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60 Jahre nach Sturmflut in Hamburg: Scheeßelerin teilt ihre Erinnerungen an die Jahrhundertkatastrophe

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Von: Lars Warnecke

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Lore Liebke-Begemann zeigt das Buch, das ihr Mann vom Hamburger Senat als Dankesgabe für seinen Einsatz in den überfluteten Gebieten bekommen hat.
Lore Liebke-Begemann zeigt das Buch, das ihr Mann vom Hamburger Senat als Dankesgabe für seinen Einsatz in den überfluteten Gebieten bekommen hat. © Warnecke

Vor 60 Jahren brachen in Hamburg die Deiche, mehr als 300 Menschen starben. Lore Liebke-Begemann aus Scheeßel blickt zurück auf die Sturmflut – und auf den beherzten Rettungseinsatz ihres Mannes. „Man hat es nicht wahrhaben wollen“, sagt die 81-Jährige.

Scheeßel – Es ist die Nacht zum 17. Februar 1962: Hamburg wird von einer schweren Sturmflut getroffen. In der Folge brechen an 60 Stellen die vermeintlich schützenden Deiche. Die Jahrhundertkatastrophe, die Orkan „Vincinette“ anrichtet, hinterlässt Tod und Verwüstung. 315 Menschen sterben, darunter auch fünf Helfer. Mehrere Tausend Menschen werden obdachlos.

Ein Retter, der damals als freiwilliges Mitglied im Bundesluftschutzverband beherzt mit anpackte, ist Karl Hermann Liebke. 2015 ist er gestorben. Fast auf den Tag genau 60 Jahre nach den tragischen Ereignissen in der Hansestadt sitzt Lore Liebke-Begemann, die Ehefrau, zum Plausch mit unserer Zeitung in ihrer kleinen Wohnung in Scheeßel. Sie möchte berichten, davon erzählen, wie sie und ihr damals Verlobter die historische Flut erlebt haben. Dafür schlägt die 81-Jährige ein Buch auf. Es handelt es sich um eine Dankesgabe des damaligen Hamburger Bürgermeisters an die hunderten Helfer – mit persönlicher Widmung im Namen des Senates. „Das Buch hat mein Mann im Oktober ‘62 auf einer Gedenkveranstaltung auf dem Rathausvorplatz bekommen“, sagt Liebke-Begemann. Es erinnert in Wort und Bild an die Sturmflut – und an deren Opfer. Am Ende finden sich die 315 Namen. Viele, das zeigen die Altersangaben, mussten viel zu jung sterben.

„Das Ganze war einfach furchtbar“, meint die Witwe rückblickend, die erst seit vier Jahren in Scheeßel wohnt, nachdem das Paar 35 Jahre in Stemmen beheimatet war. Ihr Mann lebte damals noch zentral in Hamburg, arbeitete in der Papierfabrik des Vaters. Sie war mit ihrer Mutter in Bergedorf zu Hause und dort auch als Friseurin tätig. „Von unserer Wohnung im vierten Stock aus hatten wir einen herrlichen Ausblick auf Vierlanden“, erinnert sich Liebke-Begemann. In der Nacht, als die Deiche brachen, sei sie von Sirenengeheule aus dem Schlaf gerissen worden. „Wir schauten aus dem Fenster uns erspähten in der Ferne gigantische Scheinwerfer, die man bereits an einem der Durchläufe postiert hatte.“ Selbst in dem Moment habe sie nicht an Wasser gedacht, sondern an ein großes Feuer.

Tags darauf, sie sei zu Fuß auf dem Weg zur Arbeit gewesen, habe sie im Vorbeigehen erspäht, dass die Schule im Ort bereits von THW, DRK und der Bundeswehr in Beschlag genommen worden sei. „Die brachten einen Teil der Menschen, die evakuiert werden mussten, direkt in diese Schule rein.“ Das sei ihr in dem Moment aber noch gar nicht klar gewesen.

Retter in der Not: Karl Hermann Liebke.
Retter in der Not: Karl Hermann Liebke. © -

Erst am Abend meldet sich der Verlobte am Telefon. „Er sagte: ,Lore, du glaubst nicht, was bei uns los ist: Hamburg ist abgesoffen!‘ Er sei den ganzen Tag über damit beschäftigte gewesen, die Leute, die auf ihren Hausdächern ausharren mussten, in die Schlauchboote zu setzen.“ Die Katastrophe selber habe sie über die Nachrichten im Fernsehen mitverfolgt. Und das mit absoluter Ungläubigkeit, wie sie sagt. „Das waren Bilder, die man einfach nicht wahrhaben wollte, denn es hieß ja immer, die Deiche in Hamburg seien sicher – das waren sie nicht, sie waren einfach zu niedrig.“

Nach dem Hilfseinsatz eilt Karl Hermann Liebke völlig erschöpft zu seiner Verlobten. Viel gesprochen hat er nicht über das Erlebte. Und das sollte sich bis zu seinem Tod vor sieben Jahren auch nicht ändern. „Mein Mann hat so etwas immer tief in sich behalten. Es hieß von ihm immer nur, wie schlimm das alles war“, sagt die Seniorin.

Und dann kommt sie noch auf eine Tante zu sprechen, die selbst ihr ganzes Hab und Gut durch die Sturmflut verloren habe. „Sie und ihr Mann lebten in einer Siedlung, die ursprünglich errichtet worden war, um den Ausgebombten aus dem Krieg Behelfsheime bieten zu können“, erläutert Liebke-Begemann. Dass es diese Siedlung nicht mehr gab, nachdem die Naturgewalten über sie hereingebrochen waren, habe dem Paar schlussendlich das Herz gebrochen. „Erst haben sie den Krieg und die Bombenangriffe erlebt, dann diese Katastrophe – zwei Neuanfänge, das haben sie seelisch nicht verkraftet“, weiß die Nichte. In ihrer Hamburger Neubauwohnung, die sie vom Staat bekommen hätten, seien beide dann auch wenige Jahre später kurz hintereinander verstorben. „Sie kamen nicht darauf klar, dass sie ihre zweite Heimat, die man sich mühsam aufbauen musste, nun auch noch verloren haben.“

Stundenlang harrten die Bewohner auf den Dächern ihrer zerstörten Häuser aus.
Stundenlang harrten die Bewohner auf den Dächern ihrer zerstörten Häuser aus. © -

Dass sich damals vor 60 Jahren etwas Schlimmes zusammenbrauen würde, davon habe sie schon eine Woche vor der Sturmflut eine Ahnung bekommen. „Ich bin mit meinem Verlobten und einem befreundeten Ehepaar für einen Kurzurlaub in den Harz gefahren – da hat uns der Gastwirt des Hotels erzählt, es käme ein wahnsinniger Sturm auf, wir sollten doch besser wieder zurück nach Hamburg fahren.“ Und tatsächlich: Auf der Heimreise im VW Käfer, kurz vor Celle, hätten stellenweise schon die Bäume auf der Bundesstraße gelegen. „Man hat gemerkt, da kommt was.“

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Dann schlägt Lore Liebke-Begemann das Buch, ein Zeitzeugnis aus dieser Zeit, wieder zu. Obwohl sie selbst nicht unmittelbar von der Katastrophe betroffen gewesen sei – wenn es draußen stürmt, verspüre sie auch heute noch ein ungutes Gefühl. Im Oktober, acht Monate nach der Tragödie, habe sie ihren Karl Hermann schließlich geheiratet. 2012 konnte das Paar das Fest der Goldenen Hochzeit feiern. Das Jahr 1962 – für beide war es eines, in dem Freud und Leid ganz dicht beeinanderlagen.

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