1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Rotenburg
  4. Scheeßel

Ex-Scheeßeler reist mit Gulaschkanone an die polnisch-ukrainische Grenze

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Lars Warnecke

Kommentare

Helfer in der Not: Fünf Tage lang schwangen Patrick Romstedt (v.r.) Veronique und Daniel Wöhler sowie Thomas Buhmann (l.) an der polnisch-ukrainischen Grenze den Kochlöffel.
Helfer in der Not: Fünf Tage lang schwangen Patrick Romstedt (v.r.) Veronique und Daniel Wöhler sowie Thomas Buhmann (l.) an der polnisch-ukrainischen Grenze den Kochlöffel. © -

Patrick Romstedt, ehemals in Scheeßel wohnhaft, ist zurück. Gemeinsam mit Freunden hat er an der polnisch-ukrainischen Grenze tagelang für Flüchtlinge gekocht. Die warmen Mahlzeiten waren gratis – dank einer Finanzierung durch Spenden.

Scheeßel/Przemysl – Dienstagmorgen, kurz vor zehn Uhr. Seit sechs Stunden ist Patrick Romstedt (49) schon auf den Beinen. Für ihn wie auch für seine drei Mitstreiter geht es zurück nach Deutschland – in zwei Kleinbussen nebst Anhänger. Wie so viele andere Menschen in diesen Tagen auch, hat das Quartett den langen Weg zur polnisch-ukrainischen Grenze auf sich genommen. Das Ziel: die Stadt Przemysl im Karpatenvorland, gut zehn Kilometer von den Toren der Ukraine entfernt.

Vor fünf Tagen ist die Gruppe, zu der neben Romstedt noch Daniel Wöhler, dessen Frau Veronique sowie Thomas Buhmann zählen, dort angekommen. Um den Kriegsflüchtlingen zu helfen. Nicht mit Sachspenden, etwa in Form von Medikamenten, Hygieneartikeln, Spielzeug oder Kleidung. Nein, die Vier waren geblieben, um mit spendenfinanzierten Lebensmitteln zu kochen. 16 Stunden an jedem Tag. Ohne Pause. Dafür stand ihnen die Gulaschkanone einer mobilen Feldküche vom Typ Kärcher TFK 250 zur Verfügung. „Die stammt von Nicky und Daniel, die in Gyhum im Nebenjob Wöhlers Landküche betreiben“, erzählt Berufssoldat Patrick Romstedt, der zehn Jahre in Scheeßel lebte, dort die Kultkneipe Manus Molle führte und heute bei der Militärpolizei in Hannover arbeitet. Das befreundete Ehepaar selbst sei auch beim Bund – er als Verpflegungsunteroffizier, sie als Küchenmeisterin in der Munsteraner Panzertruppenschule.

Mit dieser Bundeswehr-Feldküche bereitete das Team am Ende rund 4 000 warme Mahlzeiten zu.
Mit dieser Bundeswehr-Feldküche bereitete das Team am Ende rund 4 000 warme Mahlzeiten zu. © -

Sage und schreibe 1,6 Tonnen an Lebensmitteln hatten die Helfer bei ihrer Ankunft in Przemysl aufgeladen. Dazu einen 600-Liter-Wassertank, Festzeltgarnituren und einen Pavillon. „Es fehlte an nichts, bis auf eine Schere – die haben wir vergessen“, sagt der Ex-Scheeßeler. Die Idee mit der Gulaschkanone sei ihm wenige Tage zuvorgekommen – nach einem Fernsehbericht über die Flüchtlingsströme. „Ich hatte ja schon ein paar Auslandseinsätze hinter mir, unter anderem in Bosnien – daher weiß ich um die Leistungsfähigkeit einer solchen Küche.“ Binnen kürzester Zeit hätten der Gyhumer und er eine Spendenaktion bei Facebook gestartet, bei der am Ende 8 000 Euro zusammengekommen seien. „Die Resonanz war so riesig, dass wir den Leuten nachher schon absagen mussten“, erinnert sich Romstedt. „Sonst hätten wir am Ende locker auch das Vierfache sammeln können – Geld, wo wir aber gar nicht gewusst hätten, was wir damit machen sollen.“

Am Donnerstagmorgen, nachdem zuvor alle Einkäufe getätigt und die Fahrzeuge beladen waren, ging es für die Gruppe um vier Uhr in der Früh los. Übernachtet habe man in einem schlichten Hotel im polnischen Dorf Medyka. „Das waren die letzten beiden freien Zimmer weit und breit“, berichtet Romstedt. Eine gute halbe Stunde sei man jeden Morgen zum Sammelpunkt an der Grenze gefahren. „Als wir das erste Mal dort ankamen, hatten wir überhaupt noch keinen Ansprechpartner.“ Der anfängliche Eindruck eines heillosen Chaos habe sich dann aber doch nicht als solches entpuppt. „Die polnischen Behörden haben das eigentlich ganz gut gemanagt, auf so eine Situation ist ja auch irgendwie niemand vorbereitet.“ Von Vorteil sei es jedenfalls gewesen, dass er selbst gut Russisch spreche. „Dadurch hat man schon viel regeln können.“ Irgendwann sei man auf einen Verantwortlichen von der Caritas gestoßen. „Der hat uns einen Standplatz auch direkt neben dem seiner Hilfsorganisation zugewiesen. Ja, und dann haben wir aufgebaut.“

Von Grünkohl bis Chili con Carne

Mit dem Hinweis „Free Meal“, zu deutsch: Kostenloses Essen, warb das Quartett für sein herzhaftes Angebot – und das nicht nur an die Flüchtlinge gerichtet, sondern an alle, die auf dem Parkplatz zugegen waren, darunter Polizisten, Feuerwehrleute, Caritas-Vertreter und Mitglieder vom polnischen THW. „Am ersten Tag gab es ein mildes Chili con Carne“, berichtet der 49-Jährige. Im weiteren Verlauf fanden unter anderem auch Grünkohl mit Bregenwurst dankbare Abnehmer, ebenso wie Erbensuppe sowie Leberkäse mit Bratkartoffeln, Ei und Omelett.

Wie man sich den Sammelpunkt in Przemysl vorstellen kann, beschreibt Thomas Buhmann (53), der ebenfalls mit Romstedt befreundet ist: „Dort gibt es eine riesige Halle, in der man den geflüchteten Menschen eine Registrierungs- und Schlafstelle geboten hat.“ Etwa alle zehn Minuten seien Busse mit Neuankömmlingen aus der Ukraine vorgefahren. „Sobald die Leute registriert waren, sind die mit anderen Shuttle-Bussen aus Deutschland, aus Österreich und Italien wieder weggefahren worden.“ Andere seien in Autos gestiegen, um privat von einer Mitfahrgelegenheit Gebrauch zu machen, berichtet der Banker. Und Romstedt ergänzt: „Wenn dort nicht die vielen Flüchtlinge mit ihren Kindern gewesen wären, hätte man geglaubt, man sei auf einem deutschen Flohmarkt.“ Damit spielt er auf die Flut an Sachspenden an, die vor Ort aufgelaufen sei – darunter tonnenweise alte Klamotten. „Ich möchte aber betonen, dass Kleidung gar nicht gebraucht wird – was am meisten fehlt, sind Powerbanks, weil die Menschen teilweise 72 Stunden unterwegs waren und ihre Handys nicht laden konnten.“

Die Dankbarkeit für das Gratis-Essen war groß.
Die Dankbarkeit für das Gratis-Essen war groß. © -

Am Ende ihres fünftägigen Bewirtungseinsatzes hatte die Gruppe rund 4 000 warme Mahlzeiten ausgegeben sowie 500 Liter Heißgetränke. Bereits am dritten Tag, erzählt Patrick Romstedt, habe man in einem nahegelegenen Großmarkt schon Nachschub einkaufen müssen. Zufrieden zieht er Bilanz: „Wir fahren mit keinem einzigen Gramm an Lebensmitteln zurück.“

Gerne wäre man noch länger geblieben, hätte die Gulaschkanone am Laufen gelassen. „Man muss aber auch ganz ehrlich sagen, dass die andauernde Kälte einem irgendwann ganz schön zu schaffen macht, man steht den ganzen Tag auf den Beinen – und dann kommen noch die ganzen Eindrücke hinzu, es war ja auch ziemlich wuselig.“ So hätte man eigentlich ein zweites Team gebraucht, um zwischendurch auch mal abschalten zu können.

Bei aller Geschäftigkeit – einmal seien ihm vor Traurigkeit tatsächlich die Tränen gekommen. „Da saß eine Mutter mit ihrem kleinen Jungen – der Schrecken über das Erlebte stand beiden tief ins Gesicht geschrieben“, erinnert sich Romstedt. In dem Moment habe er sich für zehn Minuten zurückziehen müssen. „Denn es hilft ja nichts, wenn man dort auch weint.“

Auch interessant

Kommentare