Nils gibt einen aus

Apotheker-Roboter liefert zu seinem zehnten Geburtstag Smarties statt Medikamente

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Das vollautomatische System hat die Kontrolle über 11.000 Medikamentenpackungen, die nach dem Prinzip „First in, first out“ herausgegeben werden. 

Scheeßel - Nils feiert demnächst seinen Geburtstag. Der fast Zehnjährige im Hause Meyer ist ein cleveres Kerlchen, kann sich alles merken und hilft im Team von Apotheker Hans-Erik Meyer, wo er nur kann. Hier hören etwaige Gemeinsamkeiten zu „normalen“ Kindern jedoch auf.

Nils verlässt sein Zimmer nie, die Regale in dem acht mal 1,40 Meter großen Raum sind stets pikobello aufgeräumt wie sonst nur selten ein Kinderzimmer – und Nils räumt ohne Murren, höchstens mit einem leichten Surren, viele Stunden am Tag. Wenn‘s sein muss, rund um die Uhr. Wem es noch nicht gedämmert hat: Nils ist der Roboter, der sich um die Einlagerung und Bereitstellung der Medikamente in der Beeke-Apotheke kümmert.

Als Meyer 2008 das an ein Warenwirtschaftssystem angegliederte automatische Lagersystem anschaffte, welches derzeit rund 11.000 Medikamentenpackungen verwaltet, sei die Skepsis seitens der Mitarbeiter schon groß gewesen, gibt der 52-Jährige zu. Mittlerweile möchte ihn hier niemand mehr missen, erspart er doch lange Laufwege, mühsames Suchen in Regalen und Schubfächern und vor allem deren permanente Neuordnung durch ein sich veränderndes Sortiment, neue Größen, andere Produkte.

Das alles erledigt Nils – der damals sechsjährige Sohn Benedikt taufte den Roboter an Kindheitsheld Nils Holgersson – im Hand- oder besser: Schienenumdrehen. Die vier täglichen Medikamentenanlieferungen, die dem System nach händischer Sicht- und Verfallskontrolle per Förderband zugeführt werden, werden von einem Barcode- und einem 3D-Scanner erfasst und einem geeigneten freien Platz zugeordnet. Nicht etwa nach Alphabet, sondern nach Packungsgröße. Was sich nach Chaos und Zufall anhört, ist das genaue Gegenteil: Der riesige Arbeitsspeicher „merkt“ sich genau die Position jedes Neuzugangs, bei Bedarf wird zur Platzoptimierung umsortiert. Im Zusammenspiel mit dem Warenwirtschaftssystem haben Meyer und sein mehr als 20-köpfiges Team so stets die Kontrolle über die bei 20 Grad optimal gelagerten Bestände, über Verfallsdaten, bei Bedarf aber auch über Ladenhüter, aufzustockende Posten und – dank neuer Technik – über den Scanner bald auch einen Schutz vor Fälschungen. Dank genauer Auswertungen sei man immer nah am Bedarf: „Das Warenlager atmet, Schubladen nicht“, bringt Meyer es auf den Punkt.

Große Zeitersparnis

Das Wichtigste ist für den Scheeßeler jedoch die Zeitersparnis: Acht Sekunden dauert es im Durchschnitt von der Eingabe des Medikaments auf dem Monitor durch das Personal, bis der Greifarm im ersten Stock an die richtige Stelle gefahren ist, die Packung mit Unterstützung eines Saugmechanismus und Förderband in eine der drei Öffnungen verbracht hat, von wo aus sie über eine der vier gewendelten Rutschen direkt in den gewünschten Ausgabeschacht direkt hinter den Verkaufstresen fällt. „Komischerweise bemerken das vor allem Kinder“, so Meyer, denen er dann gern die Technik erklärt, die ihn selbst so fasziniert.

Ob sich das nicht ganz günstige System in den zehn Jahren seit der Anschaffung amortisiert hat? Er zuckt mit den Schultern – messen lässt sich die Ersparnis in Zeit und Laufwegen des Fachpersonals kaum. Arbeitsplätze seien nicht weggefallen, „darum geht es auch gar nicht“. Sondern um die sinnvolle Nutzung der Zeit des gut ausgebildeten Personals: sie müssen den Kunden nicht allein lassen. Hektik kommt bei dieser Entzerrung des Workflows nicht wie früher auf, der Griff zum falschen Präparat ist ausgeschlossen. Die Zeit bis zur Bereitstellung der Medikamente haben die Mitarbeiter für eine persönliche Beratung Zeit, „oder auch für einen Klönschnack“. Und auch die Platzersparnis ist beträchtlich: Wo früher Medikamentenschränke standen, ist heute eine Kinderspielecke eingerichtet.

Bei der gängigen Frage, ob Nils niemals Fehler macht, schmunzelt der Familienvater: „Er ist nur so klug wie sein Bediener.“ Die Eingewöhnungsphase sei vor allem ein Lernprozess für die Belegschaft gewesen: „Nils steht auf klare Kanten, mit Folien, Beuteln, Rundungen oder Zellophanbeschichtungen kann er nichts anfangen.“ In den kommenden Tagen wird sich das Geburtstagskind in spe an einige neue Produkte gewöhnen müssen: Am kommenden Mittwoch, seinem Geburtstag, soll er den Gratulanten einen ausgeben. Auf Knopfdruck purzeln dann Taschentücher, Pflasterboxen, Skatspiele oder Süßigkeiten ins Ausgabefach. „Smarties klappen schon ganz gut, an Maoams tüfteln wir noch“, verrät Meyer. Den Plan, den Kunden den Weg der Produkte in Echtzeit auf einem Monitor zu zeigen, musste er aus Datenschutzgründen aufgeben. Schade eigentlich, denn so sehen die Besucher nicht, was der findige Apotheker tut, wenn doch einmal eine Packung auf einer der Rutschen steckenbleiben sollte: „Wir schicken eine große Buddel Laxatan hinterher“ – übrigens ein Mittelchen gegen Verstopfung. 

hey

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