Nabu kritisiert geplante Baumfällungen auf dem Untervogtplatz / „Versäumnisse in der Politik“

Alles blickfrei, oder was?

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Setzen sich für den Erhalt der Bäume auf dem Untervogtplatz ein: Roland Meyer und Sarina Pils vom Nabu Rotenburg.

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Der Nabu macht mobil: Wenn der Scheeßeler Untervogtplatz umgestaltet wird, müssten sämtliche auf dem gemeindeeigenen Grundstück vorhandenen Bäume gefällt werden. So, geht aus den Plänen hervor, solle nicht zuletzt auch ein Blick auf den Kirchturm wieder freigestellt werden. Für den Naturschutzbund ist das ein rotes Tuch. Er appelliert an Rat und Verwaltung, von dem Kahlschlag wieder Abstand zu nehmen.

Mit den Planunterlagen in der Hand stehen Roland Meyer und Sarina Pils unter einer mächtigen Roteiche. Drei müssten für das neu anzulegende Areal in der Ortsmitte weichen, dazu ein Spitzahorn, ein Feldahorn und eine Esche. „Das wäre doch nun wirklich kaum hinnehmbar“, empört sich Meyer, während sein Blick über die etwa 30 Jahre alten Baumkronen schweift. Der Nabu-Chef und seine Stellvertreterin wünschen sich eine sanftere Umgestaltung. „Statt die vorhandenen guten Strukturen einfach beiseite zu schieben, sollte doch etwas mehr Rücksicht genommen werden“, findet Meyer. So würde man wenigstens nicht alle paar Jahrzehnte wieder bei null anfangen.

Dass es um die Strukturen in der Tat nicht schlecht bestellt ist, haben sich die Naturschützer schon aus Expertenmund versichern lassen. „Wir haben den örtlichen Förster und den Pinneberger Baumsachverständigen Uwe Thomsen gebeten, sich die sechs Bäume einmal genauer anzuschauen“, erzählt Sarina Pils. Beide seien übereinstimmend und unabhängig voneinander zu dem Ergebnis gekommen: Bei keinem der Bäume ist ein Grund zu erkennen, weshalb er gefällt werden müsste. Pils: „Wie uns gesagt wurde, böten vor allem die starken Roteichen im vorderen Bereich des Platzes einen hohen Wiedererkennungswert und würden das Ortsbild positiv prägen.“ Und Roland Meyer ergänzt: „Ratsam wäre es ihrer Einschätzung nach jedoch, im Zuge einer Umgestaltung die Baumscheiben zu vergrößern.“

Die zwei Nabu-Vertreter wissen: Bäume würden ihre ökologischen und ästhetischen Funktionen besonders dann entfalten, wenn sie bereits ein gewisses Alter erreicht haben. Und beide teilen die Auffassung, dass sich große Teile der Bevölkerung wohl ebenso gegen die Fällungen aussprechen würden, sollte die Frage breiter diskutiert werden. Bisher, so Roland Meyer, habe die Politik das nämlich versäumt, wie er aus Gesprächen mit einzelnen Ratsmitgliedern erfahren haben will. „Vielen war bisher nicht einmal bewusst, dass in diesem Umfang große Bäume gefällt werden sollen.“ Darum haben er und Pils einen Brief aufgesetzt, in dem der Nabu Verwaltung und Rat auffordert, sich in den Gremien nochmals Zeit für eine erneute kritische Beratung zu nehmen.

Darin wird auch Kritik laut hinsichtlich der geplanten Neupflanzung von zehn Rhododendron-Halbkugeln. „Uns sind außer wenigen Hummelarten keine hiesigen Insekten bekannt, die von den eigentlich in Asien und Nordamerika heimischen und übrigens oft giftigen Rhododendren profitieren“, erläutert die Landschaftsökologin Pils. Sie ist überzeugt: Wo der Insektenreichtum abnimmt, verarme beispielsweise auch die Vogelwelt. Das formuliert der Naturschutzbund ebenfalls in seinem Brief. Darin heißt es wörtlich: „Eine Gemeinde, die ihre Vorbildfunktion auch in ökologischer Hinsicht ernst nimmt, sollte bemüht sein, heimische Stauden, Wildrosen oder Büsche anzupflanzen, zumal sie im Allgemeinen auch billiger, besser angepasst, robuster und pflegeleichter sind.“

Auch Niels Blatt, dem zuständigen Planer, sind die Nabu-Einwände bekannt. Er weist darauf hin, dass das Ziel, den Blick auf den Kirchturm wieder freizustellen, in sämtlichen Ausschüssen, bei denen sein Landschaftsarchitekturbüro beteiligt war, fast einstimmig und mit großer Mehrheit so gesehen und positiv bewertet wurde. Das, mutmaßt Meyer, würde allerdings wohl höchstens sehr eingeschränkt erreicht. „Da sind vor allem das Gasthaus und die auf dessen Grundstück befindliche große Eiche im Weg.“

In der Tat würde es seinen Worten nach zwischen Gasthaus und Eiche eine Lücke in Richtung Turm geben, die von außerhalb des Platzes betrachtet durch die mittlere der drei Roteichen zu einem Teil verdeckt wird. „Ist denn der Blick auf den Turm wichtiger als dieser recht alte Baum?“, fragt er. „Falls die Ratsmehrheit wirklich dieser Meinung ist, würde es genügen, nur die mittlere Roteiche zu fällen.“

Das sieht Blatt anders: „Die Gemeinde hat auf Grundlage des verabschiedeten Entwurfs Fördermittel beantragt – eine völlige Umstrukturierung der Planungsidee würde nicht nur die seit sieben Jahren gemeinsam verfolgten Bemühungen konterkarieren, Blickachsen soweit wie möglich freizustellen, sondern würde auch dazu führen, dass schon bewilligte Fördermittel, die an den im Rat freigegebenen Entwurf gebunden sind, nicht abgerufen werden.“

Nach Meinung des Nabu-Vorsitzenden sei dieser Aspekt jedoch zu kurz gegriffen. „Verantwortungsbewusster Umgang mit Fördermitteln, also letztendlich unserer aller Steuergelder, heißt, sie so einzusetzen, dass das Ergebnis von möglichst vielen Menschen gutgeheißen wird.“ Er könne sich nicht vorstellen, dass nicht auch der Erhalt von Bäumen noch fördermittelverträglich eingeplant werden könne. „Zumal ja auch die Möblierung des Platzes noch nicht feststeht.“ Und er stellt klar: „Die von Herrn Blatt vorgetragenen Argumente überzeugen uns nicht und wir bleiben dabei: Es müssen neue Lösungen gesucht werden.“

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