Öko-Strom aus Wümmewasser

Jan Müller-Scheeßel produziert 100. 000 Kilowattstunden im Jahr mit seiner Mühle

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Jan Müller-Scheeßel versorgt seit 15 Jahren private Haushalte mit Strom durch die Wasserkraft der Wümme. Aktuell stagniert diese aufgrund der Trockenheit, die der 51-Jährige so noch nicht erlebt habe.

Scheeßel - Von Joris Ujen. Wenn in bestimmten Berliner, Hamburger und Würzburger Wohnungen der Toaster das Brot kross macht und der Fernseher die Liveübertragungen der Fußballweltmeisterschaft zeigt, kann es durchaus sein, dass dieser Strom aus der Wümme kommt. Genauer gesagt von der Scheeßeler Mühle, die als einzige im Landkreis durch Wasserkraft Strom produziert. Wo früher noch der Mehlverkauf als Haupteinnahmequelle diente, werden nun 100 000 Kilowattstunden Ökostrom im Jahr produziert. Ein Geschäftsmodell, das vor allem der Denkmalpflege der Anlage dienen soll.

Betreiber Jan Müller-Scheeßel veräußert die Energie an 50 Privathaushalte. „Ich bin ausverkauft“, erzählt er im Gespräch mit der Kreiszeitung, Beruf und Wohnort stehen für den Ursprung seines Nachnamens. Vor rund 500 Jahren arbeiteten schon seine Vorfahren als Müller in – ja, genau – Scheeßel. Der Verkauf von Ökostrom ist aber kein Novum für den 51-Jährigen.

Seit 2003 bespeist die Mühle schon das offene Netz mit Energie. Geht man noch weiter in die Vergangenheit der örtlichen Stromerzeugung, zeigt sich, dass die Familie Müller-Scheeßel schon im Jahr 1909 durch Wasserkraft Elektrizität gewann. Die ersten Generatoren versorgten hier allerdings nur den Eigenbedarf sowie die Arbeiterhäuser mit Strom. Der wurde Anfang des 20. Jahrhunderts hauptsächlich für Licht genutzt. Um 1930 schafften seine Vorfahren dann die ersten Elektromotoren an.

Für den Wümme-Strom als Einnahmequelle musste der Scheeßeler neue Abnehmer finden. Denn das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das ihm bislang einen Festpreis von 7,67 Cent je erzeugte Kilowattstunde garantiert, sieht nach Ablauf von 20 Jahren einen Fortfall der Festvergütung vor, erklärt er.

Jetzt ist Müller-Scheeßel bei Enyway, einem jungen Hamburger Unternehmen, das auf erneuerbare Energien setzt. Auf dieser Internetplattform können Privatkunden sich einen Kleinlieferanten aussuchen. „Bisher wäre eine Direktvermarktung von Strom theoretisch auch schon möglich gewesen“, so Müller-Scheeßel. „Der bürokratische Aufwand so etwas umzusetzen, ist aber unglaublich hoch. Das hätte sich nicht gelohnt.“ Die Papierarbeit übernimmt Enyway und zahlt an den Scheeßeler sogar rund 2 000 Euro mehr als der vorherige Partner. „Der Strom an sich ist aber auch etwas teurer“, klärt Müller-Scheeßel auf. Die Mühle trägt etwa 40 Prozent der Energie für die Haushalte bei, den restlichen Anteil bezieht er von anderen Wasserkraftanlagen – zum Beispiel aus Norwegen. „Im Winter kann ich die Privatkunden bis zu 100 Prozent mit meinem Strom versorgen.“

Bei mehr Niederschlag läuft die Turbine auf Hochtouren, um 50 Haushalte in ganz Deutschland mit Ökostrom zu versorgen.

Die aktuelle Trockenheit, die er so noch nicht erlebt habe, dämpft die Energiegewinnung. „Die ist immer abhängig vom Regen. Optimal ist ein mittlererer Niederschlag. Zu viel Regen ist nämlich auch nicht gut, da es dann zu einem Rückstau in der Wümme kommt.“ Im Schnitt produziert die Wassermühle rund 100 000 Kilowattstunden pro Jahr.

Den Mehrerlös durch das neue Geschäftsmodell nutzt Müller-Scheeßel zusammen mit dem Förderverein Scheeßeler Mühle für die Erhaltung der denkmalgeschützten Anlage, die seit 1830 existiert und von da an ständig ausgebaut wurde. „Es fallen nämlich ständig Sanierungsarbeiten an.“ Sei es, dass ein Dach neu gedeckt wird, die Fassade eine Sanierung benötigt oder aber das Gebäude vom Holzwurm freigehalten werden muss. Derzeit wird das Geld für eine kostspielige statische Ertüchtigung des Gebäudekomplexes angesammelt.

Dass die Mühle im Beeke-Ort die einzige stromerzeugende im Landkreis ist, liegt an der Kraft der Wümme. Die versorgt zwei Turbinen, die das Wasser in Strom umwandeln. „Andere Mühlen in der Region liegen häufig nur an kleinen Bächen und sind somit nicht für eine kontinuierliche Produktion geeignet“, erklärt der Müller, der hauptberuflich als Landwirt mit Ackerbau und Viehhaltung sein Geld verdient.

Den ursprünglichen Zweck der Scheeßeler Mühle will der 51-Jährige aber nicht gänzlich aufgegeben. Die Mehlgewinnung möchte er gerne wieder gewerblich realisieren. Anträge dafür sind schon gestellt, die erforderlichen Maschinen schon vor Ort, die nur noch eingebaut werden müssen. Hiebei muss er auf die Unterstützung der Gemeinde hoffen. Neben diesem Vorhaben plant Jan Müller-Scheeßel zudem ein Café im Sägewerk.

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