Großbrand auf dem Meyerhof

„Es war nichts mehr zu machen“

+
Haben den Großbrand auf dem Scheeßeler Meyerhof damals hautnah miterlebt (v.l.): Christine Behrens, ehemalige Vorsitzende des Heimatvereins, sowie Wolfgang Opitz, Johannes Grafelmann und Klaus Trau von den Junghandwerkern.

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Vor Christine Behrens (82) liegt ein prall gefüllter Ordner auf dem Tisch. Darin enthalten sind Fotos, die das ganze Ausmaß der Tragödie zeigen: Auf den Tag genau vor zehn Jahren, am 25. Juni 2006, ging das Kunstgewerbehaus auf dem Scheeßeler Meyerhof in Flammen auf. Ein Blitz war um kurz nach 22 Uhr in das historische Gemäuer eingeschlagen, binnen weniger Minuten vernichtete das Feuer das gesamte Archiv des Heimatvereines. Anlässlich des runden Jahrestages erinnern sich die ehemalige Vorsitzende sowie Junghandwerker Wolfgang Opitz an jenen Abend, an dem in Scheeßel die Welt unterzugehen schien.

Frau Behrens, welche Erinnerungen haben Sie heute noch an die Ereignisse von damals?

Christine Behrens: Ich könnte noch über jede einzelne Sekunde sprechen, denn es war ja auch für mich persönlich ein großer Schicksalsschlag. Jahrzehntelange Arbeit, die ich für das Archivinventar aufgebracht hatte, war mit einem Schlag vernichtet. Stücke, mit denen ich mich sehr verbunden gefühlt habe, werden nie wieder zu beschaffen sein. Noch heute denke ich oft daran, dass man dies oder jenes vom Dachboden holen könnte – bis es mir schmerzlich einleuchtet: Da gibt es nichts mehr zu holen. Für mich ist das immer noch alles unfassbar.

Herr Opitz, Sie waren als einer der Ersten vor Ort. Was genau ist damals passiert?

Johannes Opitz: Ein Blitz war in den mit Reet gedeckten Dachstuhl eingeschlagen – mit voller Wucht. Da nützte selbst der Ableiter nichts. Ich hörte einen fürchterlichen Schlag, wenig später schon heulten die Sirenen. Erst dachte ich, es sei etwas Schlimmes auf dem Eichenring passiert – schließlich fand an dem Abend ja noch das Hurricane-Festival statt. Aber dann sah ich, dass es am Himmel ganz woanders hell geworden war – nämlich über dem Meyerhof. Ich bin dann sofort hin, das Dach brannte schon lichterloh, die Feuerwehr traf kurz nach mir ein. Gemeinsam mit anderen Leuten, die inzwischen eingetrudelt waren, bin ich noch ins Haus gelaufen, um die Bilder einer Ernst-Müller-Scheeßel-Ausstellung herauszuholen und im Meyerhof abzustellen. Und ich sage Ihnen: Das waren keine kleinen Bilder. Noch in der selben Nacht konnten wir sie auf den Fluren der Sparkasse hinstellen. Behrens: Ihr seid damals unter Einsatz Eures Lebens alle ohne Helm ins brennende Gebäude rein. Ich selbst wollte ja auch helfen, aber die Polizei hielt mich zurück. Zum Glück ist niemand zu Schaden gekommen. Und die wertvollen Bilder, die wir zuvor noch Tag und Nacht mühevoll zusammengestellt hatten, konnten zumindest alle noch vor den Flammen gerettet werden. Opitz: Das vom Heimatverein gerade erst herausgegebene Werkverzeichnis von Ernst-Müller-Scheeßel nicht... Behrens: Leider nicht, nein. 500 Stück waren in einem Raum unter der Treppe gelagert, die Exemplare haben wir später noch heraustragen können. Aber sie alle waren durch das heiße Löschwasser beschädigt. Man hätte Unsummen ausgeben müssen, wenn die noch hätten gerettet werden sollen.

Frau Behrens, wie haben Sie von dem Brand erfahren?

Behrens: Ich wohne ja in direkter Nähe zum Meyerhof. Als ich diesen fürchterlichen Knall hörte, dachte ich erst, der Blitz sei in meinem eigenen Dach eingeschlagen. Das Unwetter hatte ja damals in ganz Scheeßel den Strom lahm gelegt. Kein Telefon ging mehr und man sah in der Dunkelheit nicht einmal mehr die Hand vor Augen. So etwas hatte ich in meinem Leben noch nicht mitgemacht. Als ich nach dem rechten schauen wollte, kam auch schon eine Nachbarin auf mich zugerannt und meinte, auf dem Meyerhof würde es brennen. Der ganze Dachstuhl stand deswegen ja sofort in Flammen, weil das Reet verdrahtet war. Der Blitz konnte entsprechend gut geleitet werden. Oben war wirklich nichts mehr zu machen.

Waren auch die umliegenden Gebäude gefährdet?

Opitz: Durch das schnelle Eingreifen der Feuerwehr damals konnte das Feuer zumindest im Zaum gehalten werden. Glücklicherweise hatte es an dem Abend ja auch stark geregnet. Durch die starke Hitze hatten sich nur die Türen der Nachbarhäuser gebogen.

Frau Behrens, können Sie heute eigentlich bei Unwetter noch ruhig schlafen?

Behrens: Nein, ich habe Angst und schaue immer nach dem Rechten. Als Kinder mussten wir uns mitten in der Nacht in solchen Situationen immer anziehen. Meine Mutter hat dann dort gesessen und gebetet. Das wichtigste an Belegen hatte sie dabei immer auf ihrem Schoß. Jetzt weiß ich auch warum: Sie muss Ähnliches auch schon einmal erlebt haben.

Stimmt es, dass es kurz vor dem Brand noch Überlegungen gab, das Archiv umzusiedeln?

Behrens: Wegen Platzmangel gab es tatsächlich meinerseits Bestrebungen, das ganze Inventar in einem Zimmer im Meyerhof unterzubringen. Das war aber von der Gemeinde nicht gewünscht. Noch kurz vorher hatte ich sämtliche Bodenräume unserer Gebäude mit Platten feuerfest machen lassen – ausgerechnet die Arbeiten im Kunstgewerbehaus standen noch aus. Einige Dinge hatten wir zwar schon an andere Stelle gebracht, das meiste aber eben noch nicht. Der große Schaden hätte letztendlich also gar nicht sein müssen.

Was ist denn alles den Flammen zum Opfer gefallen?

Behrens: Spinnräder, zwölf Hutschachteln mit Inhalt, historische Karten vom ersten Trachtenfest von 1904, Schmuck, Besteck, Schultertücher, historische Truhen und Schränke mit Blaudruck sowie handgewebten Leinen, Gästebücher mit zum Teil hundert Jahre alten Einträgen, Gelenkpuppen mit Trachten aus dem 19. Jahrhundert, ein historischer Tisch und ein Spiegel nach dem Entwurf von Ernst Müller-Scheeßel – alles weg. Wir mussten das Inventar für die Versicherung haargenau aufführen – das allein hat mich und meinem Sohn damals schon sehr viel Zeit gekostet. Am Ende belief sich der Schaden auf mehr als 200 000 Euro – allein beim Inventar.

Heute ist von der Katastrophe nichts mehr zu sehen – ein Verdienst Ihrerseits, Herr Opitz, und ihrer Kollegen von den Junghandwerkern, oder?

Opitz: Nicht nur, aber ja: Wir haben uns schon mächtig ins Zeug gelegt damals, um das unter Denkmalschutz stehende Haus wieder aufzubauen. Die Außenwände waren ja noch weitestgehend intakt. Wir machten es uns zur Aufgabe, die zerstörten Giebel auszumauern und das Dach mit neuen Pfannen zu decken. Auch ein Zimmermann ging uns bei dem Wiederaufbau zur Hand.

Das hat sicherlich eine lange Zeit in Anspruch genommen...

Behrens: Unsere Junghandwerker hatten wirklich Gas gegeben. Dadurch mussten wir auch nur eine einzige Ausstellung ausfallen lassen. Ende November, beim Kunsthandwerkermarkt, konnten wir schon wieder das Haus eröffnen. Opitz: Ich habe nachgerechnet: Insgesamt 365 Stunden brachten wir damals vor Ort zu – allein für das Aufräumen. Behrens: Bis es damit aber losgehen konnte, mussten wir noch drei Tage wegen der Versicherung warten, die den ganzen Schaden aufnahm. Opitz: Am 27. Juni haben wir schon draußen damit begonnen, das Gröbste aufzuräumen, aber in die Ruine durften wir erst einen Monat später rein. Stück für Stück haben wir den Schutt beiseite geschafft, wir waren am ganzen Körper schwarz wie die Nacht. Was mich gewundert hat: Der Fußboden blieb wie durch ein Wunder fast unversehrt. Behrens: Ich hoffte ja noch, in dem Chaos alte Silberbestecke wiederzufinden – aber auch das war alles geschmolzen.

Wo befindet sich das Archiv heute?

Behrens: In der Sparkasse ist einiges untergebracht und im Rathauskeller. Ursprünglich schwebte mir ein Anbau auf dem Meyerhof und ein auf Sicherheit ausgelegter Ausbau des Kellers vor. Das hat sich aber zerschlagen. Man denkt darüber auch nach, das auf dem Boden im Schulgebäude unterzubringen. Fachleute halten das zumindest für eine gute Idee, ist es aber meiner Meinung nach nicht. Schließlich könnte es auch dort nach einem Unwetter irgendwann einmal brennen.

Im Schicksal vereint, heißt es. Inwieweit trifft das nach dem Brand auf den Heimatverein zu?

Opitz: Wenn ich für uns Junghandwerker sprechen darf: Für Christine haben wir es gerne gemacht. Unser Verein ist eine große Familie, viele kennen sich schon seit Jahrzehnten. Behrens: Ich erinnere mich noch an Menschen, die mir eine Hutschachtel geschenkt haben. Nun habe ich zwar nicht alle zwölf, aber wenigstens einige sind wieder da.

Mehr zum Thema:

Kein Platz im Paradies? - Neuseeland-Boom sorgt für Ärger

Kein Platz im Paradies? - Neuseeland-Boom sorgt für Ärger

Eindrücke von der Messe Fairnet-City

Eindrücke von der Messe Fairnet-City

Baustelle an der Leester Straße: Geschäfte klagen über Einbußen

Baustelle an der Leester Straße: Geschäfte klagen über Einbußen

Jonas Jäschke geht mit seiner Kamera auf Amphibienjagd

Jonas Jäschke geht mit seiner Kamera auf Amphibienjagd

Meistgelesene Artikel

Zurück zum alten System: Eingangsstufe hat ausgedient

Zurück zum alten System: Eingangsstufe hat ausgedient

Mit dem Pappnasenexpress zum Karneval nach Köln

Mit dem Pappnasenexpress zum Karneval nach Köln

Der „Quantensprung“

Der „Quantensprung“

Feuer frei für die Tickets

Feuer frei für die Tickets

Kommentare