Puppenspieler Hubertus Lauenburger über sein traditionelles Handwerk

„Kasper muss auch über die Stränge schlagen dürfen“

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Hubertus Lauenburger lässt die Puppen tanzen.

Scheeßel - Von Ulla Heyne. In Lauenbrück hat er Kinder und Großeltern zum Lachen gebracht, am Wochenende entführt er seine Zuschauer in Scheeßel in die Welt der Nostalgie, danach sind Hemslingen und Bothel an der Reihe. Was treibt einen Puppenspieler an, sich Tag für Tag mit Kasper, Seppel und dem Krokodil dem Konkurrenzdruck durch Fernsehen und Internet zu stellen? Wir fragten nach – bei Hubertus Lauenburger, Chef des größten deutschen Puppenspieltheaters.

Herr Lauenburger, gibt es Momente im Alltag, in denen Sie gern mal selbst der Kasper wären?

Hubertus Lauenburger: Eigentlich nur, wenn ich die Figur auf meinen Fingern spüre. Dann erinnere ich mich an früher, als ich neben dem Vater oder Großvater auf einer kleinen Kiste hinter der Bühne saß und ihnen beim Spielen zusah – und dann geht es los. Und so haben meine Kinder auch das Handwerk gelernt und sind heute dabei.

Darf der Kasper eigentlich alles oder gibt es da auch Einschränkungen?

Lauenburger: Naja, auch wenn er die Hauptperson ist: Alles darf er dann auch nicht machen. Er bekommt seine Aufträge schließlich vom König, zum Beispiel wenn er in den Wald geschickt wird, um den Räuber Hotzenplotz zu fangen. Klar, dass ihm das gelingt und er zur Belohnung beim Fest im Schloss den ersten Tanz mit der Prinzessin bekommt.

Der Kasper ist ja so beliebt, weil er sich Sachen herausnimmt, die man eigentlich nicht darf und die sich andere nicht trauen. In Zeiten, wo sogar Kinderbücher umgeschrieben werden: Darf Ihr Kasper auch politisch unkorrekt sein?

Lauenburger: Jein. Der Kasper ist ja der Spaßmacher vom Puppentheater. Insofern muss er auch mal über die Stränge schlagen dürfen. Früher durfte er mit der Keule hauen oder Tod und Teufel eins mit der Bratpfanne überziehen. Das darf er heute nicht mehr. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Heute darf er höchstes dem Räuber nochmal eins mit dem Bommel von seiner Mütze geben.

Hat sich da noch mehr verändert in den Geschichten, die Sie spielen?

Lauenburger: Nein, ansonsten ist alles so geblieben. Die Geschichten habe ich von meinem Vater übernommen, er sie von seinem. Wir spielen mittlerweile in der fünften Generation. Seitdem haben sie sich nicht verändert. Wir können stolz darauf sein, diese Tradition aufrecht zu erhalten.

Also hat der Kasper kein Handy oder gar ein Smartphone?

Lauenburger: Richtig, es sind alles alte Stücke, da hat die moderne Technik nichts zu suchen. Das ist alles noch wie zu Omas Zeiten.

Wie viel Platz bleibt für Improvisation?

Lauenburger: Viel – man vergisst ja auch mal was. Oder bei Zwischenrufen: Da reagiert man natürlich. Der Kasper spielt ja mit den Kindern! Die helfen ja, den Räuber mit einzufangen!

Gibt es auch Zwischenrufe, die den Kasper erstmal sprachlos machen?

Lauenburger: Im Stück „Die gestohlene Kaffeemühle“ hat mal ein Mädchen reingerufen: „Der Räuber hat die Kaffeemaschine!“

Würden Sie gerne mal etwas anderes spielen?

Lauenburger: Mein Großvater und mein Vater, die haben noch Faust gespielt, damals noch in den Gaststätten. Das war in der Zeit vor dem Fernsehen. Da ging es mit dem Pferdewagen von Dorf zu Dorf, und die Vorstellungen waren immer voll. Am besten Tisch vor der Bühne saßen der Bürgermeister und der Lehrer. Das mit dem Faust haben wir auch mal versucht. Da kamen aber ganz wenig Leute – das lohnt den ganzen Aufbau nicht. Heute sitzen die Leute lieber vorm Fernseher; die gehen nicht mehr raus.

Wie erklären Sie sich den Boom, den Puppentheater für Erwachsene im Fernsehen gerade erlebt? Die Comedians Sascha Grammel mit „Josie“ oder Werner Mommsen sind zwei solche Beispiele.

Lauenburger: Das sind wahrscheinlich Kindheitserinnerungen. Zu uns kommen auch viele Großeltern, die ihren Enkeln die verschiedenen Figuren erklären.

Hat sich in den fünf Jahrzehnten, in denen Sie Ihren Beruf ausüben, das Publikum verändert?

Lauenburger: Geändert nicht; es ist bloß nicht mehr ganz so, wie es früher mal war. Als das Fernsehen aufkam, wurde es schlechter. Irgendwann kam die Nostalgiewelle, da ging es wieder hoch. Wir haben einen Riesenerfolg – und den müssen wir auch haben, um wirtschaftlich zu bleiben. Es gibt einige Puppenspieler, die reisen nur in Schulen, haben eine kleine Bühne, zwei Meter, die ist in zehn Minuten aufgebaut. Wir haben 13 Trucks und brauchen einen ganzen Tag zum Aufbau. Schließlich sind wir Deutschlands größtes Puppentheater.

Sie deuteten ja schon die Konkurrenz durchs Fernsehen an. Haben Sie keine Überlebensängste?

Lauenburger: Die habe nicht. So lange es Kinder gibt, bleibt das Puppentheater immer bestehen. Wenn mindestens 100 Besucher pro Vorstellung kommen, können wir überleben. Ich könnte mir auch gar nichts anderes vorstellen. Sesshaft werden – niemals. Wenn Anfang März die Sonne rauskommt im Winterquartier, dann juckt es schon wieder in den Fingern.

Wie wichtig ist denn das Publikum, mal abgesehen von den Eintrittsgeldern?

Lauenburger: Ziemlich wichtig – wenn die Jungen und Mädchen mitgehen und klatschen, ist das natürlich schöner, als wenn sie nur dasitzen. Aber der Kasper kriegt sie alle: Nach ein paar Witzen von ihm ist die anfängliche Scheu in der Regel dahin.

Was ist der schönste Moment beim Spielen?

Lauenburger: Wenn alles steht, alles schön aussieht – aber auch nach der Vorstellung, wenn die Leute begeistert gehen und sich noch bedanken.

Spielen Sie lieber die Guten oder die Bösen?

Lauenburger: Ein guter Puppenspieler muss alle Figuren sprechen können – es kann auch mal einer krank werden. Meine Lieblingspuppe ist aber der Kasper. Im Winter setzen wir uns zusammen und legen die Rollen fest. Da gibt es natürlich auch Vorlieben. Aber man einigt sich immer. Trotzdem bin ich letztlich der Chef und sehe sofort: Die Rolle ist wie für die Tochter oder den Sohn gemacht und derjenige spricht sie dann auch.

Hintergrund

Die „Lauenburger Puppenspiele“ aus Henstedt-Ulzburg sind ein traditionelles Familienunternehmen. In fünfter Generation tourt das Puppentheater durch Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Etwa 70 Vorstellungen absolvieren die Lauenburgers im eigenen Theaterzelt, dazu kommen noch Auftritte in Kindergärten und auf Weihnachtsmärkten.

Neben den mehr als 100 historischen, handgefertigten Handpuppen hat das aus sechs Familienmitgliedern bestehende fahrende Theater ein gesamtes Marionettenmuseum im Gepäck – eine Kunst, die seit dem Tod des Vaters nicht mehr praktiziert wird.

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