„Wir lassen uns überraschen“

Nördlichste Rallye der Welt: Warum zwei Scheeßeler Freunde ein großes Abenteuer wagen

+
Patrick Siegmund (r.) und Rouven Stieghahn auf ihrem Geländewagen, einem 25 Jahre alten Mitsubishi Pajero 2500 Intercooler. 

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Patrick Siegmund und Rouven Stieghahn, beide aus Scheeßel, wagen ein ganz großes Abenteuer: Der 45-jährige Rechtsanwalt und der 39 Jahre alte Kaufmann für Versicherungen und Finanzen nehmen zum ersten Mal an der nördlichsten Rallye der Welt, dem „Baltic Sea Circle“, des Hamburger Veranstalters Superlative Adventure Club (SAC) teil. Die Tour durch Schnee und Eis bis zum Nordkap, für die an diesem Samstag in Hamburg der Startschuss fällt, könnte aufregender und herausfordernder nicht sein – ein „Wahnsinnsabenteuer“, wie die beiden im Interview sagen.

Herr Stieghahn, Herr Siegmund, woher kennen Sie sich eigentlich?

Patrick Siegmund: Das ist eine gute Frage. Ich meine, ich habe Rouven und seine Werbeagentur einmal zu einer Präsentation eingeladen, da mir der Auftritt gut gefallen hat. Und so haben wir viele gemeinsame Interessen festgestellt, und aus Business ist dann Freundschaft geworden. Das muss jetzt etwa drei Jahre her sein.

Erklären sie doch mal, was diese verrückte Rallye ausmacht, worum geht es da genau?

Siegmund: Das Besondere hieran ist sicher, dass eine gehörige Portion Abenteuer dabei ist. Das Auto muss mindestens 20 Jahre alt sein und darf nicht mehr als 2 500 Euro kosten ... Rouven Stieghahn: ... wobei wir mittlerweile sicher ein kleines Vielfaches reingesteckt haben. Siegmund: Ja, das ist wahr. Zudem müssen wir auf der Route Wege jenseits der Autobahn finden und dürfen kein GPS nutzen – das heißt, wir reisen nach guten alten Falt-Landkarten. Es wird auch draußen gecampt und sicher auch mal ein oder zwei Tage nicht geduscht. Eben einfach mal zurück zu den Wurzeln und kürzertreten.

15 Tage lang über 7500 Kilometer durch zehn Länder - das klingt trotzdem nicht gerade nach Erholungsurlaub. Warum tun Sie sich das beide an?

Stieghahn: Zum einen haben wir einen Hang dazu, neue und auch extreme Dinge auszuprobieren. Das haben wir bereits im Sport wie Kiten, Snowboarden, Autorallye oder Motocross schon hinter uns. Aber über eine so lange Zeit und in Regionen, wo man auch nicht immer der letzte Entscheider in der Kette ist, ist eine solche Rallye doch noch mal was anderes. Zudem geht es uns auch einmal um echtes Abschalten. Den Fokus weg von unseren Führungspositionen mit stetiger Erreichbarkeit auf allen Kanälen hin zu großer Weite und Ruhe – aber eben trotzdem noch mit einem Rest Wettkampf. Siegmund: Wir haben beide ein Bild vor uns, nämlich irgendwo am Polarmeer mit einer Flasche Bier in der Hand auf unserem Dachgepäckträger sitzen und einfach nur aufs Meer schauen und nichts tun. Allein die Vorfreude darauf treibt uns an.

Und Ihre Ehefrauen, was haben die dazu gesagt?

Stieghahn: Anfangs gab es leichte Skepsis, aber unsere Ernsthaftigkeit wurde schnell erkannt. In der Vorbereitungszeit etablierte sich jedoch bei unseren Frauen der Satz „Keine Zwischenstände, bitte“ – zumindest jedes Mal, wenn wir stolz eine neue kleine Errungenschaft rund um unser Fahrzeug präsentieren wollten. Siegmund: Nein, aber jetzt mal im Ernst: Würden unsere Frauen nicht mitziehen, würde es nicht gehen. Ich habe einen dreijährigen Sohn und meine Frau ist voll berufstätig. Da muss sie schon ziemlich rotieren mit Kita und so weiter. Und Rouvens Jungs sind zwar etwas älter, aber trotzdem wäre es auch bei ihm ohne den Rückhalt von daheim nicht so einfach möglich.

Wie groß ist denn das Teilnehmerfeld, und welchen Wagen werden Sie bei dieser Tour fahren?

Siegmund: Es nehmen 250 Fahrzeuge teil. Die Autos sehen teils wirklich klasse aus, und es wird sich enorm viel Mühe gegeben. Trotzdem ist es keine Materialschlacht, sondern es ist alles enorm partnerschaftlich untereinander. Das fällt bereits jetzt in den einschlägigen Facebook-Gruppen auf. Stieghahn: Unser Fahrzeug ist ein 25 Jahre alter Mitsubishi Pajero 2500 Intercooler in „Lang“. Den haben wir für wenig Geld und mit gefahrenen 230 000 Kilometern „geschossen“. Er ist allerdings reichlich aufgerüstet worden mittels neuem Fahrwerk, neuen Reifen, Dachgepäckträger, Kanister, Dachzelt und vielen kleinen Extras wie Windabweiser und CB-Funk. Siegmund: Du hast den Schnorchel für den Kühler vergessen zu erwähnen, damit wir auch durch bis zu einem Meter tiefes Wasser fahren können. Stieghahn: Die Suche nach dem Fahrzeug war anfangs sicher die größte Freude. Abendeweise haben wir uns per WhatsApp mobile.de-Anzeigen hin und her geschickt mit diversen Vorschlägen. Lustigerweise sind wir dann im Heidekreis um die Ecke fündig geworden mit unserem Intercooler, den wir schon nicht mehr missen möchten.

Mit welcher Startnummer werden Sie unterwegs sein?

Stieghahn: Unsere Nummer ist die 246. Das war ganz schön knapp, wenn man bedenkt, dass wir schon vor Weihnachten gemeldet haben. Es gab im Nu eine lange Warteliste. Aber wir sind dabei.

Mit der Teilnahme ist ja das Sammeln von Spenden verbunden. Wem wollen Sie etwas Gutes tun?

Siegmund: Wir haben uns für das Projekt „HerzCaspar“ der Familie von Schiller aus Lauenbrück entschieden. Unter der Leitung der Schwestern Fernanda und Xenia von Schiller, die die Idee Ihres leider viel zu früh an eben einer Herzkrankheit verstorbenen Bruders Caspar weiterverfolgen, ist dort ein junger und ambitionierter Verein mit dem Ziel, schwerstkranken jungen Erwachsenen und Teenagern im Krankenhaus Unterstützung und Unterhaltung an den langen Tagen im Krankenbett zukommen zu lassen, entstanden. Stieghahn: Das hat uns wirklich imponiert, und wir arbeiten auch gut zusammen.

Wie viel haben Sie denn schon zusammen?

Siegmund: Die Resonanz am Ort ist riesig. Unsere Hauptsponsoren, das MVZ am Meyerhof von Dr. Tilo Helmschmied sowie das Autohaus Brunkhorst und SM Metallbau in Scheeßel, haben uns mit sehr großzügiger Unterstützung jeweils im vierstelligen Bereich mittels Geld und Material bedacht. Aber auch viele weitere Partner, die auf unserem Auto sowie auf unserer Homepage www.intercooled-deluxe.de zu sehen sind, haben mitgemacht. Im Moment haben wir bereits einen beachtlichen vierstelligen Betrag eingesammelt, der aber gerne noch etwas wachsen darf.

Für die Tour haben Sie sicher einiges vorbereiten müssen – was galt es da alles zu bedenken?

Stieghahn: Naja, neben der Vorbereitung des Fahrzeugs, wo wir mittlerweile ganz gut aufgestellt sind, fällt uns jeden Tag etwas Neues ein. Das geht von medizinischen Dingen über die Menge der Bekleidung bis hin zur Beachtung der hohen Bierpreise in Norwegen und wie wir uns darauf vorbereiten. Ebenso natürlich das Thema Übernachten. Wir werden Temperaturen von sicherlich über 30 Grad bis runter auf den Gefrierpunkt erleben – aktuell liegt am Nordkap Schnee. Insoweit wiederholen sich Fragen wie „Welchen Schlafsack“ oder „Noch eine andere Isomatte“ oder was auch immer. Siegmund: Beide haben wir kurz vor knapp noch festgestellt, dass wir eine Sonnenbrille mit Sehstärke brauchen. Diese werden nun hoffentlich noch zum Start fertig ...

Zwei Wochen unter beengten Verhältnissen im Auto – da muss man sich auf das Wesentliche reduzieren. Wie wollt Ihr damit umgehen?

Siegmund: Wir sind beide recht unkomplizierte Typen, und jeder hat schon so seine Erfahrungen von Motorrad-Touren, Bundeswehr oder Sportverein. Mal ein paar Tage nicht duschen oder auch mal das T-Shirt vom Vortag, davon geht die Welt nicht unter. Ich sehe uns aber auch schon mal Wäsche waschen irgendwo auf einem Campingplatz. Und für den letzten Rest Körperhygiene haben wir auch einen 20-Liter-Kanister Wasser mit.

Während der Tour haben Sie auch einige Prüfungen zu meistern. Was erwartet Sie da genau?

Stieghahn: Wenn wir das wüssten. Das erfahren wir erst am Samstagmorgen. Dort erhalten wir das Roadbook. Siegmund: Was wir wissen, ist, dass es einige Aufgaben sind, die auch mit einem kleinen Augenzwinkern versehen sind und landestypische Dinge betreffen. Bei früheren Rallyes war es zum Beispiel das Auffinden von markanten Orten in der Landschaft oder das Verspeisen von angeblichen Delikatessen wie gammeligem Fisch. Wir lassen uns überraschen.

Also geht es gar nicht um das schnellste Team, sondern um das Team, das unterwegs die meisten Punkte sammelt?

Siegmund: Erst mal ist Ankommen wichtig. Und dann werden die Prüfungen ausgewertet und die Punkte gezählt. Dazu gehören auch Dinge wie „Wie oft haben wir Wild-Camping betrieben“ oder in keinem Falle Autobahnen benutzt. Auch das Aussehen des Fahrzeugs wird bewertet – und am Ende gibt’s einen Sieger.

Können wir, die daheim bleiben werden, Sie auf dem Trip auch via sozialer Medien begleiten?

Stieghahn: Ja, klar. Wir haben ja eine Homepage, und auf Facebook und Instagram kann man unsere Tour unter „Team Intercooled Deluxe“ verfolgen. Wir haben jetzt schon ein paar Hundert Follower und sind ganz begeistert über das große Interesse. Trotz unserem Ziel, Zwei-Wochen digitale Entschleunigung, unserem „Digital Detox“, werden wir natürlich trotzdem ordentlich posten. Denn wie gesagt: Das Interesse unserer Freunde und Sponsoren ist groß.

Habt Sie schon einen Plan, was Sie machen werden, wenn Sie am Nordkap angekommen sind?

Siegmund: Als erstes die Flasche Schampus vom Rauchfang Oldenhöfen aufmachen, die uns Familie Kaiser mit auf den Weg gegeben hat. Und dann werden wir wahrscheinlich einfach nur so da sitzen und uns auf die abendliche Party freuen. Es sind ja zu der Zeit auf unserer Route die Weißen Nächte, heißt, es wird nicht dunkel, und am Nordkap kommen auch alle 250 Teams zusammen und es gibt eine große Midsommar-Party am Strand. Und dann geht’s ja auch schon weiter nach Finnland und Russland in Richtung St. Petersburg. Eine Stadt, auf die wir uns freuen und wo wir auch, wenn es die Zeit zulässt, ein bis zwei Tage verweilen wollen. Aber zuviel Planung nützt auch nichts, es kommt eh anders, als man denkt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

CHP-Kandidat Ince erkennt Erdogan-Sieg bei Türkei-Wahl an

CHP-Kandidat Ince erkennt Erdogan-Sieg bei Türkei-Wahl an

Kreisfeuerwehrtag des Heidekreises in Brochdorf

Kreisfeuerwehrtag des Heidekreises in Brochdorf

Wie werde ich Fachangestellter in der Bibliothek?

Wie werde ich Fachangestellter in der Bibliothek?

Tag des Sports in Sulingen

Tag des Sports in Sulingen

Meistgelesene Artikel

Ein Festival, mit dem jeder gut leben kann

Ein Festival, mit dem jeder gut leben kann

US-Austauschschüler erleben erstes Festival „made in Germany“

US-Austauschschüler erleben erstes Festival „made in Germany“

Hurricane Festival: Tote Hose im Kernort

Hurricane Festival: Tote Hose im Kernort

Hurricane-Festival geht nach drei Tagen und mit mehr als 100 Bands zu Ende

Hurricane-Festival geht nach drei Tagen und mit mehr als 100 Bands zu Ende

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.