„Wir leben in einer großen Luxusoase“

Paul Göttert schildert die aktuelle Situation der Flüchtlinge in Scheeßel

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Seniorenkreisleiterin Judith Eikenberg hatte Paul Göttert, Vorsitzender der Flüchtlingshilfe Scheeßel, zum Informationsaustausch eingeladen.

Scheeßel - Von Ursula Ujen. Wenn man durch Scheeßel spazieren geht, hat man fast den Eindruck, als wäre hier alles so wie früher – wie vor der großen Flüchtlingswelle. Davon, dass 260 Asylsuchende in der Einheitsgemeinde leben, ist jedenfalls nicht viel zu merken.

Mit etwas Aufmerksamkeit jedoch müsste jeder Scheeßeler schon mal auf die Mitbewohner aufmerksam geworden sein: im Supermarkt, in der Arztpraxis, im Kindergarten, auf dem Schulweg oder am Bahnhof. Auf den ersten Blick scheint die Integration in Scheeßel zu funktionieren, aber das ist nur sehr oberflächlich betrachtet.

Engagement wird häufig nicht wahrgenommen

Vor allen Dingen ist sie mit einer Menge Engagement, Arbeit und auch Idealismus verbunden. Einer, der sich von Anfang an mit eingebracht hat, ist der ehemalige Lehrer Paul Göttert. „Information und Aufklärung schafft Verständnis und generiert Hilfe“ das hofft der Vorsitzende der Flüchtlingshilfe Scheeßel, und so nahm er gern die Einladung von Judith Eikenberg an, den Scheeßeler Senioren im Harmshaus über die derzeitige Situation der Flüchtlinge zu berichten.

„Am Anfang bestand das große Problem der Unterbringung“, so Göttert. Nachdem alle dezentralen Kapazitäten im Kernort und in zwei Dörfern erschöpft gewesen wären, hätte man die große Anzahl von weiteren Flüchtlingen zentral im Human-Care-Camp im ehemaligen Internat untergebracht. „Wenn allerdings eine vierköpfige Familie ein ganzes Jahr lang auf zwölf Quadratmetern leben muss, sind Konflikte doch irgendwann programmiert“, warb der Ehrenamtliche für Verständnis. „Da viele Asylsuchende in ihren Heimatländern meist aus Großstädten kamen, war es für sie äußerst schwierig, in der Abgeschiedenheit eines kleinen Dorfes klar zu kommen. Wo sollten sie einkaufen, ohne mobil zu sein?“ Aufgrund solcher und anderer Probleme, berichtete Göttert, habe eine Gruppe von 20 iranischen Männern in Abbendorf wieder aufgelöst werden müssen.

Differenzierte Sprachangebote

Ein guter Fortschritt in der Integration sei seinen Worten nach inzwischen die professionelle Durchführung von Deutschkursen durch öffentliche Träger, wobei Göttert nicht die Hilfsbereitschaft der Ehrenamtlichen vergessen möchte, die den Flüchtlingen zu einem Einstieg in die Sprache verholfen hätten.

Er weiß: „Wer den Sprachlevel B 1 in Deutsch noch nicht erreicht hat, der schafft auch kaum eine Lehre. Die Anforderungen in der Berufsschule sind selbst dann oft noch zu hoch.“ Da der Bildungsstand sehr unterschiedlich sei, müssten differenzierte Sprachangebote greifen. „Besonders für Analphabeten, darunter sind viele Frauen, ist es eine sehr große Hürde, in unsere Sprache und Schreibweise hineinzukommen. Wir sind froh, dass inzwischen Alphabetisierungskurse für diese Gruppe angeboten werden.“ Für Mütter mit Babys und Kleinkindern würde auf ehrenamtlicher Basis zweimal wöchentlich ein Sprachkurs mit Kinderbetreuung im Lutherhaus stattfinden.

Großer Bedarf an Patenschaften

Um den Menschen die Möglichkeit zu geben, preiswert mobil zu sein, sei eine Fahrradwerkstatt in Zusammenarbeit mit der Beekeschule eingerichtet worden. Mittwochs fände im Meyerhof immer nachmittags das Café Refugium als Treffpunkt für Flüchtlinge und Einheimische statt.

Seine Ausführungen veranschaulichte Göttert durch zahlreiche Bilder. Wichtig seien für ihn die ehrenamtlichen Patenschaften: „Hier besteht ein großer Bedarf. Dabei ist ein einmaliger wöchentlicher Kontakt schon sehr hilfreich. Aufgrund der Fülle von Aufgaben ist es aber auch wichtig, sich selbst nicht zu überfordern. Allerdings berichten alle Mitarbeiter, wie bereichernd sie den Umgang mit diesen Menschen empfinden“. Man müsse eben immer bedenken, dass sie einer ganz anderen Kultur entstammten und zumeist durch Krieg, Verfolgung und Flucht traumatisiert seien.

Verzweiflung bei Abschiebung

„Auch wenn Menschen jahrelang nicht wissen, ob sie bleiben dürfen, führt das irgendwann zu Depressionen“, so der Ehrenamtliche. Im Falle einer Abschiebung sei es besonders bitter, wenn Flüchtlingsfamilien, die gut in die Gemeinschaft integriert seien, das Land verlassen müssten. Inzwischen würden viele abgewiesene Menschen untertauchen, weil sie verzweifelt sind und keine andere Perspektive sehen – in Deutschland seien das bisher geschätzte 500.000.

„Pfingsten vergangenen Jahres wurden in unserer Kirchengemeinde 20 Iraner und Afghanen getauft“, berichtete Paul Göttert. Durch ihren Übertritt zum christlichen Glauben bestehe für sie die Gefahr, bei Rückkehr in ihr Heimatland verfolgt oder getötet zu werden. „Wir dürfen keinesfalls vergessen, dass wir hier in Deutschland in einer großen Luxusoase leben“ bemerkte der Referent. Und er appellierte: „Wir sind herausgefordert, den geflüchteten Menschen in unserem Ort Verständnis und Unterstützung zukommen zu lassen – und damit einfach menschlich zu handeln.“

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