der Kohl-Regierung zum Opfer. Der erste Job im Odenwald als Lehrer für das neue Fach „Arbeit, Werken, Technik“ stellt sich als Flop heraus, gebraucht wird er dort nicht wirklich. „Immerhin durfte ich jeden zweiten Samstag Kunst für katholische Jungen unterrichten“, erinnert sich der zweifache Vater.

Auch der Wechsel nach Frankfurt nach einigen Jahren erweist sich als suboptimal. Zum Pendelweg von täglich 200 Kilometern – an eine Wohnung im Frankfurter Raum ist finanziell nicht zu denken – kommt die Gewissheit, dass die Ehefrau in Hessen bei den zu vergebenden Stellen trotz exzellenter Noten nicht berücksichtigt wird, „aus sozialen Gründen“. In Niedersachsen wird sie sofort zum Bewerbungsgespräch eingeladen. Den Job an der Rotenburger Stadtschule soll sie trotzdem nicht bekommen. „Wir reißen doch keine intakte Familie auseinander“, heißt die Begründung aus Lüneburg. Also Taktikänderung: Nach der Verbeamtung stellt Enders einen Antrag auf Ländertausch, als Wunschort zieht die Familie einen 100 Kilometer-Zirkel um ihre Heimat im hannoverschen Raum. 1991 kommt er in den Beekeort, während seine Frau Susanne Enders letztlich doch noch an der Stadtschule landet. Schnell ist klar: „Hier werden wir sesshaft!“

„Nach Frankfurt war die Grundschule Scheeßel für mich ein Paradies“, meint Enders. Sicherlich habe auch die Sonderstellung als „Quotenmann“ bei Eltern und Lehrern dazu beigetragen. Mit dem – bis auf den Schulleiter und einen Kollegen – rein weiblichen Kollegium sei er gut ausgekommen: „Nur beim Buschfunk war ich außen vor. Wenn jemand schwanger war, habe ich das immer als Letzter mitbekommen.“ Schon bald übernahm er die Theater-AG. „Das war für mich komplett Neuland.“ Nach einigen Jahren kamen die Scheeßeler in den Genuss selbst geschriebener Stücke. „Die haben meine Frau und ich gemeinsam verfasst, gern mit Robotern oder Außerirdischen, das erleichtert den Blick von außen auf die gesellschaftlichen Zustände.“ Ein „enormer Spaß“, der auch in zwei Büchern eines Schulbuchverlags veröffentlicht wurde.

Ein weiterer Bereich, für den Enders sich einen Namen machte, ist die Verkehrserziehung. „Für viele bin ich noch der Verkehrsobmann, auch wenn es heute ,Curriculum Mobilität‘ heißt.“ Kein Schüler, der nicht den ADAC-Fahrradparcours absolvierte oder am Ende der vierten Klasse den Fahrradführerschein machte. Neben der Beratung der Kollegen fand er sich Ende der 90er auch in einer „Task Force“ mit der Polizei wieder, als an der Kreuzung vor der Schule eine Schülerin überfahren wurde.

Alles in allem ein rundes Berufsleben an der Beeke, das nach 29 Jahren am Mittwoch sein Ende fand? Nicht ganz: „Durch Corona ist das Ende genauso holprig wie der Anfang“, konstatiert Enders. Als Mitglied der Risikogruppe eingestuft, war er seit März vom Unterricht freigestellt. Zuhause bleiben, „das ging nicht, da hätte ich ein schlechtes Gewissen gehabt!“ So bereitete er „quasi im Hintergrund“ die Stunden vor, die seine Kolleginnen in seinen Klassen gaben, einschließlich Korrekturdienst. „Und auch die Zeugniserstellung war für das Kollegium wohl noch nie so stressfrei“, schmunzelt er und tätschelt den großen Drucker. Den Zeitpunkt des Ausstiegs bereut er, abgesehen von der fehlenden großen Feier, indes nicht. Das gesellschaftliche Bild habe sich verändert; die Zahl der „RTL2-Eltern“ habe zugenommen, „diejenigen, die sich aufregen, fordern und Lehrer nicht als Partner erkennen, um gemeinsam das Beste für das Kind zu erreichen. Und auch die Grundaggressivität hat zugenommen.“

Was kommt? Zunächst einmal ein neues, größeres Wohnmobil, und am Wochenende die Jungfernfahrt. „Und danach wird azyklisch gereist: Wenn die Schule anfängt, geht es für uns los.“ Den nächsten Fahrradparcours will der ehemalige „Verkehrsobmann“ noch einmal ehrenamtlich begleiten – wenn er dann nicht gerade die coronabedingt verschobene Kanadareise nachholt. hey

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