Birte Bendrich macht sich selbstständig

Neuanfang ohne Sicherheitsnetz für ehemalige Konrektorin

Statt Tafel und Kreide sind für Birte Bendrich nun Telefon und PC die täglichen Arbeitsmittel.
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Statt Tafel und Kreide sind für Birte Bendrich nun Telefon und PC die täglichen Arbeitsmittel.

Scheeßel/Westervesede – Die Verbeamtung: Für viele Zeitgenossen ein erstrebenswerter Schritt, bietet er doch neben einem gewissen Status und Sicherheit allerlei finanzielle Vorteile, von der Beihilfe zur Krankenkasse bis zu vergünstigten Versicherungen sowie Steuer- und Rentenvorteilen. Was aber, wenn jemand sich bewusst gegen diese – zum Teil lieb gewonnenen – Vergünstigungen im Leben entscheidet?

Eine von denen, die diesen Sprung unlängst gewagt haben, ist Birte Bendrich. Die mittlerweile ehemalige Konrektorin der Grundschule Scheeßel entschied sich nach drei Jahren in kommissarischer Position an der Beekeschule und weiteren fünf an der Grundschule Scheeßel für die „Ent-Beamtung“ und den Sprung in die Selbstständigkeit.

Noch könnte man denken, Birte Bendrich würde auf der Terrasse ihres Hauses in Westervesede die großen Ferien genießen, „und ein bisschen fühlt es sich auch so an“, so die Mittdreißigerin. Doch sie wird nach den sechs Wochen Sommerferien nicht mehr an ihre ehemalige Wirkungsstätte zurückkehren. Als sie vor einigen Wochen von den Kolleginnen mit vielen persönlichen Wünschen und Geschenken verabschiedet wurde, habe sie schon schlucken müssen; „das war fast so krass wie der Moment, als ich die schriftliche Kündigung zuhause ausgedruckt habe“, erinnert sie sich. Das weinende Auge hielt sich jedoch in Grenzen: Der Schritt in die Selbstständigkeit als Veranstaltungsplanerin mit Unabhängigkeit, aber auch ungewisser Zukunft, war gut überlegt – und von langer Hand geplant.

Veranstaltungen hatte die vielseitig Interessierte schon immer geplant; vom Flohmarkt als Kind über runde Geburtstage und Hochzeiten im Familien- und Bekanntenkreis. Der Auslöser für die Entscheidung, dieses Talent zum Hauptberuf zu machen, war die Lektüre eines Buches. „Ausgelehrt – ab morgen läuft Schule ohne mich“ hieß es – die Autorin Isabell Probst sprach ihr aus der Seele. „Beim Lesen habe ich bei jedem zweiten Satz gesagt: Genauso ist es!“ Im Familien- und Bekanntenkreis erntete sie mit ihrer Entscheidung Unverständnis, aber auch Kritik: „Viele sind selbst Beamte und können sich nichts anderes vorstellen“, andere fragten nach der Altersvorsorge. Dabei hatte sich Bendrich gut informiert, sogar auf den Rat eines ehemaligen Kollegen eine Expertin eingeschaltet, die sich auf die „Rolle rückwärts von der Verbeamtung“ spezialisiert hat. Sechs Einzelsitzungen brauchte es, um scheinbar Profanes wie Versicherungen zu klären, die Kündigung mit all ihren Modalitäten – aber auch Anträge wie etwa Beihilfe zu Altersgeld. Gar nicht so einfach, sich in diesem Metier zurecht zurechtzufinden, „das ist nämlich von einem Bundesland zum anderen verschieden“.

Aber auch jenseits der Formalitäten erfuhr Bendrich vom Coach Unterstützung, etwa in der Frage nach dem „Wohin“, nach Kompetenzen und auch in puncto Selbstvertrauen. Bei der zu erstellenden Liste dessen, was man schon erreicht hat, stand bei ihr außer „Konrektorin“ auch „Schulhundausbildung von Ludo“. Auch für ihren fünfjährigen Golden Retriever, der in Scheeßel die eigene Klasse begleitet hatte, hat sie bereits Ideen für einen neuen Job: Als „Eventhund“, wie er auf der Website genannt wird, könnte er schon bald Brautsträuße apportieren oder Geburtstagsgeschenke an den Jubilar bringen.

Was Bendrich an der neuen Aufgabe reizt? Ihr Organisationstalent zum Wohl der Kunden einzusetzen („genug Erfahrung im Organisieren habe ich als Konrektorin ja“), aber auch ihre Kreativität auszuleben. Etwas, das ihr bisher zu kurz kam – innerhalb der behördlichen Regularien seien die Gestaltungsspielräume nicht unbedingt groß. Dabei möchte sie ihre Zeit als Lehrkraft nicht missen. „Aber nach so vielen Jahren fragt man sich schon: War das jetzt alles, willst du das dein Leben lang weitermachen?“ Sie wolle zeitlich flexibel sein, mehr Zeit als den für Beamte erlaubten Zuverdienst haben. Ein Sabbatjahr, um sich zu erproben, wurde abgelehnt mit der Begründung, der Lehrkräftemangel sei zu groß. Bendrich weiß: „Das wird noch auf Jahre so bleiben – wann also, wenn nicht jetzt?“ Sicherlich, in Zeiten von Corona ausgerechnet auf Veranstaltungen zu setzen, war auch für die Lehrerin eine schwerwiegende Erwägung, die sie lange umgetrieben habe: „Nächtelang habe ich mit dem Bleistift gesessen und gerechnet, ob es funktionieren kann.“ Um sich dann zu fragen: „Wie lange willst du noch warten?“

Derzeit tankt die Ex-Lehrerin bei Spaziergängen in der Umgebung, aber auch Ausflügen mit Ludo an Nord- und Ostsee Energie, Anregungen für künftige Aufträge holt sie sich beim Studium von Fachzeitschriften. Den ersten Auftrag für eine Hochzeit bereits in der Tasche und das Konzept für unterschiedliche Szenarien je nach Inzidenz im Kopf, ist sie zuversichtlich, bald durchstarten zu können. Ein Netzwerk aus Hoteliers und Gastronomen, Fotografen, DJ, Friseuren und Gärtnereien hatte sich die umtriebige junge Frau bereits während des ersten Lockdowns aufgebaut: Im Rahmen eines eigenen wöchentlichen Podcasts unterhielt sie sich fast ein Jahr lang mit Branchenprofis. Bei ihnen rannte sie offene Türen ein: „Während der Pandemie waren die meisten froh, sich so in Erinnerung bringen zu können!“ Die 50 so entstandenen Gespräche sind noch immer online, die Kontakte bestehen fort. Neben ihrer Website www.ebenich.de macht sie mit Online-Workshops auf sich aufmerksam, bei denen sie Tipps für die Planung von Veranstaltungen gibt.

Die Fallhöhe für das Verlassen des „Sicherheitsnetzes Beamtentum“ ist für Bendrich übrigens gar nicht so groß: Ein Ende des derzeitigen Lehrermangels ist auch in den nächsten Jahren nicht abzusehen.

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