„Man hat mich machen lassen“

Mit Udo Drees verlässt ein kreativer Kopf die Gemeinde Scheeßel

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Udo Drees geht, seine Bilder und Fotos bleiben. In Zukunft kann sich der ehemalige Gemeindearchitekt ganz seinem Hobby widmen.

Scheeßel - 27 Jahre lang hatte er als Gemeindearchitekt maßgeblichen Einfluss auf das Gesicht der öffentlichen Gebäude des Scheeßeler Kernorts und der Ortschaften. Letzte Woche hat sich Udo Drees in den Ruhestand verabschiedet. Für unsere Zeitung zog er eine Bilanz über sein Berufsleben.

Herr Drees, 27 Jahre – das haben Ihre Rede und die Ihrer „Dienstherrin“ Käthe Dittmer-Scheele gezeigt, das ist ein ganz schönes Lebenswerk.

Udo Drees: Ja, als ich angefangen habe, mir Stichworte zur Abschiedsrede zu machen, habe ich gemerkt: Ich hätte tagelang weiterschreiben können. Angefangen von der supertollen Studienzeit Anfang der 70er-Jahre in Düsseldorf mit Nähe zur Kunstakademie, als Joseph Beuys noch lehrte, als unsere Baustatikberechnungen auf Aktionskunst prallten, als Kunststudenten ein Fell an die Wand hauten und sagten: „Das ist Kunst“ – da waren wir angehende Architekten baff. Eine kontroverse, spannende Zeit.

Wie lässt sich von da aus die Brücke ins beschauliche Scheeßel schlagen?

Drees: Für ein Architekturbüro hatte ich nach dem Studium den städtebaulichen Rahmenplan für Scheeßel erstellt. Als dort die Stelle als Gemeindearchitekt ausgeschrieben wurde, bekam ich sofort den Zuschlag.

Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Projekt?

Drees: Aber ja! Das war der Entwurf des Kindergartens Wohlsdorf – ich hatte eine Woche Zeit.

Später folgten dann Feuerwehrhäuser, die Gemeindebücherei, aber auch Umbauten wie die Grundschule Kreuzberg, zahlreichen Dorferneuerungsmaßnahmen, Gebäudeabbrüche und weitere unzählige Maßnahmen und Sanierungen, die Umgestaltung der Bahnhofstraße und des Kirchplatzes und weitere Kindergärten wie Jeersdorf, später mit der ersten Krippe in Scheeßel und der Sperlingsweg, für die Sie, wie die Anwesenheit der vielen Erzieherinnen bei Ihrem Abschied zeigt, immer ein besonderes Herz hatten.

Drees: Ja, das war ein besonders schönes Aufgabengebiet. Es ist einfach toll, wenn die Kids sich wohlfühlen – aber auch, die Projekte vom ersten Strich bis zur letzten Inneneinrichtung zu planen und zu betreuen. Man hat mich von A bis Z machen lassen. Für das Bildungswesen war immer Geld da, da war die Politik d‘accord.

Gab es auch Projekte, die weniger glatt liefen? Stichwort Sporthalle, deren leckendes Dach bei Basketball-Bundesligaspielen ja unlängst für den einen oder anderen Kommentar gesorgt hat?

Drees: Die eigentlich weniger – wenn man bedenkt, dass sie mit 27 Lichtkuppeln ausgestattet ist, wo die Dachfläche durchbrochen wird, hat sich die Konstruktion erstaunlich gut bewährt. Ein Projekt, das mir damals etwas Bauchschmerzen bereitet hat, war die Erweiterung des Schulgebäudes in Hetzwege, weil ich mich mit den Kosten ein wenig vergaloppiert hatte und in die Verwaltungsausschusssitzung musste, um 50 000 Euro nachzumelden. Das war mir vorher – und auch später – noch nie passiert. Neben einem schlechten Untergrund für die Wendeschleife hatten wir auch Munition aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden.

Sie haben Ihren Job ja wirklich geliebt, sonst hätten Sie nicht zwei Jahre dran gehängt – warum?

Drees: Der Reiz bestand darin, jeden Tag etwas Neues zu machen – von der Energieeinsparung über die zusätzlichen Aufgaben als Sicherheitsbeauftragter, Planungen von Inneneinrichtungen, Außenanlagen. Jeden Tag in eine neue Richtung zu denken – das hält fit!

Dabei würde man meinen, dass gerade die Struktur einer Gemeinde wenig Spielraum für eigene Entfaltung lässt.

Drees: Was die Arbeit verkompliziert hat, war nicht die Politik, sondern die immer komplexeren Vorschriften – das braucht viel Zeit. Für den Rat galt eher das Gegenteil: Die sind immer mitgegangen, ab und zu gab es sogar Stimmen: „Geht das nicht noch schneller?“

Bei aller Harmonie: Zumindest bei Ihren Vorstellungen zur Farbgebung herrschte nicht immer Konsens.

Drees: Ich habe schon Farbakzente gesetzt – vielen Gebäuden kann man ihre Funktion ansehen. Bei allem Grau der Bauten, den einheitlichen Farbtönen der Autos, bewundere ich die Holländer und Skandinavier. Sie machen vieles bunter, freundlicher, erfrischend. Aber unsere Mentalität ist hier einfach anders. Und man muss sich natürlich auch an das Farbempfinden der Menschen hier anpassen: Wir sind Dienstleister und nicht dazu da, uns selbst zu verwirklichen.

Und was kommt jetzt?

Drees: Fotografieren, einige Fotomarathons, endlich mal wieder Segeln, gegebenenfalls ein Studium in Bremen aufnehmen – ich will ja nicht verblöden. Und natürlich Malen. Großformatig – das ist einfach toll.

Täuscht der Eindruck, dass das weinende Auge überwiegt?

Drees: Nun ja, leider gibt es ja kein „allmähliches Fading Out“. Allerdings birgt der neue Lebensabschnitt für mich keine Schrecken. Es trifft ja irgendwann jeden. Neu denken, ausgetretene Pfade zu verlassen wie in anderen Lebensabschnitten auch, etwa, wenn die Kinder das Haus verlassen – das eröffnet auch Chancen und neue Möglichkeiten.

Was werden Sie am meisten vermissen?

Drees: Es ist wohl die unglaubliche Vielfalt des Jobs – und natürlich die tollen Kollegen. Viele kenne ich seit 27 Jahren.

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