1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Rotenburg
  4. Scheeßel

Abbendorferin lernt zur Sozialassistentin um: Mit 44 Jahren wieder bei Null

Erstellt:

Von: Lars Warnecke

Kommentare

Maren Krabiell steht draußen vor einem Fußballtor für Kinder.
Von Inkassobüro in den Kindergarten: Maren Krabiell wagt den beruflichen Neuanfang – auch, um einen Beitrag gegen den Fachkräftemangel zu leisten. © Warnecke

Maren Krabiell aus Abbendorf hat es getan: Mit 44 Jahren hat sie ihren alten Job bei einer Finanzfirma geschmissen, um nochmal neu durchzustarten. Als Sozialassistentin in der Ausbildung unterstützt sie heute die Kleinsten in puncto Erziehung. „Und ich bereue nichts.“

Abbendorf – Der Kita-Ausbau in den Kommunen geht voran, das Personal dagegen fehlt. In immer mehr Kindergärten und Krippen herrscht akuter Fachkräftemangel. Auch in der Gemeinde Scheeßel ist das so, natürlich. Auch dort sucht die Verwaltung händeringend Erzieher und sozialpädagogische Assistenten. Wie da Maren Krabiell mit ihren 44 Jahren ins Spiel kommt? Die Abbendorferin ist Quereinsteigerin, absolviert derzeit eine Umschulung zur Sozialassistentin.

Dafür hat Krabiell ihr altes berufliches Leben komplett hinter sich gelassen. In diesem war sie 21 Jahre lang bei einer Hamburger Finanzfirma beschäftigt, hat dort den Inkassobereich betreut. Warum sie den Schnitt gemacht hat, jetzt quasi bei Null wieder anfängt? „Am Geld hat es nicht gelegen, im Gegenteil, und auch Spaß hatte ich an meiner Arbeit“, beteuert Krabiell. Nur irgendwann, spätestens mit der Gründung ihrer eigenen Familie, sei ihr der Gedanke gekommen, da müsse noch etwas gehen. „Ich habe gemerkt, dass es nicht mein Leben ist, was hier passiert.“ Damit spielt sie unter anderem auf die Digitalisierung an, die auch in ihrem Job immer mehr an Bedeutung hinzugewonnen habe. „Dabei bin ich doch ein Mensch und keine Maschine – das drückte irgendwann ganz schön auf die Psyche.“

Ein weiterer Aspekt, der ihr bei der Entscheidung dienlich gewesen sei: Schon ein Jahr vor Corona habe ihre Firma sie und weitere Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt. „Der weggefallene Austausch unter den Kollegen war auch nicht unbedingt das, was mich glücklich gestimmt hat.“

Nochmal zur Berufsschule

Nein, mit Kindern zu arbeiten, das sei ein Weg gewesen, den sie schon immer habe gehen wollen, sagt die Abbendorferin, inzwischen selbst Mutter eines siebenjährigen Sohnes. „Ich habe mich stark in der örtlichen Elternvertretung engagiert – so bin ich letztendlich auch auf die Stellenanzeige der Gemeinde aufmerksam geworden.“

Hin und hergerissen von dem Gedanken, ob sie sich bewerben soll oder nicht, habe sie sich zunächst noch ein bisschen Bedenkzeit eingeräumt, um tatsächlich am Ende im Rathaus vorzusprechen. Mit Erfolg. „Obwohl ich überhaupt keine Vorkenntnisse in diesem Beruf habe, hat man mich genommen.“

Das nötige Rüstzeug – das erhält die Mittvierzigerin seit Februar in der Berufsschule, in Form einer pädagogischen Ausbildung. Ohne die hätte sie keine Chance, in dem Beruf Fuß zu fassen. Anderthalb Jahre muss Krabiell an der Rotenburger BBS in einem verkürzten Verfahren die Schulbank drücken – in einer Klasse mit 28 weiteren Quereinsteigern im Alter von 23 bis 54 Jahren. „Die meisten waren schon mal im erzieherischen Bereich tätig, ich bin also jetzt die totale Exotin“, sagt sie augenzwinkernd.

Dass sie wieder eine Schule besucht, sie wieder lernen muss zu lernen, gefällt ihr sogar: „Man wird nochmal anders abgerufen – erst neulich habe ich meine erste Klassenarbeit geschrieben und prompt eine Drei bekommen – ganz ohne Praxiswissen!“, freut sie sich.

Den praktischen Teil, der ebenfalls über die Berufsschule läuft, lernt die 44-Jährige im Beeke-Kindergarten in Scheeßel. Den hat sie selbst als kleines Mädchen besucht. Am 1. April ist in der Einrichtung ihr erster Arbeitstag – nicht als Praktikantin, sondern in fester Anstellung bei der Gemeinde. „Davor habe ich als eine Art Brücke meinen alten Job noch zu Ende bringen dürfen.“

Man muss aber auch mal mutig sein.

Maren Krabiell

Maren Krabiell weiß: Fachkräfte würden gesucht, ja, aber gerne auch solche, die aufgrund ihrer Lebenserfahrung schon ein bisschen älter sind. „Wenn es keine mutigen Frauen und Männer gibt, die sagen, sie ziehen das durch, dann wird es eben schwierig.“ Eine Kommune wie Scheeßel könne sich ihr Fachpersonal eben auch nicht schnitzen. Dabei gebe es doch so viele, die zu Hause hocken würden und nicht wüssten, was sie machen sollen. „Man muss aber auch mal mutig sein.“

Gerade jetzt, betont sie, sei es an der Zeit bei dem, was in der Welt passiert, bei den Kleinen anzufangen, sie aufzufangen und auf den richtigen Weg zu bringen. „Ich möchte gar nicht von Berufung sprechen, aber ich weiß, dass ich das bin und dass ich das kann.“

Man möchte ihr nicht widersprechen: Im Blümchenkleid, mit ihrer herzlichen Art und dem freundlichen Lächeln auf den Lippen wirkt Krabiell wie jemand, der für die Kinderbetreuung wie gemacht erscheint. Mit ihrer jetzigen Ausbildung zur Sozialassistentin kann sie nachher in Kitas und Schulen tätig werden, dort mit Lütten im Alter von null bis zehn Jahren zusammenarbeiten. „Wenn ich den richtigen Erzieher bei der Fachschule mache, könnte ich im Prinzip überall hin“, sagt die überzeugte Quereinsteigerin, die vor allem ihrer eigenen Mutter sehr dankbar ist. Warum? „Sie hat mir in dem Moment, wo ich noch am Überlegen war, gesagt, ich soll den Weg gehen, den ich schon immer gehen wollte.“

Auch interessant

Kommentare