Projekt Entschleunigung

Elke Twesten über den Blick nach vorn

+
Die Essays des Göttinger Politikwissenschaftlicher Franz Walter von 2006 haben es dem Titel nach Elke Twesten angetan: Sie wirbt für die neue Koalition mit CDU und Grünen.

Scheeßel - Von Michael Krüger. „Es ist eigentlich alles gesagt“, sagt Elke Twesten und fängt an zu erzählen. Warum sie zur CDU gewechselt ist, welche Versäumnisse es bei den Grünen gab, warum sie gestalten und dass sie weitermachen will. Twesten spricht auch dann darüber, dass es doch gar kein so großer Bruch gewesen sei, dass sie schon immer für Schwarz-Grün geworben habe, wenn sie etwas ganz anderes gefragt wurde: „Wie geht es Ihnen, eine Woche nach der Landtagswahl, Frau Twesten?“

„Neben vielen organisatorischen Fragen lerne ich gerade Entschleunigung“, antwortet die 54-jährige Scheeßelerin kurz. Doch mit dem Abschalten sei das so eine Sache, man sitze nun schließlich zusammen, um über Politik zu reden, und deswegen: Ja, sie sei entspannt, auch wenn ihr „der Boden entzogen“ wurde. Das war am 30. Mai. Der Kreisverband der Grünen, zumindest 28 wahlberechtigte Mitglieder, nominiert zur Überraschung aller Außenstehenden die Politik-Neueinsteigerin Birgit Brennecke zur Direktkandidatin, nicht die erfahrene Abgeordnete. Das ist das Ende im Landtag für Twesten, das Ende bei den Grünen folgt mit dem Übertritt zur CDU im August. Rot-Grün in Niedersachsen fällt, Neuwahlen am 15. Oktober. „Das war eine Diskreditierung meiner Person“, sagt Twesten. Dabei hätte sie sich doch weiter für die Grünen engagieren wollen. Aber ohne Aussicht auf Gestaltungsspielraum?

„Ich habe damit abgeschlossen“

Eigentlich, sagt sie, möchte sie auch über die Grünen nicht mehr sprechen. Erst seufzt sie, dann Schweigen, dann doch: Der linksorientierte Landesverband habe es versäumt, nach dem Atomausstieg Themen zu setzen oder die Fracking-Debatte an sich zu ziehen, zu viele Kompromisse, zu wenig Strahlkraft. Und der oftmals zerstrittene Kreisverband, der jetzt im Clinch liegt mit dem Scheeßeler Ortsverband, der Twesten stets unterstützt hat? „Zu dem würde die Bezeichnung fundamentalistisch passen“, sagt sie. Die Schönrederei des Wahlergebnisses habe nichts mit der Realität zu tun, in ihrer Zeit seien die Zahlen stetig nach oben gegangen, das sei spätestens seit Sonntag vorbei. „Im Kreisverband gibt es Menschen, die jegliche Kreativität durchkreuzen.“ Ihr und dem Ortsverband sei es dagegen immer um die Menschen gegangen, nicht um Grundsatzdiskussionen. Die Zusammenarbeit sei in der Partei zerrüttet. Nach den zwei letzten Kommunalwahlen habe sie für Schwarz-Grün auf Kreisebene geworben, vergeblich. „Es wurde kategorisch abgelehnt: Teufelszeug.“ Dass sie nun, nach der Nicht-Nominierung bei den Grünen, in der CDU eine neue politische Heimat gesucht hat, sei „nicht so spektakulär, wie es in der Öffentlichkeit inszeniert wurde“. Schwarz-Grün funktioniere. Die „Bedenkenträger“ in den eigenen Reihen – Twesten vermisst sie nicht. „Ich habe damit abgeschlossen.“ Jetzt kümmere sie sich um die CDU. „Dort komme ich klar.“ Sie werde ihren Platz finden.

Scharfe Kritik, medial inszenierte Häme und Gespött

Dennoch: „Wir hätten anders kommunizieren sollen, können, wie auch immer.“ Irgendwas hätte anders gemacht werden müssen nach dem 4. August. Was genau, weiß sie aber auch nicht. „Kann man gegen den Aufschrei anschreien?“ Die Beweggründe für den Parteiwechsel, glaubt man nicht nur an gekränkte Eitelkeit, sind für Beobachter ihres lokalpolitischen Handelns nicht völlig abwegig, war die Entfremdung Twestens von großen Teilen der hiesigen Grünen doch offensichtlich. Über den Zeitpunkt lässt sich natürlich streiten.

Doch die scharfe Kritik, medial inszenierte Häme und Gespött, Quoten bringende Vereinfachungen, greifen zu kurz. Nein, sie sei am Sonntag nicht – wie von der Deutschen Presse-Agentur gemeldet – noch während der Rede von CDU-Chef Bernd Althusmann aus dem Saal gestürmt, sondern einfach nur im Anschluss nach Hause gefahren. Und dass Medienjournalist Stefan Niggemeier Twesten nach dem in den sozialen Netzwerken mit viel Spott für die Politikerin bedachten Interview mit ZDF-Reporter Wulf Schmiese verteidigt, ist richtig – die im Nachhinein frotzelnde Medienschar hätte das Gespräch, das anders als dargestellt laut Twesten auch gar nicht live gesendet wurde, nur mal ansehen müssen. Twesten: „Überregionale Medien besonders im Internet leiden unter erheblichem Fachkräftemangel.“ Die Sicht der Ex-Grünen und auf sie polarisiert. Aber sie steht – endlich beziehungsweise noch – im Mittelpunkt. „Ich möchte aber nicht, dass die Medien weiter über mich herfallen.“ Gegen die Verfasser einiger Hass-Kommentare im Netz hat sie Anzeige erstattet.

Der Wahlausgang, die Niederlage der CDU hätten natürlich auch mit ihr und der von Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) „inszenierten Intrige“ von CDU-Postenversprechen zu tun. Dabei habe sie geglaubt, die Wähler ließen sich mit Sachthemen ansprechen. Ein Irrglaube? Politischer Idealismus? Twesten möchte weiter dran glauben und „Politik mit Argumenten“ machen. Dass damit am Sonntag auch bei den Grünen ihr zuletzt 19. Platz auf der Landesliste gar nicht für den Einzug in den Landtag gereicht hätte, ist bislang nicht mal eine Randnotiz gewesen. Es wäre ein leiserer Abschied von der politischen Landesbühne gewesen. Er hätte aber dazu beigetragen, beim Projekt Entschleunigung weniger erklären zu müssen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Weihnachtsmarkt in Eitzendorf

Weihnachtsmarkt in Eitzendorf

Nikolausmarkt in Bücken

Nikolausmarkt in Bücken

Weihnachtsmarkt am Sudweyher Bahnhof

Weihnachtsmarkt am Sudweyher Bahnhof

Weihnachten auf Rittergut Falkenhardt

Weihnachten auf Rittergut Falkenhardt

Meistgelesene Artikel

Erschließung des Hellweger Baugebiets kostet jetzt 700.000 Euro

Erschließung des Hellweger Baugebiets kostet jetzt 700.000 Euro

Ein Hauch von Weihnachten in Rotenburg

Ein Hauch von Weihnachten in Rotenburg

Chor „Northern Spirit“ gibt Adventskonzert im verschneiten Hellwege

Chor „Northern Spirit“ gibt Adventskonzert im verschneiten Hellwege

61-jährige Autofahrerin bei Kollision mit Baum schwer verletzt

61-jährige Autofahrerin bei Kollision mit Baum schwer verletzt

Kommentare