Vortrag am 21. Februar in Scheeßel

Medienkonsum mit hohem Suchtpotenzial: Sozialarbeiter im Interview

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Der übermäßige Medienkonsum - unter anderem mit Smartphones - wird immer mehr zum Problem.

Scheeßel/Hannover - Von Lars Warnecke. Egal ob Smartphone, Computer oder Tablet - viele bewegen sich heute einen Großteil des Tages online. Dass dieses Verhalten zur Sucht werden kann, ist den meisten aber noch nicht bewusst. Beim Hannoveraner Verein „Neues Land“, der Präventionsmaßnahmen umsetzt, ist der Medienkonsum neben Tabak, Alkohol und Cannabis ein wichtiger Aufgabenbereich.

Einer seiner Vertreter, der Sozialarbeiter Daniel Rose, spricht nächste Woche beim Männertreff Scheeßel zum Thema Mediensucht. Vorab stand uns der 30-Jährige, der selbst viele Jahre lang onlinesüchtig war, Rede und Antwort.

Herr Rose, fast jeder, so hat man das Gefühl, „hängt“ an seinem Smartphone. Wie oft schauen Sie am Tag auf Ihr Handy?

Das stimmt - dieses Gefühl kenne ich. Natürlich schaue ich auch häufig auf mein Smartphone und bin auch ein begeisterter Nutzer. Jedoch versuche ich auch, im Umgang mit meinem Smartphone Grenzen zu setzen und gerade an freien Tagen genieße ich es, wenn ich es zu Hause lasse und einfach nicht erreichbar bin.

Mit Sucht verbinden viele hauptsächlich immer noch Drogen oder Alkohol, Mediensucht hingegen wird oftmals noch abgetan und belächelt. Wieso ist das so?

Das liegt daran, dass es auf der einen Seite ein neues Phänomen ist. Aktuell gibt es noch keine offizielle Diagnose im ICD-10-Katalog - einer Sammlung aller Krankheiten und psychischen Erkrankungen. Das wird sich zumindest für die Onlinespielsucht in diesem Jahr mit der Einführung des ICD-11 ändern. Ein suchtgeprägter Smartphone-, Internet- oder auch Pornografiekonsum wird darin jedoch nicht beschrieben. Das ist meiner Meinung nach fahrlässig, da auch in diesen Bereichen viele Potenziale stecken. Bis der nächste offizielle Diagnosekatalog von der WHO ratifiziert wird, werden dann wahrscheinlich wieder mehrere Jahre vergehen.

Aber das Thema gewinnt an Bedeutung?

Definitiv! Die Digitalisierung ist in vollem Gange. Die Industrie bringt viele sinnvolle Geräte wie das Smartphone heraus - die Frage ist nur, ob wir als Kultur, Gesellschaft, in Schule, Erziehung, Familie und vielen anderen Bereichen auch die Zeit haben, um das Medium oder die neue Technik auch bewusst kennenzulernen? Wenn das nicht der Fall ist, fressen wir den Herstellern aus der Hand, kaufen ihnen alles ab, ohne auch die kritische Seite zu sehen. Neil Postman, ein Medienkritiker aus den 1960er- und 1970er-Jahren hat damals schon gesagt: „Mit jeder neuen Technik gewinnen wir etwas und verlieren wir etwas.“ Die Frage ist nur, ob wir die Verlustseiten - beispielsweise die Sucht - auch sehen wollen.

Unsere Welt, gerade auch die Berufswelt, ist vernetzt. Wir sind es gewohnt, jederzeit erreichbar zu sein. Kann man sich überhaupt noch entziehen?

Das ist sehr schwierig. Die Frage lautet, was die Erwartungshaltung von den Vorgesetzten und den Kollegen ist. Die spannendere Frage ist, wie ich finde die, ob ich mich auch in meiner Freizeit der Vernetzung für eine bestimmte Zeit entziehen kann? Kann ich auch offline sein, das aushalten und auch für meine Kinder oder Enkelkinder vorleben?

Wo liegt bei einer exzessiven Nutzung eigentlich die Grenze zwischen Genuss und Sucht? An was kann man eine Mediensucht festmachen?

Sozialarbeiter Daniel Rose

Diese Grenze ist sehr individuell und auch schwimmend. Man kann sie zum Beispiel nicht an einer Zeit festmachen. Die Frage ist: Hast du die Kontrolle oder kontrolliert das Medium dich? Reagierst du auf jede Notification sofort? Hast du als Gamer eine Balance zwischen Realem und deinen virtuellen Erfolgen? Wie steht es um dein Selbstbewusstsein? Wo erlebst du Steigerungen in deinem Konsum und gleichzeitig Verluste in Beruf, Bildung oder Beziehungen? Das sind für mich in der Beratung von Eltern und Betroffenen einige der entscheidenden Faktoren.

Sind Frauen anfälliger für ein solches Suchtverhalten als Männer?

Das ist eine sehr spannende Frage. In der Beratungspraxis kommen mit wenigen Ausnahmen nur Männer oder Eltern mit ihren Söhnen. Dabei wird immer das Zocken als Hauptproblem bezeichnet. Die Pinta-Studie aus 2011, was im Vergleich uralt ist, besagt, dass Mädchen gerade in sozialen Netzwerken eine fast höhere Prävalenz als die zockenden Jungs haben. Jedoch ist das Suchtbewusstsein der Eltern in diesem Bereich nicht gleichwertig mit dem Sohn, der sehr viel zockt. Das liegt auch daran, dass viele Eltern Social Media nutzen und daher für unproblematisch halten. Auch hier gibt es unter Erwachsenen eine große Dunkelziffer.

Gibt es auch für Mediensüchtige einen Leidensdruck?

Klar, vom Alleinsein, über die soziale Isolation bis hin zu Sozialphobien, gleichzeitig aber der Wunsch nach Beziehungen und Annahme. Co-Abhängigkeiten von der Mutter - also das Hotel Mama. Das Gefühl des Versagens, wenn man sich mit Freunden oder Geschwistern vergleicht, Abbrüche in Studium oder Ausbildung sind oftmals die ersten Indikatoren einer manifestierten Sucht. Dazu können Geldnöte und Verwahrlosung kommen.

Was können Familienangehörige oder Freunde tun, wenn sie bemerken, dass jemand aus ihrem Umfeld mediensüchtig ist?

Sich selbst Beratung suchen, auch dann wenn der Betroffene an dem Gespräch nicht teilnehmen möchte. Wie in allen Suchtbereichen suchen sich Angehörige und auch Betroffene oftmals zu spät Hilfe. Es gibt zum Beispiel über den Fachverband Medienabhängigkeit e.V. eine Liste von Beratungsstellen, Psychologen und Einrichtungen ein großes Netz an Hilfen in ganz Deutschland. Ein weiterer Schritt ist es, nicht im Affekt zu handeln, sondern eine geeignete Gelegenheit zu schaffen, in der der Betroffene nicht konsumiert und versucht, seine Digitale Welt zu verstehen. Ehrliche Fragen und ehrliches Interesse sind ein erster Schritt, um auf der Beziehungsebene auf die Person zuzugehen.

Welche positiven Effekte haben die neuen Medien?

Eine Menge - oftmals jedoch bis zu einem bestimmten Punkt. Wir haben jederzeit Zugang zu allem Wissen - die Frage ist, welchen Wert hat dann das Studieren einer Thematik. Wir können uns im Netz Gehör verschaffen - die Frage ist, wie wir in einen guten Meinungsdiskurs gehen? Durch Netflix, YouTube und Co. sind wir nicht mehr auf einen Programmchef angewiesen, der genau meinen Unterhaltungsgeschmack entspricht - aber wo ist Peter Lustig, der uns dazu auffordert abzuschalten? Jeder YouTuber fordert unsere Kinder auf, noch weitere Videos zu gucken, die Glocke zu drücken und zu abonnieren, damit unser Smartphone in dem Moment klingelt, wo das nächste Video online geht. Meine Meinung ist: Die Digitalisierung bietet viele Chancen - doch wir müssen sie kontrollieren und beherrschen können, weil wir sonst von Smartphone und Internet fremdbestimmt werden. Das ist, was ich als Medienmündigkeit verstehe.

Vortrag in Scheeßel

Daniel Rose, 30 Jahre alt, bezeichnet sich selbst als „Digital Native“. So wird eine Person der gesellschaftlichen Generation bezeichnet, die in der digitalen Welt aufgewachsen ist. Zwischen seinem 16. und 21. Lebensjahr hat er exzessiv und süchtig PC-Spiele gespielt. 

Nach seiner Suchtkarriere schulte der Hannoveraner um und ist jetzt bei „computence – Fachstelle für Medienkompetenz“ in der Landeshauptstadt als Sozialarbeiter angestellt. Diese ist Teil der christlichen Drogenarbeit „Neues Land e.V.“ Im Rahmen von Prävention und Vorträgen ist er mit den Themen „Digitale Sehnsucht“, „Medienmündigkeit statt Medienabhängigkeit“ und anderen in ganz Niedersachsen und manchmal auch darüber hinaus unterwegs. 

Am Donnerstag, 21. Februar, referiert Rose beim Männertreff Scheeßel. Beginn ist um 19 Uhr im Übungszentrum des Scheeßeler Männerchors, Am Kreuzberg 19. Interessierte Männer melden sich bis zum 18. Februar bei Hans-Dieter Krohn, Telefon 04263 / 789, E-Mail: h-d.krohn@t-online.de) oder bei Jürgen Kahrs, Telefon 04263 /1630, E-Mail: juergen.kahrs@ewetel.net an. Es wird ein Kostenbeitrag von acht Euro erhoben.

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