Als Spengler

Jonas Carstens aus Wohlsdorf kämpft bei der Berufsmeisterschaft „Euro Skills“ um Medaillen

Jonas Carstens aus Wohlsdorf hat den für einen Norddeutschen untypischen Beruf des Spenglers gelernt. Nun misst er sich mit den Besten Europas in diesem Job.
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Jonas Carstens aus Wohlsdorf hat den für einen Norddeutschen untypischen Beruf des Spenglers gelernt. Nun misst er sich mit den Besten Europas in diesem Job.

Wohlsdorf – Beruflich ist Jonas Carstens ein Exot: In Norddeutschland ist er einer der wenigen, die nicht den Beruf des Bauklempners, sondern des Spenglers erlernt haben. In Süddeutschland, wo der 22-Jährige seine Ausbildung absolviert hat, war er im Betrieb und in der Berufsschule das einzige Nordlicht. Und ausgerechnet dieser junge Mann aus dem hohen Norden, wo die Profession mit der eher ulkig klingenden Bezeichnung eher unbekannt ist, vertritt den eigenen Berufsstand in diesen Tagen bei den „Euro Skills“ in Österreich, einer Art Berufs-Europameisterschaft.

Die Besten aus mehr als 45 Lehrberufen, vom Friseur über Bäcker bis zu „Roboterprogrammierern“ wie der Wohlsdorfer es schmunzelnd nennt, kommen aus ganz Europa für drei Tage in Graz zusammen, um ihr Können unter Beweis zu stellen und sich mit ihren Kollegen anderer Länder zu messen. Dabei tritt der ehemalige Eichenschüler gerade mal gegen sechs weitere Spengler aus anderen Ländern an – die Szene der Experten ist auch international eher überschaubar. In Frankreich, Österreich und der Schweiz habe der Beruf eine lange Tradition, entsprechend stark seien die Mitbewerber. „Die haben‘s echt drauf“, stellte er beim Abchecken der Konkurrenz beim einwöchigen Vorbereitungstraining in der Schweiz fest.

Falzen, Bördeln, Aufspreizen, individuelle Lösungen suchen und die Liebe zum Detail – wenn der Wohlsdorfer von seinem Job erzählt, merkt man ihm die Leidenschaft an. Fassaden und Dächer aus Alu, Kupfer oder Titanzink sind im Kommen – nicht nur bei der Renovierung von Altbauten, wo es darum geht, den ursprünglichen Zustand möglichst originalgetreu wieder nachzubauen. Auch für Neubauten haben Architekten die äußerst vielseitigen Gestaltungsmöglichkeiten mit den biegsamen Materialien wie Kupfer, Titanblech und Zink zu schätzen gelernt. Davon sprechen eindrucksvolle Bilder etwa der Porschewelt oder des Stagetheaters Hamburg Bände, die der 22-Jährige auf dem Handy hat. Gleich danach: Die Renovierung einer Kirche in Niederbayern. Auch wenn das langsame Vorankommen bei der Handarbeit auf Dauer anstrengend sei, weiß Carstens: „Ein solches Projekt bekommt man vielleicht nur ein, zwei Mal im Leben.“

Schon einen Ort weiter hatten die Fachbegriffe andere Bezeichnungen.

Jonas Carstens

Der hochaufgeschossene junge Mann, der sein Können als einer von 20 Spenglern und Bauklempnern im elterlichen Bedachungsbetrieb mit mehr als 130 Mitarbeitern einbringt, absolviert nebenbei ein duales Studium BWL für Klein- und Mittelständische Unternehmen und plant, im Anschluss seinen Meister zu machen. Den Block auf dem Besprechungstisch zieren schon bald technische Skizzen, ein Zettel wird wie Origami kunstvoll gefaltet, um die letzten Kniffe zu demonstrieren, die ihm der deutsche Vorjahrsteilnehmer beim dreiwöchigen Vorbereitungstraining in Schweinfurt gezeigt hat. Das sorgsame Arbeiten mit Blick fürs Detail und die Suche nach der in puncto Materialersparnis und Ästhetik, aber auch technisch optimalen Lösung: All das gehört für ihn zur Berufsehre – Kunden, die sich für ein angesichts heutiger Preise nicht gerade günstiges Dach zum Beispiel aus Kupfer entscheiden, wissen dies zu schätzen.

Hier im Norden sprechen die 15 bis 20 Bauklempner, die mit ihm im väterlichen Betrieb arbeiten, die gleiche Sprache. Das war in Süddeutschland nicht so. Obgleich er im familiären Betrieb, den er sich ein Jahr vor dem Abi im Rahmen eines Praktikums ausgesucht hatte, gut aufgenommen wurde, sei es sprachlich vor allem am Anfang der auf zwei Jahre verkürzten Ausbildung nicht immer einfach gewesen: „Schon einen Ort weiter und erst recht zwischen dem Betrieb in der Nähe von Passau und der Berufsschule im Bayerischen Wald hatten die Fachbegriffe andere Bezeichnungen.“

Der junge Norddeutsche ließ sich nicht ins Bockshorn jagen und stellte schon bald seine Fachkompetenz unter Beweis: Bei der Landesmeisterschaft 2020 belegte er den ersten Platz, auf Bundesebene musste er sich um einen halben Punkt geschlagen geben. Sein Werkstück hingegen, ein gefalzter Schweizer Bogen, überzeugte: Er wurde zum Auswahltraining eingeladen und darf in seinem Handwerk Deutschland vertreten. Ihn erwartet nach dem Flug ein Tag, um seinen Arbeitsplatz mit dem per Spedition vor drei Wochen auf den Weg geschickten individuellen Spezialwerkzeug auszustatten. Dann folgen drei Tage, in denen unter den strengen Augen und Zollstöcken der Jury ein maßstabsgetreues Dachmodell des Grazer Glockenturms anzufertigen ist. Am Ende der Woche weiß er, ob er auf dem Treppchen landet. Aufgeregt ist er deshalb aber nicht: „Allein dabei zu sein, ist schon eine große Ehre.“  

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