Pastor Hartmut Nack blickt auf erstes Jahr in der St.-Lucas-Gemeinde zurück

„Nicht immer auf Zahlen schielen“

Eines der schönsten Fleckchen seines Arbeitsplatzes ist für Hartmut Nack die alte Gerichtslinde vor der St.-Lucas-Kirche. Foto: Heyne

Scheeßel – Viele kennen Hartmut Nack auf dem Rad. Ob für Besuchstermine auf den Dörfern von Ostervesede bis Bartelsdorf oder mit dem Fahrradanhänger, um die Kinder aus dem Kindergarten abzuholen – der „radelnde Pastor“, im Beekekort seit gut einem Jahr ein vertrauter Anblick, genießt die Momente zum Nachdenken und Sammeln. Kurze Wege gehören zu den Segen einer Entsendung in eine kleine Gemeinde. Der gebürtige Groß-Meckelsener kennt das und weiß es zu schätzen. Genau wie die Diversität einer Gemeinde zwischen der Ländlichkeit der Ortschaften und eines Stücks Urbanität, die die Pendler nach Hamburg und Bremen mitbringen.

Die Vielfalt, sie macht für ihn den Reiz der Einzelbegegnungen in der Scheeßeler St.-Lucas-Gemeinde aus. „Bei meinen Gesprächen treffe ich heute auf den Landwirt, morgen auf den pensionierten Oberstudienrat.“ Andererseits sei der Pluralismus auf der Ebene von Gruppen auch eine Herausforderung. „Wichtig ist, unterschiedliche Interessen mitzubekommen, zu verstehen, gut zusammenzuführen. Da seien besondere Leitungskompetenzen gefragt, sagt er. Ein Beispiel? „Die Gestaltung von Gottesdiensten: Wie sollte er abgehalten werden, modern oder traditionell? Da spielen verschiedene Frömmigkeiten und Ästhetikempfinden eine Rolle.“

Ob er „angekommen“ sei nach einem Jahr in Scheeßel? Langes Schweigen, er findet den Begriff „undefinierbar“. Ankommen, „das ist, wenn man mit dem Abtasten fertig ist, sich nicht mehr kennenlernen muss, klar miteinander reden kann.“ Im großen Hauptteam klappe das sehr gut. Das zu seiner Amtseinführung bemühte Bild einer American-Football-Mannschaft (ein Sport, den er bis vor einem Jahr aktiv ausübte), das sich die Bälle zuspielt, es treffe nicht ganz zu: „Beim Sport sind die Rollen klar, hier in der Kirchengemeinde sind wir zum Glück pluraler.“

Den damals von Superintendent Christian Brandy geäußerten Wunsch, es möge nicht „uncool oder langweilig“ werden hier im Beekeort, es hat sich für ihn bewahrheitet. „Das erste Jahr war aufregend, stressig, aber in Wellen, es gab einige verrückte Wochen.“ Auch wenn große „Highlights“ wie etwa Konfirmationen fehlen, erinnert er sich doch gern an viele Anlässe. Neben dem Hubertusgottesdienst und den Singgottesdiensten zwischen Weihnachten und Silvester seien dies vor allem persönliche Gespräche, Aussegnungen, das Abendmahl am Sterbebett oder Beerdigungen, auch eine Form der Seelsorge. Von einem Kumpel sei er neulich gefragt worden, ob ihm die Arbeit hier Spaß bringe, erzählt der Freund bedachter Worte. „Was für ein komisches Attribut – hier geht es nicht um Spaß, sondern um Selbstwirksamkeit.“ Als sinnhaft und intensiver empfindet der Familienvater gerade die Gespräche in schwierigen Situationen. In diesem Sinne fühlt er sich hier am richtigen Platz. Die Seelsorge als einen persönlichen Schwerpunkt hat der regelmäßige ehrenamtliche Seelsorger beim Hurricane nicht erst hier entdeckt, sondern schon im Vikariat. „Leider kommen hier noch nicht so viele von sich aus.“

Wo der 35-Jährige für die Zukunft noch Baustellen sieht? Er wendet sich entschieden gegen den Reformierungsdruck: „Ich empfinde einen Innovationsstress angesichts der immer wieder vorgetragenen Forderung, sich neu und breiter aufstellen zu müssen.“ Das, was in der Gemeinde laufe, werde oft gar nicht mehr wahrgenommen – „dabei machen wir an vielen Stellen gute Lebensbegleitung und tolle Gottesdienste, da muss man nicht immer auf die Zahlen schielen.“ Quantität empfindet er als Zwang, „für die Verkündung und mein Selbstverständnis darf sie nicht entscheidend sein. Wenn ich in einer Situation jemandem helfe, reicht das nicht schon?“

Sicherlich müsse Kirche sich fragen, wie man sich neu aufstelle, „aber viele Basissachen laufen hier richtig gut“, meint er und führt die Digitalisierung an. Fehlen tut ihm allerdings der Austausch in der Gemeinde mit Gleichalten: „Die jungen Erwachsenen, die der Jugendarbeit entwachsen sind, Anfang bis Mitte 20, sie tauchen seltener in der kirchlichen Arbeit auf und es gibt kaum Angebote für sie. “ Um resümierend zu relativieren: „Aber vielleicht braucht es das auch gar nicht in jeder Lebensphase, wenn man gute, starke Impulse mit auf den Weg bekommen hat.“

Sein besonnenes Fazit: „Ich glaube, wir könnten uns öfter zurücklehnen und sagen: ‚Das, was wir hier machen, machen wir gut!‘“  hey

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