„Leporello“-Akteure auf dem Meyerhof

Von der Moorleiche zum „Mumia“-Pulver

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Das Häuslingshaus bot Scheeßeler Thomas Voss (l.) und seinen Mitstreitern der Theatergruppe „Leporello“ eine ideale Kulisse für ihren selbst verfassten Moorkrimi.

Scheeßel - Ein Jahr lang haben sie zwei Mal wöchentlich Moorleichen gespielt, haben sich Kutten, Seilschlinge und den Pflock übergestreift, der aus dem Bauch herausragt. Fünf Mal haben sie lamentiert, sich gestritten, und auf drei Bühnen am Meyerhof die fiktive Geschichte vom Ort „Bleuel“ zum Leben erweckt, in dem Habgier, Intrigen und Mord jahrhundertelang eine Dorfgemeinschaft zusammenschweißten. Nun steht das gute Dutzend Akteure der Hobbytheatergruppe „Leporello“ am Samstagabend vor der letzten Aufführung.

Gut sind sie geworden, um auf den Punkt zu kommen. Das bescheinigt ihnen Regisseurin Ramona Schmalen, die gemeinsam mit den Akteuren das Ränkespiel auf zwei Ebenen rund um Ritualmorde, Blaudruck und Heiltränke und mit allerlei skurrilen Figuren, von der frisch ermordeten Schnapsleiche bis zum durchgedrehten Nabu-Forscher entwickelt hat. Erleichterung schwingt bei der Bremerin mit: Alles ist gut über die Bühne gegangen, die Resonanz sei „der Hammer“ gewesen und die Inszenierung „turbomäßig gelaufen“. Nicht nur die sämtlich ausverkauften Vorstellungen, sondern auch die Publikumsreaktionen zeigen: ein Volltreffer. Ob das am Thema des Stücks gelegen hat? Mit der Anerkennung des Blaudrucks als immaterielles Weltkulturerbe hat Schmalen einen aktuellen Bezug geschaffen und an ein Stück Geschichte des Spielortes angeknüpft: Am stimmigen Ambiente des Meyerhofs, an dessen Lage im Kernort oder daran, dass sich die Sottrumer Theatergruppe nicht zuletzt mit „Der Traumreisende“ im Jeersdorfer Heicks Park oder mit „Schweine auf Clüversborstel“ einen Namen gemacht hat, wie Akteur Thomas Voß vermutet. Das Publikum, das auch dank der Familien und Freunden aus der ganzen Republik angereist ist, zeigt sich begeistert. „Das hätten wir hier auf dem Dorf gar nicht erwartet“ oder „mal was ganz anderes“ seien gängige Reaktionen gewesen, berichtet Schmalen.

Dabei ist die Publikumsreaktion jedes Mal eine andere. Wo in der Anfangsszene an einem Tag noch betroffene Stille herrschte, wenn die „Untote“ Elisabeth (Stephanie Weidig) im Vorraum des abgedunkelten Meyerhofs sich zur zweistimmigen Livemusik mit Gitarrenbegleitung im Tanz wiegt und hysterisch kichert, löst sie in der nächsten Vorstellung Gelächter aus. Humor ist – neben zahlreichen anderen Elementen wie Schattenspiel, Audioeinblendungen und sogar einem nachts an ebendiesem Ort gedrehten Kurzfilm – denn auch eins der Stilmittel, ein Ventil. Das braucht es auch, geht es in der Geschichte der zu Blaudruck-Pulver und dem Heilpulver „Mumia“ zermörserten Moorleichen doch mitunter nicht zimperlich zu.

Unglaubliche Ortsgeschichte

So fantastisch die Geschichte auch anmuten mag: „Ich bin von Auswärtigen im Anschluss oft gefragt worden, ob die Geschichte dieses Ortes so stimmt“, schmunzelt Schmalen. An diesem Abend wird sie nach fünf Vorstellungen, in denen die Akteure in Doppelrollen geschlüpft und über sich hinausgewachsen sind, eine besondere Derniere erleben. Denn bei der letzten Vorstellung dürfen die Akteure allerlei Kalauer und Überraschungen einbauen. Der Scheeßeler Akteur Thomas Voss, der neben dem 1225 ermordeten Kreuzritter Sigismund auch den korrupten Apotheker Piepenbrink verkörpert und neben schauspielerischem Talent auch vertonte Moritaten zu Gehör bringt, ist von seiner Regisseurin angetan: „Sie fiebert jedes Mal total mit“, verrät er, und: „Durch das Ritual, dass sie uns das Stück nach dem Warmspielen jedes Mal überträgt, übernimmt man eine ganz andere Verantwortung.“

Auch er wird am Ende der drei Stunden einerseits erleichtert sein, das Mammutprogramm der letzten Wochen hinter sich gebracht zu haben – aber auch traurig, dass es zu Ende ist, „gerade, wo wir so gut eingespielt sind“. Von langer Dauer muss die Trauer jedoch nicht sein: Bereits nach den Sommerferien starten die Proben für das nächste Stück. Dafür hat Schmalen schon einige Ideen: „Erst entwickeln wir das Thema, dann suchen wir uns die passende Location“, so Schmalens Ansatz. Man darf gespannt sein.

hey

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