MEIN BUCH UND ICH Renate Spiecker bringt es lyrisch auf den Punkt

Von Maulwürfen und Miracoli

Seit 51 Jahren verheiratet: Renate Spiecker mit ihrem Mann Fritz-Walter. Der ist nur eine von vielen Inspirationsquellen für ihre Reime und Kurzgeschichten. Fotos: Warnecke

Veersebrück – Es ist ein bisschen ruhig geworden um Renate Spiecker. Nicht, dass sie nicht auch im Alter von 80 Jahren noch viel um die Ohren hätte. Nein, die rüstige Seniorin, die mit ihrem Mann Fritz-Walter (84) in Veersebrück lebt, weiß sich schon zu beschäftigen. Nur als Schriftstellerin, genauer als zugegeben begnadete Autorin von Kurzgeschichten und Reimen, ist Spiecker schon seit Längerem nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgetreten. Zwei Bücher, „Menschen, Macken und Mord“ und den ausschließlich aus Reimen bestehenden Band „Liebe, Diebe, Triebe“, hat die frühere Juristin binnen kurzer Zeit herausgebracht. 2014 und 2016 war das. Erschienen sind beide Werke im Selbstverlag. Ob es noch ein drittes Buch geben wird? Spiecker grübelt. „Überlegt hatte ich das schon, nur weiß ich nicht, ob ich mir das wirklich noch mal antun soll.“ Einerseits stünde vor einer Veröffentlichung jede Menge Arbeit auf dem Programm, die von der Ausstattung bis hin zum Redigieren reiche, andererseits sei da ja auch noch ihr Mann. „Der hat es nun mal nicht gerne, wenn ich ihm nicht genug Aufmerksamkeit schenke, stattdessen mit meinen Gedanken ganz woanders bin“, schmunzelt Spiecker. Und dann wird die ansonsten so heitere Frau mit dem lockeren Zungenschlag doch für einen kurzen Moment ernst: „Zugegebenermaßen hatte ich mir auf meine Bücher auch ein bisschen mehr Echo gewünscht, da war ich schon etwas enttäuscht.“

An der Qualität ihrer Texte, die allesamt im Kern autobiografische Züge tragen, aber doch fiktiv zugespitzt sind, kann der geringe Zuspruch jedenfalls nicht liegen. Viel hat sie in den vergangenen Jahren schon wieder zu Papier gebracht. Humorvolles wie auch Melancholisches, manchmal auch ganz schön makaberen Stoff – eben wie man es aus ihren Veröffentlichungen, mit denen sie seinerzeit auch Lesungen in der Region unternahm, kennt. „In allen Geschichten steckt zu 100 Prozent Renate Spiecker“, versichert sie. „Oder auch mein Mann, mit dem ich jetzt schon 51 Jahre durchs Leben gehe.“ Der sagt: „Ich liefere den Stoff, den sie dann verarbeiten muss. Sie glauben ja gar nicht, wie ergiebig ich bin!“

Dabei liegt die Betonung tatsächlich auf „muss“. Denn um das, was Renate Spiecker im Alltag erlebt und bewegt, in Begegnungen wie in Beobachtungen, kommt sie gar nicht drum herum, als es niederzuschreiben und in Verse oder knackige, pointierte Stories zu gießen. Getreu der Devise: Im Kern steckt die Wahrheit, und drumherum wird eine Geschichte konstruiert. „Das Schreiben habe ich immer gemacht, wenn mir etwas einfiel, nur fehlte mir im Beruf doch auch oft die Zeit dazu“, sagt die Frau, die ihre Wurzeln in Scheeßel hat, über viele Jahre mit dem Gatten, ebenfalls Jurist, in Köln lebte und in Düsseldorf eine große Behörde leitete. Nur, betont sie, könne sie sich auch nicht einfach an den Schreibtisch setzen und auf Krampf komm raus zu Werke gehen. „Es muss schon in mir gären.“

Und so kam Spiecker letztendlich erst recht spät dazu, ihrer insgeheimen Leidenschaft zu frönen. Neuere Ergüsse drehen sich um Maulwürfe, denen sie sich in der Kurzgeschichte mit dem Titel „Mutation oder Genveränderung?“ widmet, um kaputtgegangene Freundschaften (frech-frivol aufgearbeitet in „Das verräterische Telefonat“) und das Lieblingsgericht ihres Mannes, Miracoli, ohne das der Werder-Fan traditionell kein Heimspiel besucht, bevor er es nicht am Mittagstisch verspeist hat. „Es ist ein wahres Loblied auf das Gericht, mit dem der Produzent prima Werbung machen könnte“, ist Spiecker überzeugt. Angeboten habe sie den Text jedenfalls schon dem Hersteller. „Der hat aber dankend abgelehnt.“

Auch über den Tod hat sie mittlerweile einige Beiträge zu Papier gebracht. Einer sei dabei trotz ernsthafter Thematik, wie sie jetzt wieder in der Corona-Krise besonders aktuell ist, doch „recht fetzig“ geraten, wie sie es nennt. Zum Beweis trägt sie den Reim inbrünstig vor: „Ich bin alt und meine Füße immer kalt. Ich kann nicht mehr gut sehen, nicht mehr laufen, bald werde ich meine letzten Schuhe kaufen. Dann kommt das Sterben, einige werden trauern, doch freuen wird‘s die Erben. Ich werde das letzte Geheimnis ergründen, die Wahrheit über den Tod herausfinden. Komme ich ins Paradies, wie die Kirche es verhieß? Oder muss ich in der Hölle sitzen mit roten Ohren, immer schwitzen? Werden die guten Tage gegen meine Sünden aufgewogen? Kommt mir ein Engel zur Hilfe geflogen? Oder geht es mir wie Hund, Katze und Maus? Es ist alles einfach nur aus?“

Es sind Worte, die nachdenklich machen, und die dennoch zum Schmunzeln verleiten. Genau diese Balance beherrscht Renate Spiecker aus dem Effeff. Ob ihr etwas fehlen würde, wenn sie das Schreiben aufgeben müsste? „Ehrlich gesagt nicht, ich bin ja mit dem Garten, dem großen Haus und dem Kochen auch so gut ausgelastet“, sagt sie.

Und dann kommt Spiecker auf etwas zu sprechen, das sie seit dem Erscheinen ihrer Bücher selbst nicht mehr losgelassen habe. „Mein Wunsch war es, dass meine Reime, vor allem die humorvollen, für ein Hörbuch eingesprochen worden wären.“ Nicht von irgendwem, sondern von der vom TV-Bildschirm her bekannten Schauspielerin und Komikerin Annette Frier. Zu der hat das Ehepaar Spiecker, selbst kinderlos, nämlich ein besonderes Verhältnis. „Mein Mann hat mit ihrem Vater früher in einer Kanzlei zusammengearbeitet, sie waren befreundet – so haben wir hin und wieder die kleine Annette zu uns geholt und auf sie aufgepasst, wenn die Eltern abwesend waren.“ Abgerissen sei der Kontakt zu der längst prominenten Künstlerin nie so ganz – „sie hätte das mit dem Hörbuch auch mir zuliebe gerne gemacht, nur habe ich für das Projekt leider keinen Verlag finden können.“

Obwohl dieser Wunsch bis dato unerfüllt blieb und auch die Resonanz auf ihre Werke nicht so ausfiel, wie sie eigentlich gehofft hatte: „Es gibt wahrlich Schlimmeres, wenn man sich gerade die Welt da draußen anschaut“, sagt Spiecker. Den Humor, mit dem sie durchs Leben geht, lasse sie sich aber auch weiterhin nicht nehmen. „Und wer weiß“, ergänzt Ehemann Fritz: „Vielleicht kommt der große Durchbruch, wenn wir gar nicht mehr auf der Welt sind.“

Wo gibt‘s das zu kaufen?

„Menschen, Macken und Mord“ und „Liebe, Diebe, Triebe“ sind bei „Books on Demand“ erschienen. Die ISBN lautet 9783735730886 für das erste Buch (Preis: 8,50 Euro) beziehungsweise 9783741243356 (neun Euro) für das zweite. Bestellmöglichkeiten gibt es im Internet unter www.bod.de.

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