Hoch hinaus

Neues Reet fürs Haupt: Auf dem Meyerhof in Scheeßel müssen stellenweise die Dächer ausgebessert werden

Kampf gegen gammelnde Halme: In dieser Woche bekommt das Dach des Häuslingshauses von den Reetdachdeckern Bernd Aldag (l.) und Jan Töpfer eine Frischzellenkur verpasst.
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Kampf gegen gammelnde Halme: In dieser Woche bekommt das Dach des Häuslingshauses von den Reetdachdeckern Bernd Aldag (l.) und Jan Töpfer eine Frischzellenkur verpasst.

Scheeßel – Nein, mit den Dachdeckern, die in diesen Tagen auf dem Meyerhof zu Werke gehen, möchte Nils Meyer im Leben nicht tauschen. Wegen seiner Höhenangst, sagt der Leiter vom Heimatmuseum Scheeßel. So schaut er Bernd Aldag und seinem nicht weniger unerschrockenen Kollegen Jan Töpfer denn auch besser mit festem Boden unter den Füßen zu, wie beide hoch oben auf dem altehrwürdigen Häuslingshaus ihre Arbeit verrichten. Keine gewöhnliche Arbeit, das ganz gewiss nicht, besteht das Dach doch nicht etwa aus stinknormalen Pfannen, sondern aus Reet, einem Naturmaterial. Und das, so Meyer, müsse eben auch irgendwann mal an solchen Stellen, wo es dünn und löchrig geworden ist, ausgebessert werden.

Rund 17 500 Euro sind für die Reparaturen, in diesem Fall das Nachstopfen, fällig – am Häuslingshaus ebenso wie am reetgedeckten Blaudruckspeicher und, nicht zu vergessen, am historischen Schafstall. „Wir haben das große Glück, die Maßnahme gefördert zu bekommen“, freut sich der Museumschef. 13 000 Euro würden so vom Bund beigesteuert – aus den sogenannten Soforthilfeprogramm Heimatmuseen und landwirtschaftliche Museen. Für den Rest komme die Gemeinde als Liegenschaftseigentümerin auf. Schon im letzten Jahr, berichtet Meyer, sei Scheeßel in den Genuss einer solchen Zuwendung gekommen – damals für die Reetdachsanierungen auf dem benachbarten Heimathausgelände. Bis Ende November sollen die Arbeiten nun auch auf dem Meyerhof abgeschlossen sein. Alles unter Dach und Fach, sozusagen.

Wer genauer hinschaut, der sieht: Aus den Dächern des Gebäudeensembles lugen stellenweise schon dicke Drähte hervor. Drähte, die das Reet zusammenhalten. „Das ist immer ein Zeichen, dass dringend etwas getan werden sollte“, erläutert Jan Töpfer, Mitarbeiter der zuständigen Reetdachdeckerei Heiko Ehlert aus Vierden. Heute hat der 24-Jährige jene Dachseite im Visier, die durch Schatten, herabfallenden Blätter der hohen Bäume und damit einhergehende Fäule ganz schön in Mitleidenschaft gezogen worden ist.

Gemeinsam mit seinem fast 30 Jahre älteren Kollegen macht er sich daran, das Dach abzufegen und sorgsam auszustopfen. Mit mindestens 80 Zentimeter langen Reetstangen wird es neu unterfüttert. Verwendet werden darf ausschließlich „Premium-Qualität“ – so schreibt es der Denkmalschutz vor.

Einen Quadratmeter pro Stunde schafft ein geübter Reetdachdecker. Und Töpfer, ein junger Mann, den man nicht unbedingt bei der Ausübung dieses jahrhundertealten Handwerks, welches mittlerweile auch schon zum immateriellen Kulturerbe der Unesco zählt, erwartet hätte, ist geübt. Just eben bringt er mit dem Klopfbrett die letzten Halme in die perfekte Position. „Eigentlich bin ich da so reingerutscht“, erinnert er sich. Was mit Zimmerei, das habe er schon immer machen wollen, vielleicht sogar den normalen Dachdecker. Zur Überbrückung habe er in dem Vierderner Meisterbetrieb als Aushilfe gearbeitet. Nach einem Jahr habe ihm sein Chef schließlich den Ausbildungsvertrag unter die Nase gehalten – einen zum Dachdecker mit Schwerpunkt auf Reetdachtechnik. Bereut habe er seine Berufswahl nicht, im Gegenteil: „Man braucht in dem Job handwerkliches Geschick und technisches Verständnis – beides bringe ich mit. Es macht wirklich viel Spaß – und das jeden Tag aufs Neue.“

In Bündeln kommt das Reet aufs Dach.

Eine Besonderheit, mit der es die Spezialisten auf dem Häuslingshausdach zu tun bekommen, ist der Heidefirst. Der diene gar nicht dazu, das Dach nach oben abzudichten, berichtet Bernd Aldag. Das geschehe schon allein dadurch, dass die oberen Halme umgebogen würden. Dadurch ergibt sich bereits eine Verdickung, die dann mit der Heide abgedeckt wird. „Das schützt die Halme vor Sonneneinstrahlung, ist aber vor allem ein optischer Abschluss“, erklärt der 53-Jährige, der eigenen Angaben nach in seinem ganzen Berufsleben glücklicherweise noch kein einziges Mal vom Dach gefallen sei. „Höchstens mal vom Gerüst.“

Und wie lange hält der aus Schilfrohren gewonnene Baustoff nun? „60 bis 70 Jahre“, sagt Jan Töpfer, „aber nur, wenn ein Haus auf einer freien Fläche steht, wo der Wind schön ran kann und die Sonne von allen Seiten scheint.“ Natürlich müsse man aber, wie jetzt auf dem Scheeßeler Meyerhof der Fall, zwischendurch auch immer mal wieder nachjustieren. „Das ist ein bisschen von der Umgebung abhängig – man darf nicht zu viel machen und auch nicht zu wenig, man kann so ein Dach durchaus ja auch kaputtreparieren.“

Selbst das Reet abmähen und binden, das würde seine Dachdeckerei im Übrigen nicht mehr, stattdessen bediene man sich inzwischen hauptsächlich bei Lieferanten aus Ungarn, Rumänien oder auch aus China – je nachdem, welches Material gerade gebraucht werde. „Das funktioniert heute einfach nicht mehr, weil man ja auch den Bedarf decken muss“, berichtet der 24-Jährige. „Bei den riesigen Feldern, die zum Beispiel in Osteuropa stehen, kommt da einiges mehr zusammen.“

Mit dem vorläufigen Ergebnis – seit gut zwei Wochen sind die Reetdachdecker auf dem Meyerhof mit einigen Unterbrechungen zugange – ist Nils Meyer, der Museumsleiter, jedenfalls jetzt bereits mehr als zufrieden. „Schon toll, was die Jungs hier wuppen.“

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