Stall in der Vareler Heide bietet 30 Jungtieren Zuflucht für die ersten 24 Stunden

Die Osterlämmer verlangen „määähr“ Milch

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Mütterliche Gefühle: Für Nicole de Pepe ist die Lammzeit das Schönste am Schäferberuf. ·

Scheeßel - Von Ulla Heyne. Bei einem Spaziergang in der Vareler Heide läuft den einen das Wasser im Mund zusammen, andere sind geneigt, in „Niedlich!“-Rufe auszubrechen, wird das Gelände am Schafstall derzeit doch von rund 30 Osterlämmern und ihren Müttern bevölkert.

Auch für Holger Benning und Nicole de Pepe, Besitzer von mittlerweile rund 500 grau gehörnten und weißen Heidschnucken sowie Bentheimer Landschafen, die in vier Herden im Dreieck Scheeßel – Todstedt – Schneverdingen stehen, sind die kleinen Lämmer ein Quell der Freude. Aber auch jede Menge Arbeit.

Dreimal pro Tag schauen die Stemmer nach dem Rechten, so wie heute. Nachdem Nicole de Pepe Bergpyreneenhündin Tami die erforderlichen Streicheleinheiten hat angedeihen lassen, schaut sie nach dem gerade geborenen Lamm in einer der acht Boxen im Schafstall. Hier verbringen die Schnucken und ihre Lämmer die ersten Stunden, bevor sie auf das Gelände und in der Regel nach einigen Wochen auf eine der Weideflächen gebracht werden – „da ist das Futterangebot einfach nahrhafter und entsprechend besser die Milch“, so de Pepe, die das Lammen zu den „schönsten Momenten“ zählt und all ihre Flaschenlämmer mit Namen kennt.

Ein harter Job zwischen Hobby und Broterwerb – in der Lammzeit hat der nebenerwerbliche Arbeitstag für das Stemmer Paar auch mal 15 Stunden. „Jedes Schaf sollte jeden Tag einmal angesehen werden“, so Bennings Devise, „und wenn der Hirte mal eine halbe Stunde auf seinem Hirtenstab zu dösen scheint, ist das in Wahrheit Arbeit, denn er beobachtet genau seine Schafe, um zu sehen, ob es allen gut geht“, räumt er mit dem verklärten Bild des Schäfers auf.

55 000 Kilometer allein für die Kontrollfahrten zu den Herden – „da dürfte auch dem Letzten klar werden, dass Landschaftsschutz etwas kosten muss“, erzählt der Familienvater, für den die wolligen Vierbeiner längst mehr als ein Hobby sind. Immerhin zahlen die Landkreise für die Reinhaltung der Flächen durch die tierischen Rasenmäher inzwischen angemessene Preise, jedoch: Neuerlich müssen sich die Schäfer einem weiteren Phänomen stellen: Dem Einzug des Wolfs. Dazu der Schäfer: „Der nachgewiesene Riss in Borchel und die Fotos in Niederhaverbeck zeigen: In der Region sind rund zwei Dutzend Wölfe unterwegs“, auch in der Nähe von Bennings tierischen Schutzbefohlenen. So wurden vor eineinhalb Jahren vier Herdenschutzhunde angeschafft, zwei Kangals und zwei Bergpyreneenhunde. „Eigentlich bräuchten wir zehn“, so Benning, „zwei bis vier pro Herde wären gut.“

Osterlämmer in Scheeßel

Osterlämmer in Scheeßel

Derzeit züchtet die Stemmer Familie eifrig nach. Doch auch die Erziehung der Hunde macht sich nicht von alleine – zwei bis drei Jahre Ausbildungszeit sind zu veranschlagen, dann legen die Probanden eine Prüfung ab, die ihnen auch die Zuchtfähigkeit bescheinigt. Zwar müssten die Hunde nicht an die Schafe gewöhnt werden, und auch der Schutzinstinkt ist ihnen laut de Pepe „auf die Festplatte gespeichert“. Was es zu lernen gilt, seien Leinenführigkeit, Gehorsam, und „dass sie den Tierarzt nicht fressen“, scherzt er. „Da heißt es: genau beobachten, auch mal Stresssituationen schaffen, aufpassen, dass die Hunde nicht an Lämmer-Ohren rumzuppeln.“

Erzogen werden müssen seiner Ansicht nach jedoch auch die Spaziergänger, zumal die wachsamen, dominanten Rassen hierzulande viel weniger verbreitet sind wie etwa in neuen Bundesländern, wo dies seit zehn, 15 Jahren kein Thema mehr sei: „Was als Bedrohung wahrgenommen wird, ist nur ein ausgeprägtes Territorialverhalten: ‚Du hast auf meiner Schafweide nichts zu suchen’!“, so Benning, der mit Schildern über die richtigen Verhaltensweisen informieren will.

Aus der Gewissheit heraus, dass Herden anders nicht mehr professionell zu schützen sind, nimmt er kein Blatt vor den Mund: „Wer Schafe zur Landschaftspflege haben will, muss Hunde akzeptieren. Sie sind genauso ein Teil der Natur wie Wölfe!“ Das A und O seien jedoch auch die Elektrozäune, deren Intaktheit auf den täglichen Kontrollfahrten überprüft wird.

Auch wenn die hüpfenden, nach ihren Müttern blökenden Lämmer eine heile Welt nahelegen: Vom Idyll ist die Realität weit entfernt. Vor einer Woche erst verhinderte das Ehepaar gerade noch rechtzeitig das Ertrinken eines Lamms im Wassertrog. Auch das ist für Nicole de Pepe ein Grund, weiter unermüdlich um die Finanzierung einer Hofstelle zu kämpfen – auch, wenn die Bank, die den Schritt in den Haupterwerb finanzieren sollte, nach Sicherheiten und beim Verweis auf die 500 Vierbeiner zunächst abgewunken hat.

Das nächste Ziel: Die Erhöhung der Herde auf 600 bis 800 Tiere, damit alle angebotenen Flächen auch bedient werden können. Und bis dahin? Die nächste Runde mit dem Toyota und mütterliche Gefühle beim Kuscheln mit Flaschenlämmern, dem Hund aus dem Tierheim – und der Familie, die den Traum vom hauptberuflichen Schäfertum gemeinsam trägt.

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