Über Rollenverständnisse und fehlende Sozialarbeiter

Paul Göttert von der Flüchtlingshilfe: „Integration ist ein Marathonlauf“

+
Paul Göttert spricht klare Worte: „Es braucht klare Konzepte und gut ausgestattete Institutionen für Kinder und Erwachsene, die gezielt diese Flüchtlinge in unsere Gesellschaft einführen.“ 

Scheeßel - Für die Integration von geflüchteten Menschen in Scheeßel engagieren sich viele. Auch Paul Göttert packt als Vorsitzender der örtlichen Flüchtlingshilfe mit an. Im großen Interview zieht er Bilanz: Wo und auf welche Art wird Hilfe geleistet? Wie finden sich die Geflüchteten in ihrer neuen Heimat zurecht? Und ab wann stoßen die Ehrenamtler an ihre Grenzen?

Herr Göttert, nach dem Mordfall in Scheeßel fiel auch der Begriff des „Ehrenmordes“. Es wurden auch Stimmen im sozialen Netzwerk laut wie „Die sollen sich in ihrer Heimat umbringen“. Was sagen Sie dazu?

Paul Göttert: Es ist eine gewaltige Umstellung für Menschen mit einem ganz anderen Wertebild, in unserer Gesellschaft klarzukommen. Die traditionellen Rollenverständnisse werden auf den Kopf gestellt: Da fühlen sich Väter von Kindern, die schneller lernen und in der Schule integriert werden und denen auf einmal eine Mittlerrolle zukommt, von den eigenen Kindern entmachtet. Frauen, deren Rolle traditionell im Haus am Herd war und die sich vielleicht zunächst schwertun, einem Mann die Hand zu geben – das ist in Syrien streng verboten – dürfen hier ganz andere Freiheiten erfahren. Das führt zu Verwerfungen im familiären Gefüge. Im vorliegenden Fall gibt es Gerüchte, es sei beim Streit unter anderem auch um den Besuch der Mutter eines Deutschkurses gegangen. Das kann ich so allerdings weder bestätigen noch dementieren.

Sie meinen, der Mord wäre zu verhindern gewesen?

Göttert: Ich will nicht sagen, dass er zu verhindern gewesen wäre. Aber er zeigt, wie wichtig es ist, dass die derzeit 260 Menschen aus anderen Kulturen in unserer Gemeinde professioneller betreut werden sollten. Das kann kein Ehrenamtler leisten. Es braucht Sozialarbeiter, und zwar hauptamtlich, damit eine Kontinuität in dieser Arbeit gewährleistet ist. Kein „Flickwerk“ mit einigen Stunden und immer wieder neuen Gesichtern. Durch wöchentliche Hausbesuche in den Unterkünften könnten aufkeimende Probleme früh erkannt und daran gearbeitet werden. Kurz gesagt: Durch Prävention kann gestaltet und Integration in richtige Bahnen gelenkt werden.

Wie wird in der anstehenden Jahreshauptversammlung des Vereins das Fazit des vergangenen Jahres ausfallen: Überwiegt der Stolz über das schon Geleistete oder angesichts immer weniger neuer Helfer und Überlastung der Vorhandenen die Sorge vor den Aufgaben?

Göttert: Wir können mit einer gewissen Genugtuung auf das schauen, was entstanden ist. In Zusammenarbeit mit der politischen Gemeinde ist zum Beispiel das Café Refugium entstanden. Es ist zu einem wöchentlichen, gutbesuchten Treffpunkt für Flüchtlinge und Helfer geworden. Allerdings fällt auf, dass viele Frauen noch nicht kommen. Da lernen wir wieder einmal dazu. Wir überlegen, ein Frauencafé nach dem Vorbild in Rotenburg anzubieten. Die traditionellen Geschlechterrollen sind eben nicht von heute auf morgen verschwunden. Für die Mütter mit Babys, die aus den Sprachkursen herausfallen, haben wir einen Extrakurs eingerichtet. Wir haben das Mutter-Kind-Seminar, das in Rotenburg stattgefunden hat, auf die Scheeßeler Situation zugeschnitten und führen es auf ehrenamtlicher Basis an zwei Wochentagen durch. Erstmals haben wir eine Kraft auf Minijob-Basis eingestellt, die die Babys und Kleinkinder betreut. Integration ist eine Marathonaufgabe und wir sind noch ziemlich am Anfang.

Nun, wo die Erstversorgung und Unterbringung geleistet ist: Haben sich die Aufgaben verändert?

Göttert: Auf dem Weg von der Erstaufnahme bis zur Anerkennung oder Ablehnung fallen fast alle Flüchtlinge in ein tiefes psychisches Loch, auch aufgrund der sehr langen Wartezeit durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Für viele ist es schwer, sich auf unsere auf Zeit getaktete Lebens- und Arbeitsweise auszurichten. Auch erkennen einige nicht, dass das Leben im neuen Umfeld viel Eigeninitiative erfordert – das ist ein schmerzlicher Prozess. Besonders junge, alleinlebende Männer greifen bei diesen Problemen zu Alkohol und Drogen. Auch in diesem Bereich wäre Prävention dringend geboten, damit Dinge nicht eskalieren.

Wie hoch ist die Motivation für Menschen, in diesem Land Deutsch zu lernen, wenn ihnen nach zweieinhalb Jahren Wartezeit und höchstmöglicher Integrationsbereitschaft der Abschiebungstermin bevorsteht?

Göttert: Leider wird die aktive Bereitschaft zur Integration bei den Anhörungen nicht gebührend berücksichtigt. Lernwillige, die aus den weniger bevorzugten Herkunftsländern kommen, unterstützen wir bei der Teilnahme an Sprachkursen, zum Beispiel mit Fahrkostenübernahme. Allerdings dies nur zur Hälfte, weil Selbstbeteiligung das A und O ist. Wir haben es gottlob geschafft, viele Kurse hierher nach Scheeßel zu holen, damit die Menschen wohnortnah unterrichtet werden können.

Wie steht es mit der Vermittlung in Arbeit?

Göttert: Das ist ein schwieriges Unterfangen. Es gibt einzelne, bei denen es klappt. Andere haben eine Lehre angefangen, mussten sie aber abbrechen oder aussetzen, weil die sprachlichen Anforderungen in der Berufsschule zu hoch sind. Viele wollen hier studieren – da ist auch Statusdenken dabei – und sind enttäuscht, dass das bei den meisten nicht möglich sein wird. Bei der Erfassung und Diagnose der Fähigkeiten und Kompetenzen durch das Jobcenter ist schon so mancher auf den Bauch gefallen. Es sind auch bereits einige aufgrund dieser Anforderungen in ihre Heimat zurückgekehrt.

Für Sie eine Niederlage?

Göttert: Keineswegs – eher eine Erkenntnis und bewusste Entscheidung desjenigen, dass er sich hier nicht zurechtfinden wird und deshalb zurückkehrt. Einige tauchen auch unter, wenn es darum geht, die negative Entscheidung des Bundesamtes anzufechten. Das Vertrauen in ein Rechtssystem ist bei vielen aufgrund ihrer Erfahrungen im Heimatland, nicht sehr hoch. Immerhin begleiten wir die von Abschiebung bedrohten Menschen und versuchen, sie mit Anwälten oder Beratungsstellen in Kontakt zu bringen. Es kostet den Helfern viel psychische Kraft, diese Begleitung nicht aufzugeben. Um dem hohen Beratungsbedarf gerecht zu werden, hat das Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft BNW eine Beratungsstelle am Kreuzberg in Scheeßel eingerichtet. Jeden Donnerstag können Menschen Hilfe in Anspruch nehmen, wenn es um Dinge wie Internet, Telefon, Krankenkasse oder Deutschkurse geht.

Verlassen sich die offiziellen Stellen zu sehr auf Ehrenamtler?

Göttert: Ja. Die Ehrenamtler sind am Anschlag, Integration ist ein Marathonlauf, der sich über viele Jahre erstreckt. Es braucht klare Konzepte und gut ausgestattete Institutionen für Kinder und Erwachsene, die gezielt diese Menschen in unsere Gesellschaft einführen. Wir sollten uns bei Ländern umsehen, die damit Erfahrung haben und deren positive Strukturen übernehmen: Nur wenn diejenigen, die da sind, gewollt und gesellschaftlich angenommen sind, wird Integration gelingen. Gegenbeispiele mit allen Verwerfungen wie Gewalt und Isolation gibt es genug. Die Willkommenskultur hat sich geändert. Man muss selbst lernen, sich abzugrenzen und nur dort zu helfen, wo es wirklich nötig ist. Andererseits bereichert der Kontakt zu diesen Menschen mein Leben enorm. Es geht dabei immer um Existenzielles und ändert sehr die Sicht auf das unmittelbare Lebensumfeld und die Welt, wie sie heute ist.

Was würden Sie sich von der sprichwörtlichen guten Fee wünschen?

Göttert: Einen Sozialarbeiter für die geflüchteten Menschen – oder nein, warten Sie: Am besten gleich zwei. Sie würden eine sehr sinnvolle, zukunftsträchtige Arbeit ausführen, die für unser Gemeinwohl in Scheeßel nützlich wäre. 

 hey

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Kreisverbandskönigsschießen in Süstedt

Kreisverbandskönigsschießen in Süstedt

Aufgepasst: Das sind die acht häufigsten Irrtümer über Zecken

Aufgepasst: Das sind die acht häufigsten Irrtümer über Zecken

USA und Nordkorea verhandeln nach Gipfel-Absage weiter

USA und Nordkorea verhandeln nach Gipfel-Absage weiter

Holz in Flammen: Dichter Qualm über Diepholz

Holz in Flammen: Dichter Qualm über Diepholz

Meistgelesene Artikel

Feuerwehren gefordert: Bahndamm und Wald brennen

Feuerwehren gefordert: Bahndamm und Wald brennen

„Das ist ein richtiges Elend“

„Das ist ein richtiges Elend“

Stadt Rotenburg ehrt „stille Stars“

Stadt Rotenburg ehrt „stille Stars“

Zurück in das Mittelalter

Zurück in das Mittelalter

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.