„Man schon sehr offen sein“

Interview: Henning Pertiet spielt Boogie Woogie auf der Orgel

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Unlängst spielte er Boogie am Klavier in Wohlsdorf, Sonntag ist Henning Pertiet an der Orgel in der Scheeßeler St.-Lucas-Kirche zu sehen.

Scheeßel - Henning Pertiet ist für seine Auftritte als Blues- und Boogiepianist bekannt, solo wie unlängst in Wohlsdorf oder gemeinsam mit seinem Onkel, Blues-Veteran Gottfried Böttger. Am Sonntag ist der Verdener in Scheeßel allerdings nicht am Klavier, sondern an der Orgel zu erleben. Warum? Wir fragten nach.

Herr Pertiet, Sie sind den meisten eher als Boogie-Woogie-Pianist denn als Organist bekannt – wie sind Sie zur Orgel gekommen?

Henning Pertiet: Im Grunde hat das eine lange Vorgeschichte: Meine Eltern waren beide sehr religiös und ich als Kind oft in der Kirche dabei. Daher war mir die Orgel von jeher als Geräusch sehr präsent, was ich aber nicht so gerne mochte. Bis vor ein paar Jahren habe ich alles, was damit zu tun hat, negiert und richtiggehend abgelehnt. Vor 13 Jahren hat mir ein Bekannter eine Aufnahme von César Franck geschenkt. Das war etwas völlig Anderes als das, was man bei uns so im Gottesdienst hört: nicht hart und schrill, sondern warme, weiche Klänge. Das hat mich angemacht.

Und dann haben Sie sich irgendwann einfach dran gesetzt? So eine Orgel hat man ja nicht gerade zuhause herumstehen…

Pertiet: Nein, das waren viele Zufälle. Ich habe mir 2002 Noten von Franck besorgt. Nach einigen Wochen üben an der Orgel war mir klar: Das kann ich nicht – und wieder weggelegt. Parallel dazu hatte ich 2001 durch eine tiefe Unzufriedenheit angefangen, frei zu improvisieren, allerdings am Klavier. Aber ich hatte immer das Gefühl: Irgendwas fehlt da. Im Sommer 2013 kam es wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Das müsste ich mal an der Orgel machen! Abends habe ich eine Mail an Almuth Quehl geschrieben, die sich in Kirchwalsede um die Kirchenkonzerte kümmerte. Sie habe ich gefragt, ob ich da nicht mal ein Orgelkonzert spielen könnte.

Ohne je an einer Orgel gesessen zu haben?

Pertiet: Ja. Zwei Stunden später rief sie zurück und sagte: „Gern, und zwar am Freitag.“ Da war gerade jemand ausgefallen. Dann habe ich mir die Orgel angesehen, zwei Nächte nicht geschlafen – und zugesagt. Und tatsächlich drei Tage später mein erstes Orgelkonzert gespielt, im Grunde ohne irgendeine Vorbereitung.

Das heißt, Sie wussten überhaupt nicht, was Sie spielen würden? Oder hatten Sie irgendwelche Motive oder Phrasen als „sichere Bank“, sollte es nicht klappen mit der Inspiration?

Pertiet: Nein, das funktioniert nicht – weil ich nichts spielen kann. Theoretisch hätte ich ja sagen können: Dann spiele ich halt Boogie Woogie, aber das klappt auf der Orgel gar nicht. Aber ich hatte eben auch gemerkt, dass das genau das ist, was ich machen will. Als ich mit 23 angefangen habe, Boogie Woogie zu lernen, war es dasselbe. Ich konnte gar nichts und habe gesagt: Ich werde jetzt Profi. Das ist ja genauso beknackt.

Wie ging es weiter – haben Sie je länger an einer Orgel gespielt, außerhalb eines Konzerts?

Pertiet: Ja, aber nur rudimentär. Aber ich habe mir ganz viel Orgelmusik besorgt, 50 bis 60 CDs in dem Jahr, von Bach bis Frank – und die habe ich Tag und Nacht gehört.

Sie haben daraus ja Ihren eigenen Stil entwickelt…

Pertiet: Wenn man so will – das ist ja das Problem bei der Improvisation, dass sich das dauernd wandelt. Das kann auch problematisch sein, weil keiner weiß, worauf er sich einlässt. Das weiß ich bis heute nicht.

Wie würden Sie Ihren Stil umreißen?

Pertiet: Das finde ich ganz schwer. Als Boogie-Pianist habe ich einen Stil. Als Organist ist der Stil vielleicht am ehesten so, dass ich mich von der Orgel leiten lasse. Ich weiß häufig auch gar nicht, welches Register ich da ziehe oder stoße – und ich mache das öfter, dass ich irgendwo drauf drücke, und mal gucke, was kommt.

Sie gucken sich die Register und hören sich die Orgel vorher nicht an?

Pertiet: Manchmal schon – in Scheeßel war ich noch nicht und werde höchstens ein, zwei Stunden vorher hinfahren, um mich reinzufühlen, wie sie so klingt. Die Idee dahinter ist: Ich setze mich hin und fange einfach an. Mir haben es mehrere Leute gesagt, die selber Orgel studiert haben, dass das kein Vollmurks ist.

Wobei Sie mit diesem Ansatz ja in Fachkreisen spalten. Andererseits gibt es ja auch viele Organisten, Pastoren und Kantoren, die Sie in ihren Kirchen nicht spielen lassen…

Pertiet: Das steht natürlich dem entgegen, was viele gelernt haben und was sie glauben, was die absolute Wahrheit ist. Das geht vielleicht manchmal über den Horizont hinaus. Ich kann das ein bisschen nachvollziehen. Wenn einer käme und würde Boogie rück- oder seitwärts spielen, würde ich auch erst mal denken: Was ist denn das für ein Spinner. Da muss man schon sehr offen sein.

Empfinden Sie sich im Hinblick auf die Akzeptanz in der Szene als schwarzes Schaf?

Pertiet: Ich bin eher erstaunt, wie viele das gut finden – von ganz kleinen Kirchen bis hin zu Orgelfestivals, auch in puncto Zuschauerzahlen im Vergleich zu den angestammten Konzerten. Ansonsten wiederholt sich die Orgelmusik in den Kirchen seit 200 Jahren ja immer wieder. Es gibt wenige, die da ausbrechen; das wird mit Kusshand angenommen.

hey

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